
Das Kreuz der Sprache. © Thilo Baum: Komm zum Punkt! Das Rhetorik-Buch mit der Anti-Laber-Formel. Eichborn 2009
Gestern Abend habe ich etwas verstanden. Der Mainstream in Deutschland scheint davon auszugehen, dass man allein durch ein Germanistik-Studium oder in der Funktion eines Deutschlehrers gut in Sprache sei. Ich habe kapiert: Die Menschen ignorieren die Dimension „gut/schlecht“ im Kreuz der Sprache und meinen, es gebe nur die Dimension „richtig/falsch“.
In einer Diskussion über oberlehrerhafte Besserwisserei und Menschen, die in Texten anderer die „Fehler“ mit der Pinzette nach oben halten, fragt eine Frau: Aber wenn es keine Oberlehrer mehr gäbe, wer soll dann auf Sprachqualität achten? Und da habe ich begriffen, dass sie bislang allen Ernstes glaubte, bei Sprache ginge es nur um das Korrekte. Ich antwortete: Gute Redakteurinnen und Redakteure können das. Denn die machen Sprache nicht nur richtig, sondern vor allem auch gut.
Dieser Zusammenhang scheint im Denken insgesamt nicht verankert zu sein. Dass man gutes Deutsch auf Journalistenschulen lernt, nicht aber im Germanistik-Studium. Die Menschen denken: Lass einen Deutschlehrer über deine Webseitentexte schauen, dann sind sie gut. Und das ist ein Denkfehler. So „korrekt“ die Texte eines Germanisten auch sein mögen – gut sind sie deswegen noch lange nicht.
Im Sommersemester 1992 dachte ich einmal, Linguistik studieren zu müssen. In einem Seminar mit dem Titel „Der Konjunktiv im heutigen Deutsch“ hörte ich vieles, was für mich als Fan des Zeit-Magazin-Kreuzworträtsels zwar spannend war, aber zugleich völlig unbrauchbar. Sinnloses, unnützes Wissen ohne Praktikabilität. Ich packte mein Zeug und stand auf. Der Dozent fragte: „Und wo gehen Sie jetzt hin?“ Ich antwortete: „Ich gehe mich jetzt exmatrikulieren. Das bringt mir hier nichts.“ Zum Glück!
Fortan konnte ich mich auf Theaterwissenschaft und Publizistik konzentrieren, das Ganze mit den Schwerpunkten Dramaturgie und Wissenschaftsjournalismus. Und so befasste ich mich mit der Frage, wie man komplexe Dinge eingängig formuliert, so dass möglichst viele Menschen sie verstehen. Dann noch die Ausbildung zum Tageszeitungsredakteur an der Journalistenschule, an der ich inzwischen selbst unterrichte. Und meine Zeit beim Boulevard, Schlagzeilen schreiben, was einen geradezu darin trainiert, die Dinge herunterzubrechen (und sie dabei nicht zu verfälschen, ist geradezu minutiöseste Präzisionsarbeit). Man kommt dadurch schnell weg von den zwar richtigen, aber grottenschlechten Schachtelsätzen und Passivkonstruktionen, die Leser aussteigen lassen.
Heute biete ich Menschen und Organisationen an, ihre Texte knackiger zu machen. Geschrieben und gesprochen. Bevor das gelingt, ist manche Nuss zu knacken: Die Menschen sind großteils sehr davon überzeugt, ihre Formulierungen seien gut – schließlich haben sie eine Germanistik-Studentin drübergehen lassen, die gerade sogar ihre Diss schreibt. Trotzdem knallen die Webseitentexte nicht so richtig, und sie fragen sich, warum. Ich weiß es. Und diese Aufklärungsarbeit über das Kreuz der Sprache ist dem eigentlichen Job vorgelagert. Es geht darum, gut statt nur korrekt zu sein.



;-) das könig unter die radios! ;-)
Geeeeeenau.
gut = wirksam!
Gut ist meine Sprache, wenn sie beim Zuhörer/Leser das bewirkt, was ich beabsichtige zu bewirken.
Gut ist meine Sprache, wenn sie bewegt.
Gut ist meine Sprache, wenn sie (die beabsichtigte) Handlung auslöst.
Also: gut = wirksam!