Der Streik

 

Man kann sicherlich eine Menge zum Streik des öffentlichen Personennahverkehrs sagen. Mich berührt er nicht sooo extrem, darum habe ich leicht reden. Aaaaber:

- der Blick auf meine Mitmenschen: Der BVG-Streik mag ja vielleicht eine berechtigte Forderung formulieren, aber er setzt die Falschen unter Druck. Nämlich die, die jetzt täglich Stress haben, weil sie irgendwie zur Arbeit kommen müssen, und die für die Bezüge im öffentlichen Nahverkehr nichts können. Sondern die einfach auch nur ihren Job machen. Die, die sich hingegen gemäß den Forderungen der Gewerkschafter bewegen sollten, fahren vermutlich nicht morgens mit der U-Bahn zur Arbeit. Insofern sinkt meine Sympathie für Gewerkschaften, ursprünglich mal gedacht als Verfechter der Interessen der kleinen Frau und des kleinen Mannes, gegen Null.

- die Alltagsdimension Berlin betreffend: Mir war neu, dass die BVG erst seit Kurzem streikt. Ich habe seit Jahren das Gefühl, dass die BVG streikt. An den Bahnhöfen kein Personal mehr, und wenn ich der BVG mal eine Chance gebe, kommt keine U-Bahn, oder sie bleibt im Tunnel stehen, oder es gibt Pendelverkehr oder die Durchsage: „Abzweigende Linienführung, letzter Halt auf der Stammstrecke“. Wer formuliert eigentlich solche Texte? Nur, wenn der Straßenbahnfahrer einen guten Tag hat, und das ist selten, gibt es Erläuterungen über Lautsprecher, mit denen die Fahrgäste etwas anfangen können. Kurz: Oft löse ich ein Ticket für die BVG, nehme aber letztlich ein Taxi.

- die Sicht eines Autofahrers: Hurra! Endlich freie Bahn. Keine langsamen Busse mehr, die sich ohne zu blinken vor einen drängen. Keine Straßenbahnen mehr, die trotz blockierter Kreuzung und trotz Verbotes in die Kreuzung reinfahren und alles heillos verstopfen, weil sie unbedingt Oberlehrer spielen müssen. Keine Rechthaber am Steuer von Bussen und Straßenbahnen mehr, die meinen, für sie gälte das Rücksichtsgebot nicht. Keine Fahrer von Leer-Bussen mehr, die nächtens mal kurz auf zwei Partygänger draufhalten, die wie in Berlin üblich bei roter Fußgängerampel die Straße überqueren, weil der locker nahende BVG-Bus eh erst viel später da ist — nur um mal wieder zu demonstrieren, dass man das nicht tut, und dass es knapp wird, wenn der Bus plötzlich wie blöde beschleunigt und die Spur wechselt. Als Autofahrer und Fußgänger denke ich mir oft genug: Denen würde ich auch nicht mehr Geld bezahlen.

- die politische Dimension: Es hat kaum einen Sinn, den Staat unter Druck zu setzen, damit er mehr Geld für Arbeitnehmer in seinen Unternehmen rausrückt. Der Staat will es einfach nicht. Finanziell hat der Staat schon lange versagt. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist er schlicht nicht mehr seriös. Der Staat kann per Definition nicht pleite gehen, kann aber zugleich behaupten, es gebe kein Geld. Jeder noch so durchgeknallte Manager-Berserker in der Privatwirtschaft und auch mancher Management-Bruchpilot könnte unter diesen Bedingungen als Held durchgehen. Neben diesem unbestraften Missmanagement nimmt der Staat seine ureigensten Aufgaben immer weniger wahr. Und das tut er deswegen nicht, weil diese Dinge ihm nicht wichtig sind. Die Ausrede „kein Geld“ ist nur ein Indiz für unterschiedlich verteilte Prioritäten. Für das eine oder andere Engagement im Ausland immerhin ist Geld da.

- die ökonomische Dimension: Auch der Gedanke der Privatisierung wird die vertrackte Lage nicht lösen. Die ausbleibenden Erfolge durch Privatisierungen in den vergangenen Jahren zeigen, dass bestimmte infrastrukturelle Aufgaben in staatlicher Hand bleiben sollten. Ich will nicht nach meiner Kreditkartennummer gefragt werden, wenn ich 110 wähle (ein geklauter Gedanke aus dem Buch „Ökonomics“ von Tim Harford, das ich empfehle). Zugleich stellt sich glücklicherweise auch Entscheidern in der Politik zunehmend die Frage: Wenn ein Privatmensch aus einer Idee Gewinn machen kann, warum sollen wir es dann nicht können? Und andersherum: Wenn wir ein hoffnungsloses Pleite-Objekt loswerden wollen, aus dem sich nichts machen lässt — wen wundert es, dass es keiner kaufen will?

- dann schließlich die philosophische Dimension: Wenn alle da sind, wo sie hinwollen, brauchen wir gar keine Verkehrsmittel mehr.

Ein Kommentar zu „Der Streik“

  1. Thilo

    Und ich muss es einfach noch mal wiederholen: Berlin ohne BVG ist wun-der-bar. Vielleicht sollte ich an Verdi einen Brief schreiben mit der Bitte, den Streik möglichst lange fortzusetzen, damit man endlich ungestört Auto fahren kann.

    Und noch ein Gedanke: Mein Auto wird nie bestreikt. Jedenfalls fast nie. Und wenn, gibt’s einen Ersatz. Wenn die BVG streikt, gibt’s keinen Ersatz. Ein guter Grund, Autofahrer zu bleiben …

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