Die Bildungsmisere zu lösen, ist im Grunde ganz einfach. Die Bildung gehört in die Hände anderer Leute. Ein anderer Typus Mensch sollte darüber bestimmen.
Bislang bestimmen Bürokraten und Wissenschaftler das Bildungssystem. Wodurch junge Menschen an deutschen Schulen am besten darauf vorbereitet werden, Behördenmitarbeiter oder Wissenschaftler zu werden, oder am besten beides: Lehrer. Die Leute, die bisher die Bildung bestimmen, ignorieren seit Jahrzehnten die Realität. Und es ist an der Zeit, dass sich das ändert.
Die Frage stellt sich: Warum soll ausgerechnet die Kombination aus Bürokratie und Wissenschaft bestimmen, was junge Menschen lernen? Wieso nicht Denkmodelle, die der Selbstständigkeit entstammen, der Wirtschaft? Wie wäre es mit Führungskräften, die wissen, wie Unternehmen funktionieren? Wie wäre es mit Vertretern von Problemprävention und Lösungsorientierung? Wo finden wir in der Schule die Ansätze aus dem Coaching? Wie wäre es mit Künstlern? Musikern? Internet-Experten? Marketing-Leuten? Rechtsanwälten? Steuerexperten? Experten für nachhaltige Energienutzung? Wie wäre es insgesamt mit Menschen, die ihren Blick auf Ergebnisse richten statt nur auf Abläufe? Aber aus dem weiten Spektrum an Denkweisen im Leben hat sich die Schule nur einen klitzekleinen Bruchteil ausgesucht, dem sie die hundertprozentige Regie überlässt – und das ausgerechnet Wissenschaft und Bürokratie. Warum? Zumal wir seit Jahrzehnten sehen, dass das System auf dieser Basis versagt.
Aus den Schulen kommen entweder Verlierertypen, deren Stärken niemand sehen und stärken wollte, und auf deren Schwächen man stattdessen jahrelang herumgetrampelt hat in dem paranoiden Perfektionswahn des Wissenschaftsbürokraten. Worin jemand schlecht war und was er später ohnehin nicht macht, ist in schlechten Noten dokumentiert und verhindert Zukunft. Oder aber es sind junge Leute, die zupacken möchten, die dann in den Unternehmen oder bei ihrer Existenzgründung aber eine völlig andere Wirklichkeit vorfinden als die, von der ihnen die Schule erzählt hat. Dass das so ist, ist ziemlich offenkundig. Der Grund ist einfach: Wer bislang Lehrpläne macht, hat ziemlich wenig Ahnung vom Leben. Die vielen Theorien sind zwar vielleicht alle richtig, aber sie sind eben großteils irrelevant. Es hat wenig Sinn, diesen Theorien seine Aufmerksamkeit zu widmen.
Wir können deshalb lange darüber reden, welche „Bildungs“inhalte in die Schule gehören. Solange der Typus Wissenschaftsbürokrat am Ende das Sagen hat, ist jede Diskussion für die Katz. Wir werden nichts ändern, solange wir nicht anerkennen, dass die von Bürokraten und Wissenschaftlern geprägte Fokussierung auf die rein akademische Bildung versagt hat. Es bleibt alles beim Alten, wenn wir nicht anerkennen, dass diese enge Fokussierung aus der extremen Egozentrik der Wissenschaftsbürokraten resultiert, wobei das Ergebnis nur ein kleiner Ausschnitt dessen ist, was Menschen tatsächlich im Leben und beim Arbeiten brauchen. Solange wir nicht endlich die Realität hereinlassen ins Denken rund ums Thema Bildung, haben wir weiterhin ein miserables Bildungssystem.
Es gibt sogar einen „Wissenschaftlichen Beirat für die Gemeinschaftsaufgabe Feststellung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens im internationalen Vergleich gemäß Art. 91b Abs. 2 Grundgesetz“. Dieser Name entlarvt das ganze Elend, denn er entstammt der Sprache der wissenschaftsbürokratischen Fachidioten. Fürchterlich detailliert, geradezu paranoid präzise, juristisch korrekt, inhaltlich möglichst erschöpfend – und damit völlig unbrauchbar. Kein normaler Mensch spricht so, das Ausland lacht sich schief. Menschen mit Praxisbezug wissen: Gute Namen und Titel sind kurz. Ein guter Titel ist niemals erschöpfend, sonst wäre er identisch mit dem Text. Ein guter Titel ist prägnant, nicht umfassend, aber das erfahren wir in Schule und Hochschule nicht. Jeder Schulabgänger, der an seinem ersten Arbeitsplatz einen Marketing-Plan in dieser Sprache formuliert, fällt damit böse auf die Nase. Dieser lange Titel entlarvt die Ich-Bezogenheit der Fachidioten, und genau die ist das Problem.
Der Fachidiot hält seine Denkknoten für normal, darin besteht ja seine Empathieunfähigkeit. Der Fachidiot, oft selbst unwissendes Opfer des kranken Bildungssystems, weiß gar nicht, worüber ich hier spreche. Und genau jener Typus Mensch, der das Leben ignoriert, soll bestimmen, was sinnvolle Bildung ist? Sorry, nein. Er disqualifiziert sich doch selbst bereits seit Jahrzehnten mit seiner Unfähigkeit. Warum also glauben wir diesen Leuten weiter?
Also Fachidioten raus, Praktiker rein. Menschen mit Erfahrung, mit praktischem Wissen. Die Bildung, die wir brauchen, ist in erster Linie weder wissenschaftlich noch literarisch, sondern sie dient uns im Leben. Ja, man kann sich natürlich dafür interessieren, wie Elektronen um Atomkerne kreisen, aber letztlich braucht das Wissen nur ein geringer Anteil von Wissenschaftlern. Es ist Schwachsinn, wenn jemand wegen einer schlechten Note in Chemie länger auf seinen Musik-Studienplatz warten muss, aber genau das haben die Wissenschaftsbürokraten so angerichtet. Das Steuersystem dagegen verstehen sollten alle – und nur weil Wissenschaftsbürokraten in der Regel im öffentlichen Dienst arbeiten und keine Rechnungen schreiben oder Mehrwertsteuer ausweisen, heißt das nicht, dass sie deswegen die Realität der Menschen draußen im Lande ignorieren und die wirklich wichtigen Inhalte in realitätsfernen Lehrplänen unterschlagen dürfen.
Es müsste längst ein Aufschrei durchs Land gehen und die Forderung, den Fachidioten das Bildungssystem zu entreißen, das sie seit Jahrzehnten verpfuschen, und an dem mitzureden sie sich nach wie vor anmaßen, obwohl sie es kontinuierlich sabotieren in ihrer Unfähigkeit, die Erfordernisse von Unternehmen und Existenzgründungen zu sehen.
Der „Spiegel“ (27/2010) tut in seiner Titelgeschichte zur Schule schon sehr gut daran, die Bildung als Bundesangelegenheit zu reklamieren. Das wäre ein kleiner Schritt. Klar, das wird einigen Wissenschaftsbürokraten in den Ländern nicht schmecken, aber genau die Meinung dieser Typen, die Meinung der Verantwortlichen an der Misere sollte uns im Grunde gar nicht interessieren, da ihre Haltung ganz offensichtlich zu nichts Sinnvollem führt. Und darum genügt die Forderung einer Zuständigkeit des Bundes nicht: Wir müssen in der Tat einen ganzen Menschenschlag austauschen. Wir müssen dafür sorgen, dass ein anderer Typ von Denker und vor allem Handler in der Schule die Inhalte bestimmt. Das ist nötig.
Ohne diesen Austausch werden wir noch weitere Jahrzehnte mit sinnlosen Detail-Diskussion über ein völlig nutzloses Bildungssystem verschwenden.



Zitat:“Wer bislang Lehrpläne macht, hat ziemlich wenig Ahnung vom Leben“,
und er hat mächtig Angst vor dem Leben.
Wem ein Leben lang vorgekaut wurde, was er zu denken hat, der hat den Bezug zu seinen eigenen Fähigkeiten verloren. Er bleibt in den alten Strukturen stecken und gibt sie weiter: was sich bis heute gehalten hat, kann ja so schlecht nicht sein.
Die Menschen trauen sich nicht, neue Wege zu beschreiten, weil sie es nie gelernt haben. Weder im Kindergarten noch in der Schule lernen die Heranwachsenden eigenständiges Denken. Auch nicht im Elternhaus! Denn man muss wissen, dass ein eigenständig denkender Mensch Persönlichkeit und Ellbogen entwickelt. Damit wird er unbequem, und in unserer Gesellschaft wird immer noch die Angepasstheit gefördert- und das besonders in der Schule. Welcher Lehrer mag sich denn dieser Herausforderung stellen, einem kritisch hinterfragenden Schüler Rede und Antwort zu stehen? Das hieße ja, er müsse sich selbst hinterfragen. Wer mag sich denn überhaupt dieser Aufgabe stellen? Das können doch nur Menschen sein, die bereits das Vertrauen entwickelt und gelernt haben, dass neue Wege immer auch Verbesserungen mitbringen. Allerdings heißt das auch, dass ich meine Komfortzone verlassen muss…
Vielleicht kommt ja doch allmählich Bewegung in das Bildungshickhack. Ich freue mich jedenfalls über jeden Artikel, der dazu beiträgt und verweise auf einen weiteren Artikel aus der Welt vom 30.10.2010:
http://www.welt.de/print/die_w.....kills.html
Danke für den Verweis auf den „Welt“-Beitrag! Das macht in der Tat Hoffnung.
Guten Morgen,
Herr Baum, Sie haben mir eine schlaflose Nacht beschert ;-). Ihr neuester Beitrag hat mich so bewegt, dass ich mich grübelnd von einer Seite auf die andere geworfen und nun beschlossen habe, noch einmal zu schreiben.
Als Lehrerin kann ich Ihnen nur zustimmen, und ich beginne jetzt mal „durchs Land zu schreien“:
1. Warum kann man Ihre Beiträge nicht in größeren Zeitschriften lesen? Die wenigsten Eltern werden Ihr Blog kennen. Ihre Ideen gehören an Stellen, wo sie als Keimzelle Früchte tragen können. Es muss gebetsmühlenartig verbreitet werden, dass Persönlichkeitsbildung an die Schule gehört.
2. Veränderungen können sich meines Wissens nur ergeben, wenn die Basis meutert, das sind die Eltern! Eltern haben große Macht, sie können sich stark machen dafür, dass ihre Kinder in der Schule aufs Leben optimal vorbereitet werden. Sie müssen aber auch wissen, dass es Menschen gibt, die entsprechende Angebote machen können.
3. An den Schulen wird unendlich viel kostbare Zeit verplempert. Schüler der Oberstufe sitzen ohne Ende sinnlos vergeudete Zeit ab, davon können Eltern ein Lied singen. Diese Zeit könnte man wirklich sinnvoll nutzen, durch entsprechende Workshops, Einführung von Debattier-Clubs, Meinungsbildung, Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und, und, und… der Bedarf ist so unendlich groß, da könnte einer noch nicht mal eine ganze Schule bedienen. Man stelle sich nur vor, ein Mensch aus der Wirtschaft würde Schülern in einem monatlichen Vortrag etwas über die Wirren des Lebens erzählen, und wie er es trotzdem geschafft habe… und man stelle sich weiter vor, Lehrer würden diese Themen weiter in ihrem Unterricht verfolgen….
4. In der „Neon“ vom Oktober 2010 kann man auf der Seite 34 ein Interview mit Wolfgang Schmidbauer lesen. Darin sagt er, dass die Angst vor Entscheidungen junge Erwachsene lähmt. Dem stimme ich 100%ig zu! Ich kann es jeden Tag im Unterricht sehen, die Schüler sagen heute lieber nichts mehr als etwas Falsches. Ich bin ohne Ende damit beschäftigt, sie zu ermutigen, etwas auszuprobieren.
5. Persönlichkeitsbildung als Schulfach muss von der Gesellschaft eingefordert werden, sonst bleiben wir in den Anfängen stecken, und es werden immer nur punktuell besonders engagierte Lehrer dafür offen sein. Was für ein Glück, wenn das eigene Kind dann auf so einen Lehrer trifft, der an ihn glaubt, seine Fähigkeiten erkennt und fördert, ihm erlaubt, durch Versuch und Irrtum zu lernen. Allein die Bereitschaft zu experimentieren und daraus logische Folgen abzuleiten sollte mit einer 1+ bewertet werden. Die gängige Notengebungspraxis verhindert Kreativität und damit eigenständiges Denken. Ich möchte den sehen, der das Fahrradfahren gelernt hat ohne hinzufallen.
6. Es ist möglich, auch in den bestehenden Bildungsstrukturen, ganz viel zu verändern, wenn man denn will…. Veränderung bedeutet allerdings Arbeit, eigenverantwortliches Handeln. Wie das geht haben Sie ja ausführlich in Ihrem Buch „Mach dein Ding“ beschrieben. Statt abstrakt die übliche Literatur abzuarbeiten könnte man sich doch auch einmal Ihr lebensnahes Werk vorknöpfen. Da würde den Schülern das Gähnen glatt vergehen, denn Schüler lieben Geschichten aus dem wahren Leben. Dumm nur, dass ich kein Deutschlehrer bin.
7. In der Welt stand letzte Woche ein Artikel von einem, der in die USA auswanderte und nach Deutschland zu einem Kurzbesuch zurück kehrte. Ich habe leider den Namen vergessen und finde auch den Artikel nicht mehr. In diesem Bericht wurde über die deutsche Mentalität berichtet: der Deutsche will Recht haben, steht zu einer festen Meinung, Meinungsänderung kommt einem Vertrauensbruch gleich, sprich einem Verlust an Glaubwürdigkeit. Deshalb können sich Debattierclubs in Deutschland nicht etablieren, der Deutsche mag nicht perspektivisch denken. Ich kann das nur bestätigen. Ich habe bis heute keinen funktionierenden Debattierclub in meiner Region gefunden, und ich würde sooo gerne Mitglied eines solchen werden. Man stelle sich nur vor, an den Schulen würde verstärkt die Kunst des Debattierens eingeführt…beispielsweise zum Thema: Verhindert oder fördert Wettbewerb die Kreativität; wer kann besser lügen – Jungen oder Mädchen… Glauben Sie mir, Schule kann sehr spannend sein, und Schüler lernen sehr gerne, doch Langeweile und Monotonie hemmt jede Entwicklung.
„Ich wünsche oft, dass über dem Eingang zu unseren Schulen stünde: Hier sollt ihr Spaß am Falschmachen machen.“ (Heinrich Jacoby)
In dem Sinne: Danke für den Klartext, der mir aus der Seele spricht!