Der Mittelstand braucht Hilfe

 

Es steht wirklich schlimm um die kleinen, familiengeführten Hotels in Deutschland. Ich komme nach 400 Kilometern an und muss sofort für die Frage geradestehen, wann ich frühstücken will. „Das weiß ich noch nicht, der Plan liegt im Auto“, sage ich wahrheitsgemäß. „Aber Sie sagen mir das noch!“, schallt es zurück. Gut, okay, ich gehe noch mal zum Auto.

Wieder zurück, nehme ich an einem Restauranttisch Platz. Stürmt eine andere Dame auf mich zu mit einem Meldezettel. „Würden Sie das bitte ausfüllen? Und dann möchte ich noch Ihren Personalausweis sehen.“

Deutschland, Deutschland. Meinen Personalausweis? Ich schaue wohl ziemlich seltsam. Ihre Antwort mit hochgezogenen Brauen: „Ist jetzt Vorschrift.“ Ach. Vorschrift. Na und? Ich frage: „Wegen der Terrorgefahr vor der Bundestagswahl oder warum?“ – „Nein, wegen Hotelbetrugs.“ Okay, denke ich und frage: „Was machen Sie denn, wenn Ihnen bei der Frage jemand die Knarre ins Gesicht hält?“ Sie: „Dann habe ich ein Problem.“ Ich: „Und wenn ich verdeckter Ermittler bin und gerade keinen Ausweis auf meinen Decknamen dabei habe?“ Sie: Fragezeichen in Gesicht und Gehirn. Ich: „Warum machen Sie nicht Vorkasse? Ist doch egal, wann die Leute zahlen, zahlen müssen sie doch sowieso.“

Wie verkorkst kann man als Servicemitarbeiterin sein. Man bringt einem Kunden erst mal Bürokram auf den Tisch und Misstrauen entgegen – statt der Speisekarte. Geht man da gerne noch mal hin?

„Kann ich bitte die Karte haben?“ Seltsamerweise wirkt der Spruch. Ich bestelle und fülle dann den Zettel aus. Als ich ihn abgebe, schaut sie drüber und fragt: „Und die Firma?“ Ich frage: „Welche Firma?“ Antwort: „Na, damit Sie das absetzen können.“

Was will diese Frau von mir? Wer ist sie wirklich? „Ich bin meine Firma.“

Mache ich irgendwas falsch? Ich fülle aus, wenn es die kafkaesken Zustände in ihrem Gehirn schon fordern. Ich gehe zum Auto, um die Frühstücksfrage zu beantworten. Ich versuche wirklich, ein guter Gast zu sein. Und ich will echt nur was essen und ansonsten ein paar Notizen machen. Sie fragt: „Und dann können Sie es absetzen?“ Ich denke: „Ja, ich bin nicht zum ersten Mal in einem Hotel.“ Und sage: „Ja, keine Sorge. Meine Adresse ist die Rechnungsadresse.“ Sie ein paar Minuten später vom Tresen aus: „Heißt dieser Ort wirklich Heiligengrabe?“ Ich kaue auf einem fürchterlich versalzenen Zander herum: „Entschuldigung, ja, habe ich denn etwas anderes geschrieben?“ Sie: „Nein, Sie haben eine ziemlich leserliche Schrift.“ Ja, eben. Fragezeichen in meinem Gesicht und in meinem Gehirn. Sie muss ein Alien sein.

Kaum bin ich fertig mit essen, fragt sie, wann ich frühstücken will. Pflichtschuldig zücke ich meinen Zettel mit dem Seminar-Briefing. „Ich muss um acht in Braunschweig sein. Wie lange fährt man von hier nach Braunschweig?“ Antwort: „Also Sie fahren zurück auf die Autobahn, an der Auffahrt Braunschweig-Ost …“ – „Ähm, halt. Bitte. Wie ich fahre, verrät mir das Navi. Die Frage ist, wie lange es dauert.“ – „Vielleicht eine Viertelstunde.“ – „Na also, dann wäre Frühstück um viertel nach sieben ganz prima.“

Problem gelöst? Nein. Madame verkündet: „Wir haben Frühstück erst ab acht.“ Hilfe! Wenn! Ich! Doch! Schon! Sage! Dass! Ich! Um! Acht! In! Braunschweig! Sein! Muss! Warum! Dann! Die! Rechnerei!

Ich: „Also gut, dann kein Frühstück.“ Heißt: Tankstellen-Kaffee. Warum nicht, ich bin auf der Autobahn zu Hause. Ich bin einer dieser Aral- und Agip-Penner mit einem Lenkrad in den Händen. Meine Hände duften nach Diesel. Sie: „Ich kann Ihnen ein Lunchpaket vorbereiten und Kaffee in der Thermoskanne vorbereiten.“

Hey! Der erste konstruktive Spruch seitens dieses Hotels! Die Frau muss doch ein Engel sein. Ich schlage ein und verleihe der Frau gedanklich einen Servicepreis in Gold. Eine Viertelstunde später geht das Frühstück um viertel nach sieben plötzlich doch. Wieder Fragezeichen in meinem Gehirn.

Der Mittelstand braucht Hilfe, vor allem die kleinen Hotels in Deutschland. Wer kümmert sich um die? Der DEHOGA? Denn eigentlich ist es wirklich schade, wenn man bei einer Häufung solcher Erfahrungen irgendwann gleich in ein Hotel einer Kette geht oder ins Steigenberger, weil man einfach weiß, dass die einem nicht auf den Senkel gehen. Wie bringt man den kleinen Klitschen bei, wie’s geht?

3 Kommentare zu „Der Mittelstand braucht Hilfe“

  1. Monica Deters

    Lieber Thilo,
    sehr witzige, gut geschriebene Story. Du sprichst einem aus der Seele… Hatte neulich einen ganz ähnlichen Fall…
    Viele Grüße aus Hamburg
    Monica

  2. Rob

    Mußten Sie am Eingang nicht die Schuhe ausziehen?

  3. Juergen Lang

    Meine Erfahrung über 15 Reise-Jahre: Je nördlich in D desto nixig die Küche. Je östlich umso besser der Service. Je westlich umso Riesling und je südlich umso Humtata.
    That’s it. J.

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