Hart und brav

 

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Am Schlagzeug werden mit einem Mal bislang stiefmütterlich behandelte Songs interessant. Während ich die vergangenen Jahre Musik meist nur auf die Harmonie und die Melodieführung scannte, um sie dann am Klavier nachzuspielen, höre ich inzwischen auf die Schlagzeug-Spur. Ein anständiger Studio-Kopfhörer ums Hirn rum, und los geht das Schlagzeug-Karaoke.

Harmlose Liederchen wie „Family Man“ von Mike Oldfield und „Billie Jean“ von Michael Jackson werden plötzlich zu knackig-harten Titeln, und sogar Phil Collins (die Älteren werden sich erinnern) erfährt neue Bedeutung. Jede Menge „Unmusik“ rutscht plötzlich über den Ipod in meine Ohren, und das alleine wegen der spannenden Schlagzeug-Spur. Und andere, bislang als Meisterwerke betrachtete Stücke wie die Ballade „Nothing else matters“ von Metallica, sind plötzlich weniger interessant. „Nothing else matters“ ist wegen seiner Harmonien und des Arrangements mit Gitarrensolo und anderen Dingen genial fürs Klavier-Karaoke, aber fürs Schlagzeug einfach langweilig, und das trifft vermutlich auf die meisten Rock-Balladen zu.

Jenseits der Balladen sind Hard Rock und Heavy Metal allerdings die besten Genres. „TNT“ von AC/DC zum Beispiel oder „Come out and play“ von Twisted Sister, oder — wie ich finde das beste unter den ganzen alten Rockstücken — „Metal Hard“ von Accept, da es kaum einen Takt gibt, in den nicht ein Break oder ein Ansatz dazu eingebaut ist. „Metal Hard“ von Accept ist mein Ziel: Ich will so spielen können wie dieser Typ.

Im Kern sind viele Heavy-Metal-Stücke kreuzbrav. Die meisten halten sich an die guten alten kompositorischen Grundregeln des Barock. Sie sind oft sehr vorhersehbar, sowohl im Melodieführung und Harmonie als auch in der Schlagzeug-Spur. Die Härte nehmen viele solche Stücke allein aus der Instrumentation: Gitarren-Krach-Egon auf hundert Prozent, Stimme überschreien, in jedem Takt zwei Crash-Schläge, und oft mittels zweitem Base Drum vier bis acht Mal schnellere Grundbeats als beim Techno. Dieselbe Komposition mit anderen Instrumenten — beispielsweise Sinfonieorchester — entlarvt es dann: Die Musik ist im Kern sehr brav und bürgerlich.

Nun bin ich auf der Suche nach weiteren harten Stücken. AC/DC, Deep Purple, Twisted Sister, Rainbow, Metallica … Ich kenne das Gesamtwerk nicht und freue mich über jeden Tipp, mit welchen Stücken es sich am besten üben lässt. Vielleicht hat jemand auch was rhythmisch Abseitiges — soeben habe ich „Everything’s Alright“ aus „Jesus Christ Superstar“ wiederentdeckt, Fünfvierteltakt und schlagzeugtechnisch äußerst spannend. „Jesus Christ Superstar“ habe ich über Jahre vergessen, aber kaum hört man sich rein, ist alles wieder da: Harmonien, Rhythmen, sogar die Auf- und Abtritte. Warum? Weil ich einmal das gnadenlose Vergnügen hatte, in einer „Jesus-Christ-Superstar“-Produktion über zwei Spielzeiten hinweg den Spot auf Judas und Jesus zu fahren und das Musical darum etwa 80 Mal gesehen habe, die Proben nicht mitgezählt.

Überhaupt scheinen Musicals fürs Schlagzeug spannend zu sein, sie sind meist sehr opulent, was ich meist als „bemüht“ empfinde, und wenn man dann noch das (Vor)Urteil der leichten Muse über Bord wirft und Musicals rein musikalisch betrachtet, ergeben sich tolle Möglichkeiten zum Üben. Legendär „One Night in Bangkok“ aus „Chess“, alle möglichen Stücke aus „Cats“ und „Evita“. A propos Evita: Madonnas „Sorry“ ist natürlich nicht nur wegen des Basslaufes spannend, sondern auch ein wunderbares Schlagzeugstück.

Besonders langweilig erscheinen Hiphop und Rap, da variiert die Schlagzeug-Spur nicht so viel, aber es ist eine gute Übung fürs Gleichmäßigspielen, wenn man es mit einem Computer aufnimmt …

Genug geschrieben, ich setz mich wieder ran.

20 Kommentare zu „Hart und brav“

  1. Alexandra

    Hm, toll und hier ein paar Tipps von mir zum Nachspielen,
    z. B. von Nirvana, Album Nevermind, Song: Smells like teen spirit oder von den Red Hot Chili Peppers, Album Greatest Hits, Song: Californication und wenns schon etwas besser klappt, versuch Dich in „By the way“, ebenfalls von den Chili Peppers! Viel Spaß!

  2. Robert

    ok, dann mal zwei vorschläge:

    Deep Purple – Fireball
    Motörhead – Ace of spades

    viel spaß beim üben…

  3. Thilo

    Super, danke. Die Maschine lädt, Songs stehen Schlange, werde berichten. :-)

  4. Thilo

    Genial: „Golden Country“ von REO Speedwagon u.a. wegen Sextolen im Break. Außerdem „Hush“ von Deep Purple, „Dream on“ von Aerosmith.

  5. Thilo

    Ace of Spades – whow. Pures Workout.

  6. Stefan Frädrich

    „Aces High“, Iron Maiden :-)

  7. Thilo

    Californication – super Tipp vor allem fürs feine Differenziertspielen … danke!

  8. Thilo

    Aces High: Danke, ebenfalls wunderbar. Mischung zwischen Workout und Differenziertspielen. Durch das Tempo eher Sport, aber das kriegen wir hin. MERCI!

  9. Stefan Frädrich

    Für Knoten in Armen und Kopf: „Zeit, dass sich was dreht“, Grönemeyer

  10. okeo

    Schau doch mal in
    http://www.drummerworld.com/index2.html
    vorbei.
    Ich kann es inhaltlich zwar nicht bewerten, aber mir _gefiel_ die Herangehensweise an Musik aus Drum-Sicht …

  11. Frank

    Für Bassisten ist die Musik der Band „Japan“ immer wieder interessant, ich denke, auch für den Schlagzeuger ist immer wieder etwas dabei…

  12. Birgit

    Black Tide – Shockwave

    Frau Schröder wird wahrscheinlich die Flucht ergreifen. :-)

    Das Stück findest Du auf http://2008.sxsw.com/music/sho.....63371.html.

    Habe nämlich gerade die angekündigten Gruppen für das SXSW Festival (März, in Austin TX) ein bisschen durchgeblättert, siehe
    http://2008.sxsw.com/music/showcases/alpha/0.html. Die mit dem Kassettensymbol bieten eine Klangprobe an. Vielleicht findest Du noch mehr, es gibt dort alle möglichen Stilrichtungen.

  13. Birgit

    Meine Links waren natürlich jeweils ohne den Punkt am Ende zu verstehen, also nochmal zum Anklicken:
    http://2008.sxsw.com/music/sho…..3371.html
    http://2008.sxsw.com/music/showcases/alpha/0.html

    Die erwähnten Klangproben sind nicht nur Klangproben, sondern ganze Musikstücke, als MP3s kostenlos herunterzuladen. Man bediene sich.

    Habe darunter noch eins gefunden, das rhythmisch interessant sein könnte (u.a. mit 5er Takt). Es klingt fürs Schlagzeug größtenteils gut machbar, enthält aber auch ein paar Herausforderungen.

    Yakuza – egocide
    auf
    http://2008.sxsw.com/music/sho.....57536.html

  14. Birgit

    Hier noch ein schönes Jazz-Stück im Sechsachteltakt:

    Elias Haslanger – Eternal & Absolute
    http://2008.sxsw.com/music/sho.....58176.html

    Und für mich zum Üben, Links korrekt in Kommentare hineinzustellen, nochmal meine vorherigen Links (denn beim Herauskopieren eines durch Punkte abgekürzten Links als String aus einem Kommentar geht die Bedeutung der Punkte verloren):

    SXSW 2008 Showcasing Artists:
    http://2008.sxsw.com/music/showcases/alpha/0.html

    Black Tide – Shockwave
    http://2008.sxsw.com/music/sho.....63371.html

    Yakuza – egocide
    http://2008.sxsw.com/music/sho.....57536.html

    Mit etwas Glück stimmt’s jetzt. :-)

  15. Alexandra

    Heute ist der 22. und sie ist da, die Schiller CD von der ich schrieb. Ganz unkompliziert spielte sie sich in meinen iPod ein und lässt mich Klänge lauschen, die beflügeln und berauschen, Worte hören von Chrétien de Troyes, Ben Becker, Xavier Naidoo sowie vom großen Goethe!
    Einfach Wunderbar!

  16. Thilo

    @ Birgit: Hm … Fürchte, ich blicke mal wieder nicht, wie Amerikaner Webseiten aufbauen. Finde nicht wirklich direkt zu den Songs … stehe ich aufm Schlauch?

  17. Thilo

    Yakuza Egocide habe ich gefunden! :-) Bin beim Download. Mal sehen, was der Hotelserver so mitmacht … :-) Die anderen Links führen auf endlose Listen, nicht auf Downloads … Obwohl, manchmal geht’s … Habe ein paar runtergezogen und werde vom Schlagzeug aus Vollzug melden.

  18. Birgit

    Die speziellen Links für die einzelnen Stücke, die ich Dir gegeben habe, einfach anklicken. Dann siehst Du auf der resultierenden Seite, direkt unter dem Kassettensymbol, das Wort „Download“. Wenn Du dieses Wort anklickst, kommst Du direkt auf das MP3. Das Wort „Download“ ist auf der Seite jetzt leider nicht mehr so leicht zu finden wie noch vor ein paar Tagen, weil inzwischen recht fett die Hallen dazugeschrieben wurden, wo die jeweilige Gruppe auftritt, dabei geht das kleiner geschriebene Wort „Download“ etwas unter…

  19. Thilo

    OK, danke … werde mich drum kümmern. Muss jetzt erst mal nach München, Seminar geben. Lieben Gruß aus dem frühlingshaften Bayern ins verschneite NYC!

  20. Birgit

    Danke! Hier in NY und CT genießen wir das Wetter sehr. Dicker glitzernder relativ frischer Schnee, auch auf den vielen Bäumen hier, blauer Himmel ohne eine einzige Wolke und strahlender Sonnenschein. Lieben Gruß zurück ins schöne Bayern!

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