Na ja gut, es ist nicht gerade sehr anspruchsvoll, riesige Monsterunternehmen des Transportgewerbes niederzuschreiben. Eine zu leichte Beute sind sie, zu offensichtlich ihre Unzulänglichkeiten.
Doch auch wenn mein Anwalt mein Auto gegenüber dem Autohaus inzwischen am Telefon als „Schrottkarre“ bezeichnet, bleibe ich bevorzugt Autofahrer und gebe Fahrzeugen auf Schienen nur selten eine Chance. Denn der Erfahrung nach ist immer irgendwas.
Heute war es wieder einmal so weit. Ich war mit einem Hochgeschwindigkeitszug unterwegs, in einem relativ fortgeschrittenen Land irgendwo auf dieser schönen Erde. Clever, wie ich dachte zu sein, buchte ich erste Klasse. Ich wollte arbeiten – ungestört von betrunkenen Soldaten, lärmenden Jugendgruppen, singenden Zimmermannsgesellen, grölenden Leichtmatrosen, vernachlässigten alten Jungfern, stinkenden Fischern und marodierenden Familienvätern.
Doch ach: Am Tisch neben mir saß ein Trupp betrunkener Anti-Sozialisten, der Anführer unter ihnen ein alter Haudegen, der nach dem Krieg Steine in Särge gelegt hat, damit die Angehörigen meinten, es mit einer vollständigen Leiche zu tun zu haben, was nun der ganze Waggon weiß. Ein Trupp alles schon immer gewusst habender konservativer Bildungsbürger mit Herz für den kleinen Mann, die sich vier Stunden lang die Ohren vollheulten über die Politik der europäischen Linken. Und die Glastür zur Klasse des Lumpenproletariats ging alle zehn Sekunden laut zischend auf, weil der Zeitungsleser auf der anderen Seite der Tür etwa alle zehn Sekunden seinen Fuß bewegte.
Dass wir Verspätung hatten, ist klar und braucht nicht erwähnt zu werden – wie immer, wenn ich einer der zahlreichen Bahngesellschaften der Welt eine Chance gebe. Hinzu kam: Bei zwei Zügen (ich durfte einmal umsteigen) war die Reihenfolge der Waggons vertauscht – Hacken wundlaufen war die Folge, nicht nur für mich, sondern für alle. Was mich dazu brachte, einen Bediensteten der Bahn in seiner Landessprache zu fragen: „Warum ist bei euch eigentlich immer irgendwas? Warum kann man nicht ein einziges Mal Bahn fahren, und es läuft so, wie’s laufen soll?“ Und er antwortete mir sehr gelassen und ehrlich, wie es in dem Land eigentlich eher selten ist: „Alles kaputtgespart. Seien Sie doch froh, dass der Zug überhaupt fährt. Ist auch nicht mehr selbstverständlich.“
Danke! Offene Worte von einem Vertreter eines Unternehmens. Unternehmen – Sie erinnern sich – das sind die Gebilde, die die schlimme Wirklichkeit ihrer unzulänglichen Produkte („Schrottkarre“) gegenüber Verbrauchern und Öffentlichkeit zunehmend schönreden und viele ihrer Mitarbeiter fürs Lügen bezahlen. Selbstverständlich würde keine Pressestelle das Zitat des jungen Mannes undementiert und ohne Klage auf sich sitzen lassen – die Produktwelt eines jeden Unternehmens ist schließlich glänzend, fehlerlos, wunderbar! Vor diesem Hintergrund fand ich die Replik dieses jungen Bahners erstklassig. Solche Bahner wünsche ich mir für unser Land.


