Sinnloser „Bildungsbericht“

 

Es ist ja ehrenhaft und rührig, „Bildungsberichte“ zu erstellen. Aber der Denkfehler findet sich schon in der Zusammenfassung: Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesbildungsministerium beauftragen Wissenschaftler. Sowohl Auftraggeber als auch Auftragnehmer sind also einseitig. Kommt da etwas Kluges dabei raus? Kaum. Nur das, was eben herauskommt, wenn Ministerien etwas Wissenschaftlern überlassen.

Die KMK und das Bundesbildungsministerium dürften mit ihren Denkweisen die Hauptverantwortlichen für die Bildungsmisere sein. Dass Bürokraten entscheiden dürfen, was junge Menschen im Leben brauchen, obwohl die Bürokraten selbst nur selten wirklich gearbeitet und Werte geschaffen haben, ist abstrus genug. Dass der Auftrag des „Bildungsberichtes“ dann ausgerechnet an Wissenschaftler geht, die ihrerseits meist selbst nur den Forschungs- und Lehrbetrieb kennen und im öffentlichen Dienst arbeiten, rundet das abstruse Bild ab.

„Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel“ lautet der sperrige Titel. Schon der Titel beweist, dass die bisherigen Macher des Bildungssystems keine Ahnung davon haben, dass heute Kürze und Prägnanz zählen. Der Titel ist aufgeblasen und wichtigtuerisch. Aufblasen muss seine Sprache nur, wer inhaltlich nichts von Substanz zu sagen hat – ansonsten könnte er sagen, was er meint. Doch diese Theoretiker wissen offenkundig nicht, worum es heute geht, oder sie wollen es nicht wissen. Sie machen in jedem Fall nach dem, was sie im Studium gelernt haben, alles richtig: Sie wenden ihre Methoden an. Dabei aber tun sie genau das Falsche: Sie verfehlen das Thema, um das es eigentlich geht. Mit akademischer Wichtigtuerei etwas gegen die Bildungsmisere ausrichten zu wollen, ist, wie einen Brand mit Benzin löschen zu wollen. Das Gehabe dieser Leute ist ja gerade das Problem.

Die Autoren schreiben Zeug wie: „Zu den allgemeinbildenden Bildungsgängen zählen allgemeinbildende Schularten sowie berufliche Schularten, an denen primär allgemeinbildende Schulabschlüsse erworben werden (vgl. Glossar).“ Die Autoren stammen zumeist aus akademischen Instituten. Wir wissen: Dort arbeiten Menschen, die unabhängig von ihrer Leistung und ihrem Erfolg regelmäßig Geld aufs Konto bekommen. Und die dieses Leben und Arbeiten möglicherweise für normal halten. Das ist der erste Fehler. Der zweite: Diese Forscher quantifizieren alles. Sie denken, sie könnten mit Zahlen etwas Sinnvolles zur Welt beitragen. Sie erfüllen sämtliche Kriterien des Konvergenz-Denkers, dem es an Vorstellungskraft mangelt.

Entsprechend sinnlos ist dieser Bericht: Inhaltlich geht er in die Details, in die Statistik („Seit 1996 hat sich die Erwerbstätigkeit von Frauen im Alter von 15 bis unter 65 Jahren in Deutschland um rund 6 Prozentpunkte erhöht“), aber er hinterfragt nicht das große Ganze. Er macht Mathematik, ignoriert aber den Sinn.

Fachidioten finden in diesem sinnlosen PDF jede Menge Stoff, um sinnlose Referate zu halten und sinnlose Bücher zu schreiben. Sinnlos, weil diese Gedankenwelt in allem davon ausgeht, dass die akademische Form der Auseinandersetzung mit Themen sinnvoll sei. Das ist sie aber nicht, und das wissen diejenigen, die die Werte in unserer Gesellschaft schaffen. Deshalb klagen Unternehmen ja über die Dummköpfe, die das Bildungssystem produziert. Jeder normale Mensch weiß: Akademische Bildung ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was Bildung insgesamt ausmacht. Die meisten sind froh, wenn sie aus der Uni raus sind und sich endlich mit dem Leben befassen können. Nur die von der KMK beauftragten Wissenschaftler interessiert das Leben offenkundig nicht.

Wo also bleiben die Praktiker? Wo bleiben die Stimmen der Unternehmer, die uns sagen, woran es in der Bildung krankt? Die uns sagen, dass viele Hochschulen vergeistigte Theoretiker produzieren, die unfähig zur Mitarbeit in hierarchischen Strukturen sind? Die uns sagen, dass das mangelnde Praxiswissen an Schulen und Unis verhindert, dass Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen? Wo bleiben die Kritiker des Schulsystems, die uns sagen, dass ein Großteil der Lehrer unfähig ist, eben weil die meisten keine Ahnung vom Arbeiten haben?

Aber nein, wir haben es mit einer weiteren akademischen Selbstbefriedigungsarie zu tun. Diejenigen, die das Bildungssystem verbockt haben, schreiben selbst darüber. Was für ein Troll-Stück das ist! Alle wichtigen Entscheider verschwenden jetzt erst mal ihre Zeit, statt etwas zu entscheiden, indem sie diesen Bericht lesen müssen. Der Troll will den Status Quo erhalten, darum belästigt er seine Mitmenschen, die etwas bewegen könnten, mit dicken Papierstapeln und sinnlosen Studien. Der Troll nutzt den Irrglauben des klassisch gebildeten Menschen, jede Information sei wichtig, und er müsse sich erst in Ruhe in alles hineinlesen. Dadurch befassen sich klassisch Gebildete sehr oft sehr gerne und sehr lange mit irrelevanten Informationen. Die nötigen Veränderungen bleiben aus. Der „Bildungsbericht“ ist ein teurer Packen Papier, der nichts Kluges oder Sinnvolles bewirken wird. Er ist für den Mülleimer.

Dabei brauchen wir dringend kluge Konzepte, um unser Bildungssystem auf stabile Beine zu stellen, und zwar ziemlich schnell. Wir brauchen Praxis, keine Theorie. Mit steuerfinanziertem akademischem Geschwätz werden wir die Bildungsmisere nicht lösen. Der Irrglaube, akademisches Denken sei Bildung, stört unser Fortkommen inzwischen fast nur noch und verschwendet unsere wertvolle Zeit.

3 Kommentare zu „Sinnloser „Bildungsbericht““

  1. Bettina L'habitant

    Solange die von Boris Grundl so zutreffend beschriebenen „Gutmenschen“ in unserer Gesellschaft das Wort führen, solange werden die „Menschenentwickler“ überhört werden. Bildungsberichteersteller sind Menschen, die gerne laut nach Veränderung schreien, doch jegliche Verantwortung vermeiden. Teils sind sie der Praxis Schule entflohen, um sich kopfgesteuert in Konferenzen neuen Konzepten, Ideen und Analysen zu verschreiben, wofür sie ja teils sehr gut bezahlt werden. Was kann es „Schöneres“ geben als fernab der Realität zu fachsimpeln… Solange wir reden ohne zu handeln, solange geht es uns nicht schlecht genug.

    Es gibt sie, tolle Menschen, die aus der Praxis kommen, die wissen wie es geht, die Vorbildfunktion und Führungsaufgaben zum Wohle der ihnen Anvertrauten übernehmen, andere in ihrer Entwicklung fördern und durch Niederlagen begleiten wollen. Das sind Menschen, die weniger reden und mehr arbeiten, die haben einfach keine Zeit zum Reden. Dazu zähle ich u.a. all die Pädagogen, die auf die Stärken der jungen Menschen blicken und ihnen Lernerfahrungen und damit das Recht auf Fehler zubilligen, die Spaß und eine tiefe Zufriedenheit an ihrer Aufgabe haben. Sie sind in der Minderzahl, die besonders fähigen werden – weil nicht ins Gutmenschensystem passend – boykottiert.

    Ich möchte meine Aussage mit einem Linkverweis untermauern. Es gibt sie, tolle Konzepte, die Mut machen und in jedem unserer Bildungssysteme umsetzbar sind, man muss nur wollen. Learning by doing und nicht learning by hearing or imagining.

    http://www.youtube.com/watch?v=N5zdzCd6oWk

    Noch ein sehr erwähnenswertes Beispiel ist Herr Dr.Klein-Landeck, Lehrer einer Hamburger Gesamtschule- in der behinderte und nicht behinderte Jugendliche miteinander leben- der genau mit dem Konzept des selbsttätigen Tuns sogar schon abgeschriebene Schüler bis zur allgemeinen Hochschulreife führt, weil er schlicht und ergreifend an sie glaubt und konsequent durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Sein Konzept „Gipfelstürmer“ hat Vorbildcharakter für mich. In regelmäßigem Turnus präsentieren die Schüler ihren Mitschülern im Rahmen einer Feierstunde ihre individuellen Arbeitsergebnisse. So in der Persönlichkeit gestärkt, braucht sich kein Schüler zu sorgen, im späteren Berufsleben zu versagen. Wer seine ganze Schulzeit eine Riesenladung Selbstvertrauen fürs Leben mitbekommen hat, der wird sich behaupten und kann sich über die ganze Bildungsdebatte nur wundern.

    Ich habe nur zwei Beispiele angeführt, es gibt viel mehr vorbildliche Praktiker, und doch viel zu wenige, um sich in dem ganzen bildungspolitischen Horrorkabinett zu behaupten, leider! Umso wichtiger für mich, auf mutmachende Erfolge zu verweisen.

  2. Thilo Baum

    Mir ist noch eine Analogie eingefallen: Stellen wir uns vor, die Regierung gebe Wissenschaftlern den Auftrag, etwas gegen die Ausbreitung der Wüste zu tun. Und die Wissenschaftler beginnen über Monate und Jahre hinweg, die Sandkörner zu zählen, damit sie überhaupt erst mal wissen, worüber sie sprechen (das ist ja gerne das Argument für sinnlose Forschungen). Dann müssten sich diese Wissenschaftler bzw. die entsprechende Regierung den Vorwurf gefallen lassen, sie seien Saboteure.

  3. Libertysleeps

    Ich habe diesen Bildungsbericht ebenfalls überflogen. Sicher hat der Auftraggeber dafür ordentlich zahlen dürfen – schon alleine des Aufwands wegen. Über das Ergebnis lässt sich nicht streiten. Menschen, die praxisfremd sind, haben schon immer gerne theoretisiert, wovon sollten sie sonst leben? Dumm, wer so etwas beauftragt und auch noch bezahlt – oder vielleicht handelt es sich ja um einen Solidarismus im gegenseitigen Interesse? Was unser Bildungswesen braucht, sind klare Ansätze, wie Menschen zu gesundem, logischem und lösungs- sowie erfolgsorientiertem Denken hingeführt werden – auf eine Weise, die sowohl die Neugier weckt, Anreize schafft, praktisches Handeln trainiert und dabei auch inviduelle Fähigkeiten nicht außer Acht lässt – konträr zu unserem gegenwärtigen Modell der allgemeinen Verdummung.

Beitrag kommentieren