Der Arbeitnehmer-Irrtum

 

Mein Beitrag „Die Wirtschaft“ brachte ja, wie manche andere Beiträge auch, nicht nur Zustimmung ein. Erstmals bekam ich so etwas wie eine Drohung. Einer meiner Stammleser kommentierte zunächst, ich solle nicht auf den Arbeitnehmern herumhacken. Er schrieb wörtlich: „Sie sind deutlich mehr wert als du. Sehr viel mehr.“

Ich vermute mal, der Leser hat das Buch „Mach dein Ding!“ nicht gelesen, aber egal. Seinen Kommentar gab ich nicht frei, weil Hetze hier nicht stattfindet, auch nicht gegen mich. Aber ich meldete mich per E-Mail bei dem Leser und teilte ihm mit, dass ihn dieser menschenverachtende Satz nun auf die Spamliste katapultiert habe. Er antwortete, das habe er sich fast gedacht, und: „Allerdings hast du mich jetzt geweckt und ich werde in Zukunft deine Aussagen und deine Taten genauer betrachten und das wird dich sicher noch mehr ärgern.“

Das muss schön sein, so ein Hobby als Gedankenpolizei für die politische Korrektheit. Ich habe zum Glück schon seit ein paar Jahren den Eindruck, dass meine Leserschaft sich zunehmend wandelt, weg von den Radikalen und politisch Korrekten aus „Blogosphären“-Zeiten hin zu selbstbestimmten Menschen, die das Handeln relevant finden, und diese Veränderung ist vermutlich auch ganz gut so.

Abends dann, nach meinem Rückflug aus Wien, war ich in Berlin schnell etwas essen. Ich mache das nicht mehr so oft, seit ich aufs Land gezogen bin, und heute Abend erfuhr ich einen weiteren Grund dafür: Ich kann das ganze Elend nicht mehr hören.

Am Nebentisch unterhielten sich zwei junge Frauen, es ging um den unbefriedigenden Job der einen. Wenn ich in Berlin weggehe, geschieht es ständig, dass ich Arbeitnehmer über ihre Jobs lamentieren höre, und genau darin besteht das Elend.

Sie war engagiert, hatte Ideen – alles für die Katz. Ein Manager („einer von diesen Kennzahlentypen“) erkannte nicht an, was sie tat – kurzum arbeitete sie für den Papierkorb, eine meiner Hauptthesen über das absurde Leben vieler Arbeitnehmer. Dann reklamierte das Unternehmen ihre Innovationen für sich – auch normal, nur sollte man dann eben nicht mit Leuten gemeinsame Sache machen, die einem an die Rechte gehen. Schließlich erstickte jede Form normaler Kommunikation in diesem Unternehmen in „Stiller Post“ und scheiterte an Machtspielchen. Kurz: Die Dame litt unter dem ganz normalen Konzern-Wahnsinn in Deutschland, der Millionen Arbeitnehmer frustriert. Sie litt unter dem Frust, in den unsere Schulen und Hochschulen junge Menschen systematisch entlassen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, dass das vielleicht nicht sinnvoll sein könnte.

Darüber schreibe ich. Das ist mein Thema. Ich sage nicht, Arbeitnehmer seien schlecht oder blöd. Ich sage, sie fahren auf den Gleisen, die man für sie vorgesehen hat, und versklaven sich auf moderne Art. Sie denken, die Selbstständigkeit sei „mutig“, obwohl sie selbst ihr Wohlergehen von nur einer Einkommensquelle abhängig machen, die jederzeit versiegen kann, sollte ein durchgeknallter Manager den Laden an einen Hedgefonds verkaufen. Ich schreibe über den Mainstream in Deutschland. Über das Elend „Arbeitsmarkt“.

Ich thematisiere den Arbeitnehmer-Irrtum. Den Denkfehler zu glauben, dieses fremdbestimmte Leben sei normal, obwohl nahezu jeder Mensch etwas kann, was ihn einzigartig macht. Das haben die meisten vergessen. Sie haben außerdem vergessen, dass es letztlich darum geht, einen Nutzen anzubieten, also selbst am Markt teilzunehmen, was sie als Arbeitnehmer bisher eben nur indirekt tun, mit der Folge, dass sie nicht für Leistung Geld bekommen, sondern für verstrichene Zeit. Ich sage: Ihr braucht einen Plan B, egal wo ihr steht. Hört auf, die Augen zu verschließen. Die Realität da draußen entspricht nicht eurer Scheinwelt. Ihr fahrt mit verbundenen Augen Auto. Euer so genannter „fester Job“ kann ruckzuck weg sein, und dann habt ihr keine Einkommensquelle mehr außer dem Staat, dann seid ihr Bittsteller, und euer ratenfinanziertes Häuschen wird zur Belastung. So zu leben und alles auf eine Karte zu setzen, das verdient in meinen Augen viel eher das Prädikat „mutig“, als wenn jemand sein Leben selbst in die Hand nimmt und es nicht fremden Menschen überlässt.

Zugleich habe ich nichts dagegen, dass sich jemand anstellen lässt. Auch damit kann man möglicherweise sein Ding machen – auch wenn man zu wenig verdient und Rechte an eigenen Ideen abtritt. Man möge dann bitte einfach nicht darüber meckern. Das ist, wie wenn ich mir eine pappige Pizza bestelle. Dann bekomme ich eben auch eine pappige Pizza. Meine Entscheidung. So etwas kann man vorher wissen.

Dass Menschen sich dagegen wehren, wenn man ihre Lebensgewohnheiten anzweifelt, das sind wir im Umgang mit Spießern gewohnt. Die Leute sind viel tiefer in ihrer Komfort-Zone verhaftet, als ich das zu Beginn meiner Selbstständigkeit 2004 noch zu denken wagte. Wenn wir Menschen helfen wollen, in ihrem Arbeitsleben glücklich zu sein, haben wir noch eine Menge Arbeit. Dass mir allerdings jemand mit totalitärer Rhetorik kommt und sagt, er werde mich nun genauer beobachten, das ist eine neue Qualität.

5 Kommentare zu „Der Arbeitnehmer-Irrtum“

  1. Bettina L'habitant

    Nach einer „Gallup“ Studie aus dem Jahre 2005 machen 69% der Arbeitnehmer Dienst nach Vorschrift, 18% (neuerdings 24%) sind in die innere Kündigung gegangen und lediglich 13% können sich mit ihrer Aufgabe identifizieren. Der Hauptgrund für dieses Dilemma ist mangelndes Interesse an der persönlichen Entwicklung des Arbeitnehmers und an seiner Meinung im Arbeitsalltag. Neben gravierender Führungsfehler liegen weitere Ursachen an dem geringen Eigenengagement an Faktoren wie Mobbing, starre Bürokratie, monotone Routinearbeiten und ein von Misstrauen geschwängertes Betriebsklima.

    Dieser erste Abschnitt lässt sich im Wesentlichen auf unser Schulsystem übertragen. Auch hier gehen Schüler in die innere Kündigung, weil sie glauben, sie seien ihren Lehrern egal, man nehme sie nicht ausreichend wahr und halte ihnen nur ihre Defizite vor. Auch Mobbing, monotone Unterrichtsabläufe, Angst vor Bewertung der Lehrer und Mitschüler, Angst vor Fehlern etc. hemmen die Entwicklung und Selbstentfaltung der Heranwachsenden. Ein weiterer, mit Sorge zu betrachtender Umstand ist, dass junge Menschen nicht mehr lernen, sich für etwas anzustrengen, dass Niederlagen ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Reife sind. Heute will man dem Schüler alles vom Hals halten, um ihm Leid und Frustrationen zu ersparen, er soll es ja mal besser haben. Doch sind es gerade die Aspekte Durchhaltevermögen, Geduld, Ziele verfolgen, hinfallen – aufstehen, weitergehen, die letztendlich den Erfolg ausmachen. Das lernen junge Menschen heute kaum. Sie werden zur Schule gefahren, Mutter trägt ihnen die schwere Schultasche,“ schwarze Peter“ werden hin- und hergeschoben, niemand mag mehr Eigenverantwortung übernehmen. Dabei werde ich meinen Hals niemals aus der Schlinge ziehen können, 50% der Verantwortung mag ich anderen anlasten, aber über die anderen 50% treffe ich die persönliche Entscheidung: Lasse ich das zu oder nicht?

    Für das spätere Berufsleben bedeutet das: Man gibt weiter und lebt, was man kennen gelernt hat! Erlernte Verhaltensmuster sind nur mit größter Anstrengung wieder zu verlernen.

    Einen Lösungsansatz sehe ich nur von Seiten der Menschen her, die Verantwortung tragen. Für die Schule bedeutet das: Bevor ich als Pädagoge erzieherisch tätig werden kann ( und da kann sicherlich auch das Management abgucken ), muss ich zunächst ein hohes Maß an Eigenarbeit leisten wie Selbstreflexion, Persönlichkeitsarbeit, Respekt vor der Aufgabe. Die Haltung ist vom Dienen, Taktgefühl, Hilfe durch Ermutigung, innerer Stärke, Durchsetzungsvermögen, Höflichkeit und Geduld geprägt. Die Zurückhaltung des Verantwortlichen ist leitendes Prinzip – ich halte mich zurück, gebe Hilfe zur Selbsthilfe, damit der andere wachsen kann ( nachzulesen bei Boris Grundl: die Diktatur der Gutmenschen und im Vortrag von Helene Helming: der Platz des Erziehers bei Montessori ). Ein Mensch, der in so einer wertschätzenden Atmosphäre aufgewachsen ist, wird sich einem „Konzern-Wahnsinn“ niemals aussetzen, weil er über einen so starken Selbsterhaltungstrieb verfügt, der sich zu einer erlernten Hilflosigkeit völlig kontraproduktiv verhielte.

    Fazit: Wir können also sehen, wie eng Schul- und Berufsleben miteinander verwoben sind, dass starke Arbeitnehmer und –geber das Produkt ihrer Schulerziehung sind, und dass der Grundstein allen Übels mit in der Schule gelegt wird. Deshalb mein Appell an die Gesellschaft: Helft mit, dass dass aus jungen Menschen verantwortungsvolle Persönlichkeiten werden können, denn souverän aufgestellte Heranwachsende werden sich immer behaupten und ein glaubwürdiges Bild abgeben. Jeder, der Eigenverantwortung übernimmt, leistet einen enormen Gesellschaftsbeitrag.

  2. S.Bauer

    Dann möchte ich hier gerne nach etwas mehr Information fragen, wie ein Plan B genau aussehen könnte.

    Ich berichte mal von meiner Situation: Ich stecke auch in einem eher unbefriedigenden Job, in dem mehr oder minder das passiert, worüber die junge Dame in dem Cafe geklagt hat (absurde Arbeit, Erfolge nimmt der Boss für sich in Anspruch, Misserfolge werden mir angekreidet, Ideen prallen grundsätzlich an einer Wand ab usw.)

    Es ist mir vollkommen bewusst, daß ich jederzeit unvorhergesehen meinen Job verlieren kann. Und ich will was dagegen tun.

    Meine bisherigen Aktionen: Ich habe zuallererst meine Finanzen selbst in die Hand genommen. Keine Schulden inzwischen, kein ratenfinanziertes Häuschen. Ich achte strikt darauf, immer weniger auszugeben als ich einnehme.

    Ich betreibe „Networking“, soweit es geht, ich bin bei Xing, ich engagiere mich in zwei Gruppen mit einigermaßen beruflichem Bezug, wo ich ab und zu kleinere Workshops organisiere. Ich habe freiwillig einen Vortrag außerhalb meines Unternehmens bei einem größeren Event gehalten, um mich einem größeren Kreis bekannt zu machen (beim „Global Ignite Event“ in diesem Frühjahr)

    Aber das ist alles noch äußerst fragil. Ganz offen gesagt: Wenn ich morgen meinen Job verlieren würde, dann hätte ich keine Ahnung, wie ich selbstständig mein Geld verdienen könnte. Der Inhalt meiner derzeitigen Tätigkeit ist größtenteils nichts, was man als Dienstleistung anbieten könnte (zumindest nach meiner Einschätzung). Die Einnahmen von den Workshops die ich organisiere sind gerade mal ein Trinkgeld. Das ist alles noch meilenweit davon entfernt, auch nur ansatzweise tragfähig zu sein.

    Finanziell habe ich ein einigermaßenes Sicherheitspolster, ich könnte mich für eine ziemlich lange Zeit selbst durchfüttern, und könnte sogar die Arbeitsagentur im Notfall links liegen lassen.

    Ich fühle mich gerade an einem toten Punkt. Wie könnte ich es besser machen?

  3. Thilo Baum

    Danke für Ihre Anmerkungen! Zur Schule pflichte ich Frau L‘habitant komplett bei. Und an der Frage von S. Bauer sehe ich, dass wir offenbar wirklich nicht so falsch liegen mit der Vermutung, dass das Bildungssystem uns unzureichend brieft.

    Weder die Lehrer können in dieser Form etwas dafür noch die Opfer der Situation. Wir können nur denken, was wir wissen. Und mir erscheint es momentan so, dass viele Arbeitnehmer sich sogar aggressiv gegen den Gedanken wehren, in einer Falle zu sitzen. Viele wissen einfach nicht, dass die Lebensweise, für die sie sich entschieden haben, nur eine unter vielen ist.

    Zu S. Bauer habe ich ein paar Ideen. Bitte sehen Sie die nicht als umfassend an, denn wir kennen uns nicht persönlich. Im Grunde hätten wir hier die Voraussetzung für ein Coaching, das vermutlich nicht an einem Tag erledigt ist. Ich hoffe, niemand der Leser hier nimmt die unvermeidbare Unvollständigkeit meiner Worte zum Vorwand, mir wieder einen Strick daraus zu drehen.

    Ich erlaube mir, „du“ zu sagen.

    1. Richtig gut ist, dass du dich finanziell entschuldet hast. Noch besser ist es, dass du ein Polster hast. Das ist toll. Damit hast du dir selbst schon bewiesen, dass du dazu fähig bist, dein Leben zu regulieren. Die allermeisten beruflich unglücklichen Menschen haben vermutlich auch ihre Finanzen nicht im Griff. Bitte nimm diesen Umstand, dass du das schon in die Reihe bekommen hast, als Zeichen dafür, dass es mit Erfolgen weitergehen kann.

    Bitte mach dir klar, dass deine heutige Situation das Ergebnis deines bisherigen Handelns ist. Und zwar egal, wie du dran bist. Du hast die Entscheidungen getroffen, die dich dahin geführt haben, wo du heute stehst.

    Viele Menschen empfinden das als Vorwurf, worauf ich nur mit den Schultern zucken und sagen kann: Es ist nun einmal so. In deinem Fall darf ich dir mitteilen, dass du den Erfolg deines finanziellen Rückhaltes dir selbst verdankst. Dass du flüssig bist, ist das Ergebnis deiner bisherigen Entscheidungen. Das finde ich großartig und genial. Darauf darfst du stolz sein.

    2. Du hast deine Finanzen im Griff. Jetzt bekomm noch deine anderen Ressourcen in den Griff. Das sind neben Geld:

    - Zeit
    - Energie
    - Aufmerksamkeit

    Lies das Buch „Rich Dad, Poor Dad“ …

    http://www.amazon.de/Rich-Dad-.....038;sr=1-1

    … und wende das Geldmodell daraus für deine Zeit an. So wie du Geld verschwenden kannst (Konsumausgaben) oder wirkungsvoll einsetzen kannst (Investitionen), kannst du auch deine Zeit unterschiedlich einsetzen. Und ab sofort verschwendest du keine Zeit mehr. Eine teure Reise, um „zu sich selbst zu finden“ ist Zeit- und Geld-Verschwendung. Das Setting zudem eine üble Ausrede. Die Antwort liegt nicht in Fernost, sondern in deinem Kopf. Da solltest du also suchen.

    Ebenso verschwendest du keine Energie mehr. Sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die zu nichts führen, ist Energieverschwendung.

    Dto. die Aufmerksamkeit. Wem und welchen Gedanken schenkst du deine Aufmerksamkeit? Widme dich nur noch Dingen, die dich auf deiner Suche nach der Spur weiterbringen.

    Solltest du einen inneren Widerwillen spüren, der dir sagt: „Jetzt ist aber mal genug damit! Man wird doch wohl noch Soaps schauen dürfen!“, dann willst du beruflich nicht autark sein. Es geht dabei nicht um Soaps, es ist völlig in Ordnung, mal eine zu schauen. Es geht um den Ton, in dem du mit dir sprichst. Ist er verteidigend, dann willst du nicht. Da kann ich dir dann auch nicht helfen. Ich sage dir dann aber: Diese Entscheidung wird dich irgendwo hinführen, und ich vermute, nicht zu deinem erwünschten Ergebnis. Nimm dir zu Herzen: „Wer will, sucht Wege. Wer nicht will, sucht Gründe.“

    3. Check deine Umgebung ab. Umgibst du dich mit Menschen, die dich runterziehen, oder mit Menschen, die dich ermutigen und weiterbringen? Umgib dich ab sofort mit Menschen, die dich ermutigen und weiterbringen. Mach dir klar, dass viele Mitmenschen, die dir sagen: „Das schaffst du sowieso nicht“, „Schuster, bleib bei deinem Leisten“, „Das geht nicht“, „Das ist zu schwer“, dass diese Leute Gründe suchen und selbst nicht wollen. Dieses Defizit bringt sie dazu, andere runterzuziehen. Im Grunde missgönnen diese Miesmacher dir deinen potenziellen Erfolg, weil sie selbst nicht zufrieden sind mit dem, was sie aus ihrem Dasein auf der Erde bisher gemacht haben. Erfolgreiche Menschen dagegen motivieren sich gegenseitig.

    4. Frag dich ständig danach, was du anderen bringen kannst. Frag nicht, was du bekommen kannst (Geld, Prestige, Dienstwagen), sondern frag nur, was du anderen bringen kannst. Jeder, der Geld verdient, verkauft letztlich etwas. Jeder hat oder ist ein Produkt. Was ist dein Produkt? „Wenn es dir gelingt, die Bedürfnisse der anderen zu stillen, wird es automatisch geschehen, dass du deine stillen kannst“, sagt der geniale Anthony Robbins.

    5. Dein Produkt beherrschst du. Worüber sagen dir Menschen immer wieder, dass du gut darin bist? Und dein Produkt magst du. Was tust du automatisch immer wieder gerne? Welche Träume sind verschüttet? Was also macht insofern dein Wesen aus?

    Was beispielsweise mich betrifft, kann ich dir im Kern sagen: Mein Wesen besteht aus Gedankenentwicklung, Schreiben und Sprechen. Das ist die Basis für alles andere. Was ist deine Basis? Ist deine Basis …

    - Organisation?
    - Projekte anderer effizienter machen?
    - Verschiedene Meinungen zusammenbringen?
    - Networking?
    - Musik?

    Ich frage hier nach etwas Grundlegendem, was dich immer wieder ausgezeichnet hat im Leben. Was war zwischen Eltern und Lehrern immer wieder Thema, was du gut kannst? Die Schule konzentriert sich zwar leider vor allem auf Fehler und Schwächen, und darum erinnern wir uns vor allem an Versagen und Tadel, aber vielleicht erinnerst du dich ja an die positiven Feedbacks, die sind hier wichtig.

    6. Leg bei deinen Überlegungen alle gewohnten Denkmuster ab. Du bist seit Jahren in einem bestimmten Job? Vorsicht, du hast vermutlich dessen Blick übernommen. Stell dir vor, du warst dort nie. Du hast ein geisteswissenschaftliches Studium hinter dir? Leg es ab und sprich mit einfachen Mittelständlern in Kleinstbetrieben. Spür nach, was für die wichtig ist. Deine Eltern haben dir das erste Auto geschenkt und deine Mitgliedschaft im Golfclub? Wechsel das Milieu und krieg raus, was die Leute im Land draußen brauchen, die einen anderen Blickwinkel haben als du.

    7. Ist Workshops zu organisieren „dein Ding“? Wenn ja, besuch die entsprechenden Messen (STB, Zukunft Personal etc.). Dort lernst du Trainer und Speaker kennen, die oft Ein-Mann/Frau-Betriebe sind und vielleicht deine Hilfe brauchen. Und du lernst Veranstalter kennen und Personal- und Marketingleute.

    Versuch herauszubekommen, wie du Weiterbildungsevents organisieren kannst, die mehr Geld einbringen. Online-Seminare sind gerade erst im Kommen, sehr viele Unternehmen haben noch nicht scharfgestellt, dass das „Weiterbildung ohne Reisekosten“ bedeutet. Du kannst für das Thema eines Speakers eine Halle füllen und erfolgsabhängig die Hälfte der Einnahmen einsacken, wenn der damit keine Arbeit hat.

    8. Erkenne an, dass Xing nur ein Abbild der Bevölkerung da draußen ist und darum vor allem ein Low-Budget-Markt. Xing ist zu weiten Teilen Zeitverschwendung, vor allem dann, wenn du in den falschen Gruppen bist. Ein Künstler, der in Grafiken die Logos seiner Kunden einbaut, war sehr stolz darauf, in einer Künstlergruppe bei Xing zu sein. Ich habe ihm geraten, einer Werbemittel- und einer Marketing-Gruppe beizutreten. Wenn schon Xing, dann schau, dass du dort deinen Kunden begegnest.

    9. Mach dir unbedingt klar, was *wichtig* ist. Damit du in der Zeit, in der du möglicherweise von deinem finanziellen Polster lebst, nicht die falschen Dinge richtig machst, nur weil wir gelernt haben, wir müssten das, was wir lernen, richtig machen und bis zum Ende durchziehen. Was uns Eltern und Schule hier beigebracht haben, ist schlicht falsch und für die Praxis nicht geeignet.

    Damit du entscheiden kannst, was wichtig ist, definier ein Ziel. Ohne Ziel (welchen Zustand willst du in drei Jahren erreicht haben?) kannst du nicht entscheiden, welcher Weg dorthin führt und ergo nicht, welche Schritte dazu nötig (= wichtig) sind. So wie ich dich lese, ist das ein sehr wesentlicher Punkt.

    10. Bitte hab die Gelassenheit, dir mit deinem finanziellen Polster die Ruhe zu gönnen, die du brauchst, um dich zurückzulehnen und mit dir selbst und einem Blatt Papier und einem Stift und mit den Stimmen von dir wohlgesinnten und ihrerseits erfolgreichen Menschen auszumachen, was dein Ziel ist. Es besteht darin, einen Nutzen (ein Angebot) für andere bereitzuhalten, was du gerne tust und gut kannst. Das ist der Schlüssel.

    Deine Denkmuster werden dich dabei vielleicht stören, aber lass dich nicht beirren, du hast keinen Zeitdruck (dein finanzielles Polster ist insofern wirklich ein Vorteil).

    Und noch etwas, was nicht in die Liste gehört: der tote Punkt. Hier wäre für mich wichtig zu wissen, auf welche Frist der sich bezieht. Bist du seit zwei Wochen an einem toten Punkt, aber eigentlich nicht lethargisch oder phlegmatisch? Dann spann aus und erkenn an, dass wir nicht zu Ergebnissen kommen, wenn wir unter Druck stehen. Erde dich, entspanne dich, sprich mit Tieren im Zoo, schwimm durch einen eiskalten See, um zu spüren, was „Leben“ ist. Bist du seit zwei Jahren an einem toten Punkt? Dann überlege, wie du dich möglichst schnell mit guten Leuten umgeben kannst, die dich mit ihren Erfolgen anstecken.

  4. S.Bauer

    Hallo Thilo,

    (ich schreibe einfach mit „Du“ zurück)

    einen riesengroßen Dank für deine wirklich umwerfende Antwort. Da stehen derart viele Goldgruben drin, das sollte auch für die anderen Leser eine wahre Fundgrube sein. Ich habe jedenfalls den Eintrag sofort abgespeichert.

    Das muss ich jedenfalls alles verdauen, und mache mich dann mal ans Werk. Es bleibt auf jeden Fall spannend.

  5. Thilo Baum

    Danke für dein Feedback! Mich würde es freuen, wenn dich diese Gedanken weiterbringen.

    Ich möchte hier ein Zitat von Bettina L‘habitant hervorheben, das vielleicht untergegangen ist:

    „Ein Mensch, der in so einer wertschätzenden Atmosphäre aufgewachsen ist, wird sich einem „Konzern-Wahnsinn“ niemals aussetzen, weil er über einen so starken Selbsterhaltungstrieb verfügt, der sich zu einer erlernten Hilflosigkeit völlig kontraproduktiv verhielte.“

    Ich halte das für einen wirklich überlegenswerten Aspekt.

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