Sehr gespannt bin ich auf das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Eigentlich finde ich Bücher schwierig von Menschen, die mit der „Kopftuchmädchen“-Theorie das Völkische wiederzubeleben versuchen – aber wenn der „Spiegel“ das Buch hypt, statt es zu ignorieren, wie es angemessen wäre, muss es ja links sein. Oder? Ach, egal. Hier geht es ja nicht um zarte Töne.
Worauf ich gespannt bin: Ob Sarrazin endlich den Deutschen nahe legt, zu Hause zu bleiben. Denn: Mallorca ist nicht mehr mallorquinisch (oder wie ist das Adjektiv?), in Italien sprechen Kellner deutsch, in arabischen Ländern trampelt der Michel in Boxer-Shorts in die Moschee. Alleine in England scheinen es die Locals noch zu verstehen, deutsche Eindringlinge in den Pubs mit Heil-Hitler-Rufen und Barhockern erfolgreich niederzuknüppeln, aus guter Tradition. Man spricht besser Englisch, am besten akzentfrei. Man kippt zur Not Essig übers Essen wie alle, Hauptsache, man fliegt nicht als Deutscher auf. Und trinkt warmes Bier, um nun auch die restlichen Klischees noch auszureizen.
Aber wo man sonst auch hinschaut: Der Deutsche integriert sich nicht. In Österreich weigert er sich, akzentfrei die Sprache des Landes zu sprechen, in Frankreich trinkt er ungeachtet der lokalen Gepflogenheiten Bier, in Montevideo geht er ins Café „Oro del Rhin“ („Rheingold“). Nur in Saudi-Arabien hat er eigentlich gar nichts dagegen, dass Frauen nicht Auto fahren dürfen, denn wie soll das auch gehen, in den Klamotten. Ist schließlich eine Frage der Sicherheit! Schulterblick sollte schon sein.
Was machen deutsche Auswanderer in den USA? Finden die es toll, in hölzernen Klapperhütten zu leben und Burger zu mampfen, weil sie so die Kultur akzeptieren? Nein! Sie sehnen sich danach, endlich mal wieder in einem richtigen Haus zu wohnen und Schwarzbrot zu essen, das nicht nur schwarz gefärbtes Weizenbrot ist. Und diese Intoleranz bekommt man nicht raus aus den Einwandererköpfen – da können die US-Behörden noch so viele Integrationsprogramme mit Pflichtkursen zum Thema Akzeptanz schlechter Architektur und schlechten Essens für Einwanderer aufsetzen, es ist vergebliche Müh gegen kulturelle Codes.
Beispiel Zypern: Man sehnt sich nach Steinpilzen, statt den ganzen Tag Ziegenknochen abzunagen und Wein aus karger Erde zu trinken, im Angesicht israelischer Atomraketen. Alle Appelle an entwöhnte Mitteleuropäer, sich bitte endlich ohne Klagen und kulturelle Kollateralschäden dem lokalen Nahrungsangebot anzupassen, schlagen fehl: Ich schicke bald wieder Steinpilze in getrockneter Form hin. Das ist das Päckchen nach drüben in Zeiten der Globalisierung und auch nicht viel anders, als wenn man als arabischer Exilant in Mecklenburg-Vorpommern endlich mal wieder per Post Baklawa bekommt.
Kürzlich soll ein deutsches Paar in Dubai sogar darauf bestanden haben, christlich verheiratet zu werden. Die beiden haben sich auf sturste Art strikt der lokalen Kultur verweigert. Sie wollten auf der Hochzeitsfeier sogar nach westlichem Ritus zubereitete alkoholische Getränke nicht nur selbst trinken, sondern auch auf verabscheuenswerte Art an Dritte ausschenken, wie in der Heimat üblich. Ein Riesengedöns!
Nein, der Deutsche an und für sich, er integriert sich in keiner Weise. In Ägypten beschwert er sich über mangelnde Hygiene, statt einfach zu akzeptieren, dass man für eine Toilettensitzung nur ein Blatt von der Rolle braucht (es gibt dort Typen vor den Toiletten am Flughafen, die drücken einem ein solches Blatt in die Hand und wollen dafür Geld). Am Persischen Golf jammert der Deutsche über die Hitze (gibt es dort), den Wüstensand (gibt es dort) und die indischen Gastarbeiter (gibt es dort). Am Nordpol beklagt er sich wahrscheinlich über die Kälte, statt sie einfach als regionale Gegebenheit zu akzeptieren.
Aber von den Türken in Kreuzberg verlangen wir, dass sie in ihrem Alltag Deutsch sprechen und die mitteleuropäische Moral auf ihr Leben anwenden? Und Sarrazin findet es gemäß seinem Interview sogar zu beanstanden, dass türkische und arabische Einwander Gemüse verkaufen, so dass sich der Kulturvertreter gemüßigt sieht zu betonen, dass man auch Anwälte und Ärzte habe – so als seien die was Besseres? Und damit dem Sarrazin in die Hände spielt?
Mit Verlaub, lieber Namensvetter Thilo Sarrazin, das verstehe ich nicht. Ich verstehe dich nur insofern, als Deutschland schon öfter mal versucht hat, anderen Kulturen beizubiegen, wo es lang geht, ohne sich selbst auf andere Kulturen einzulassen. Aber ich weiß nicht, welcher traditionsbewusste Schwabe, Hesse, Nordfriese, Bayer, Sachse, Pfälzer, Badenser, Rheinländer, Franke oder Thüringer als Asylant, Wirtschaftsflüchtling oder auch schlicht als ins Ausland abgeworbene Führungskraft in Schweden die kulturelle Identität ablegen würde, zu Hause Schwedisch sprechen und Blutpalt essen und sonntags regelmäßig irgendeine skandinavische Freikirche besuchen würde.
Ich glaube nicht, dass das allzu viele Katholiken, Protestanten und hegelianisch-marxistisch geprägte Atheisten aus dem Osten Deutschlands tun würden. Man kommt doch mit Englisch durch und der Rest ist Ikea, oder nicht? Würdest du das „Integration“ nennen? Und darum bin ich gespannt auf dein Buch.
Wenn Sarrazin pfiffig ist, macht er daraus eine Fortsetzungsgeschichte: „Frankreich schafft sich ab“, „Spanien schafft sich ab“, „Schweden schafft sich ab“. Er könnte Hunderte von Büchern produzieren. „Luxemburg schafft sich ab“, „Südafrika ist ohne Apartheid auch nicht mehr das Wahre, seit die Schwarzen alle Auto fahren“, „Die Schweiz schafft sich ab“. Die Welt schafft sich ab! Oder? Andere Leute sind glücklich, dass die Nationen und Kulturen einander näherrücken, gerade indem sie gegenüber einander toleranter werden. Ökonomisch und auch sonst in vielerlei Hinsicht sprechen wir von der Globalisierung.
Mal ganz im Ernst, Thilo Sarrazin, ist nicht auch das heutige Russland viel zu tolerant geworden? Könnten die Taliban in Afghanistan nicht viel härter durchgreifen, um dort die alten, traditionellen Werte zu wahren?
Vielleicht bist du ja einfach nur ein deutscher Taliban.



Danke! Gedanken, die seit Tagen, wenn nicht seit Monaten in mir schwelen, wurden hier in perfekter Art und Weise in Worte gefasst.
Mein Vater, ehemals Arbeiter bei Thyssen, würde sagen:
„Kind, und der ist wirklich von der SPD? Ich dachte, die SPD ist sozial und migrantenfreundlich?“
Besonders schade finde ich, dass die Presse ihm dermaßen viel Aufmerksamkeit schenkt…
Tja, unser Sarrazin, die lebende Politbombe; gezündet in Bild und Spiegel.
Von wo ist eigentlich sein Anzug? Italien, Brioni? Woher ist seine Brille? Chanel, Frankreich? Vogue, Italien? Gold and Wood, Frankreich? Seine Schuhe? Aus Indien?
Sicher ist zumindest eines: Sein Denken ist deutsch. Nationaldeutsch. Deutschnational.
Sein Handeln als Finanzsenator in Berlin war konsequent. Da deutete sich jedoch längst an, wessen er argwöhnt. Dem Anderssein nämlich. Deutschnationale haben keine Angst vor ausländischen Zuständen. Sie haben Angst vor dem Anderssein und der Verpflichtung, die sich daraus ableitet. Etwa die, dass Schwächere besonderen Schutz bedürfen. Sarrazin meint, die Deutschen seien die gefährdete Art. Frei nach Douglas Adams „Die letzten ihrer Art“ und müssten besonders geschützt werden vor der aufwallenden ausländischen Gefahr, diesen anderen.
Sarrazin ist so bemitleidenswert wie ein Teil der Branden- oder Mecklenburger, die glauben, der Ausländeranteil in ihren Ländern ihnen läge bei über 40 Prozent, obwohl er in Wahrheit nicht mal zwei Prozent beträgt.
Sarrazin meint warnen zu müssen, dabei blendet er. Er beklagt die Integrationsunfähigkeit, insbesondere der Türken. Wie intergrationswillig war eigentlich seine Politik, die einem Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln Buschkowsky Geld für Integrationsprojekte kürzt, wie er das als Finanzer Berlins getan hat. Nachzufragen bei Buschkowsky selbst, einem Sarrazin-Parteifreund. Wahrlich: Bei solchen Freunden braucht’s keine Feinde.
Fällt sich Sarrazin also selbst ins Wort? Schlimmer. Er merkt es nicht. Er sabbelt nach Gefühlslage. Wie in der Kneipe. Gefühlte Ausländer-Unfähigkeits-Integrationslage.
Sarrazin hat ein viel größeres Problem. Ein Menschenproblem. Legendär sind seine infamen Bemerkungen gegenüber Mitarbeitern seiner einstigen Behörde in Berlin; wie schlampig sie aussähen, wie ungeplegt, wie hässlich. Scarface Sarrazin evaluiert Hässlichkeit. Ihm müssen Spiegel seit seiner Geburt vorenthalten worden sein. Allerdings übertrifft seine innere, unsichtbare Hässlichkeit seine äußere. Wozu also Spiegel?
Zurück zur Sachlichkeit. Sarrazin zeitbombt sich durchs Leben. Wie hoch ist eigentlich sein Gehalt? Sein öffentliches Gehalt? Schließlich jobbt er von Merkels Gnaden als Bundesbank-Vorstand. Sein Lohn scheint Zeit zu sein, viel Zeit, viel Zeit für Humbug-Bücher, die auch noch gedruckt und abgedruckt werden. Allmählich reicht’s. Wir Steuerzahler überweisen sein Gehalt; und er verwendet von uns bezahlte Zeit, Bücher zu schreiben und damit privat Geld zu verdienen. Wir alle geben ihm die Zeit. Wir dulden seine Gedanken, die er in Bücher gießt.
Was will Sarrazin? Er will Aufmerksamkeit. Die ist Scarface Sarrazin immer sicher. So sicher wie die Tatsache, dass er es selbst zu verantworten hat, was er mal wieder hochtönig kritisiert. In dem einen oder anderen Detail mag er richtig liegen; nur die Sache besteht aus Form und Inhalt; und Sarrazin hat längst die Form-Terrain verlassen und böllert nur noch Inhalte.
Sein Wir-Gerede erinnert mich stark an die letzte deutsche Diktatur; da hieß es auch dauernd „unser Land“, „unsere DDR“ und später nachwendlich „bei uns war alles besser“. „Uns“, „wir“, brrrhhh, arrrrggghhh. Heißt zumindest umgekehrt: Er hätte einen ausgezeichneten Karriere-Technokraten der DDR abgegeben.
In Wirklichkeit aber ist Sarrazin ein Alien. Er sieht auf die Menschen herab, grinst und ballert los. Er kann nicht anders, er hat Angst und behauptet das Gegenteil.