Fragen zur Love Parade

 

Die Pressekonferenz war eine jämmerliche Farce. Auf dem Podium saßen potenziell Beschuldigte, die sachliche Antworten geben sollten und stattdessen herumlavierten. Um welche Fragen sich der hoffentlich kommende Untersuchungsausschuss zur Mitverantwortung von Polizei und anderen Behörden kümmern sollte:

1. Dem Vernehmen nach hat die Polizei die aufs Veranstaltungsfeld strömenden Besucher hinter dem Tunnel innerhalb des Veranstaltungsgeländes gestoppt. Warum war der Polizei nicht klar, dass sich der Zustrom im Tunnel stauen würde? Welcher Idiot sperrt einen Zufluss hinter einem Tunnel? Das ist so bescheuert, wie am Ende einer Rolltreppe stehen zu bleiben. Wieso fehlte hier die Weitsicht? Warum sah man die Folgen nicht? Warum macht die Polizei hinter dem Tunnel dicht und nicht weit, weit davor?

Links von der Polizeisperre ist Platz, rechts davon Gedränge: Welche Mitverantwortung trägt die Polizei? Zum Youtube-Film

2. Bei einer Absperrung hinter dem Tunnel entsteht automatisch ein Stau im Tunnel. Warum war das den Planern nicht klar? Warum haben die Planer daraus nicht schon längst in der Planungsphase geschlossen, dass der Tunnel als Zugang ungeeignet ist? Warum hat offenbar niemand darauf gepocht, dass das Gelände mehrere alternative Zu- und Abgänge braucht? Welchen geistigen Horizont haben diese Planer und Entscheider?

3. Warum konnten Nachrückende in den Tunnel nachrücken? Warum hat die Polizei nicht effektiv dafür gesorgt, dass die Leute auf der äußeren Seite wieder aus dem Tunnel herauskommen? Wie sehr sind Polizisten darauf geschult, die Folgen ihres Handelns zu berücksichtigen? Warum behauptet die Polizei, die Massenpanik sei dadurch ausgelöst worden, dass Einzelne aus der Masse herausgeklettert seien, obwohl die offenkundig vielmehr versucht haben, übers Hochklettern eben der Panik zu entkommen, wie dieses Video zeigt? Wer will sich da schützen?

4. Ein einziger Korridor als Ein- und Ausgang zugleich – wie um alles in der Welt kann man als Veranstalter oder Behörde ernsthaft glauben, dass das gut geht? Eine Love Parade ist ein Kommen und Gehen. Warum kommt niemand der Veranstalter und der Behörden auf die Idee zu fragen, inwiefern im Tunnel möglicherweise Menschenströme kollidieren, weil manche rein wollen und manche raus? War niemand der Planer jemals auf einer Love Parade?

5. Als einzigen Ein- und Ausgang zudem einen Korridor von nur 16 Metern Breite vorsehen – wie dumm muss man sein, um an so etwas auch nur zu denken? Der Tunnel ist dem Vernehmen nach 16 Meter breit und 100 Meter lang. Die Fläche des Tunnels beträgt demnach 1600 Quadratmeter. Drängen sich vier Menschen auf einem Quadratmeter, passen 6400 Menschen in den einzigen Zu- und Abgang der Veranstaltung. Das ist schlicht zu wenig – egal, wie viele Menschen letztlich insgesamt zur Love Parade kommen. Ein solcher Zugang eignet sich nicht für Veranstaltungen mit 1,4 Millionen Menschen und auch nicht für Veranstaltungen mit 300.000 Menschen. Warum planen die Veranstalter einer Love Parade nach den jahrelangen Erfahrungen mit dieser Veranstaltung so einen gefährlichen Zugang? Kein normaler Mensch, der bei Sinnen ist, erlaubt einen 16 Meter breiten Tunnel mit 100 Metern Länge als einzigen Zu- und Abgang einer Love Parade. Um zu erkennen, dass so eine Idee Schwachsinn ist, braucht jemand bei Verstand weder Studien noch Gutachten.

6. Wie kann es sein, dass man überhaupt davon ausgeht, zu einer Love Parade kämen weniger als eine Million Menschen? Und wie erklären sich die widersprüchlichen Angaben über die Teilnehmerzahl? Laut Polizeigewerkschaft hat der Veranstalter 500.000 Teilnehmer angemeldet, wobei nur 250.000 zugelassen gewesen seien. Wie kommt eine Genehmigung zustande, wenn doch jeder Mensch mit ein wenig Hirn weiß, dass eine Love Parade durchaus schnell mal mehr als eine Million Menschen anziehen kann?

7. Warum halten so genannte Sachverständige ein Areal für eine Massenveranstaltung für geeignet, das auf der einen Seite durch eine Bahntrasse und auf der anderen Seite durch eine abschüssig gelegene Autobahn begrenzt ist – also in Sachen Sicherheit besonders relevante Anlagen?

8. Warum geht so ein Sicherheitskonzept durch, ohne dass irgendjemandem das Naheliegende auffällt? Warum sind die Macher und Entscheider seitens der Behörden so blind? Warum sagt nicht irgendein Sachbearbeiter: „Leute, stopp! Bei euch piept’s wohl! Ihr wollt eine Love Parade machen mit einem Tunnel als einzigem Ein- und Ausgang?“

9. Wie heißt der Behördenvertreter, der den Tunnel als einzigen Zu- und Abgang genehmigt hat? Wie heißt der Polizeibeamte, der verfügt hat, man solle den Zustrom hinter dem Tunnel stoppen? Nachtrag 27. Juli – Sofern es stimmt, dass die Genehmigung der Love Parade erst am Sonntag fertig war: Warum greift ein Behördenvertreter nicht sofort zum Telefon, wenn seine entscheidende Genehmigung die Teilnehmerzahl so signifikant einschränkt, dass sie die Veranstaltung unmöglich macht? Warum überhaupt kommt so eine wesentliche Information so spät?

10. Haben Veranstalter und Behörden Warnungen ignoriert? Wer sind die Warner? Die Rede war von einem Polizisten, von einem Feuerwehrmann … Jemand hat bei n-tv behauptet, ein Polizist habe einen regungslosen Menschen nach Fühlen der Halsschlagader ohne Arzt für tot erklärt – wo sind diese Zeugen?

11. Wie können Veranstalter und Behörden so blöd sein und Baugitter aufstellen, obwohl Baugitter im Falle einer Panik zur tödlichen Falle werden können, was jeder weiß, der schon einmal bei einer Massenveranstaltung mit Baugittern in ein Geschiebe geraten ist?

12. Warum formulieren die wenigsten Medien diese relevanten Fragen?

Nachtrag 26. Juli: Die Polizei Duisburg hat die Ermittlungen abgegeben – wegen möglicher Befangenheitsvorwürfe wird nun eine andere Dienststelle ermitteln.

Und eine weitere Frage stellt sich: Was ist in diesen Panikforscher gefahren, dass er sich zu der Behauptung versteigt, die Panik sei dadurch ausgelöst worden, dass Einzelne hochgeklettert und abgestürzt seien? Vielleicht sollte sich der gute Mann mal dieses Video anschauen und einstweilen besser schweigen.

2 Kommentare zu „Fragen zur Love Parade“

  1. Cujau

    Antwort zu 1.: Corpsgeist in der Polizei basiert auf Befehl und Gehorsam; das Fußvolk tut das, was die Kommando-Ebene anweist. Die Kommando-Ebene hatte offenbar die Lage falsch eingeschätzt, falsch analysiert und die falschen Schlüsse gezogen. Am Ende des Tunnels zumachen, muss nahelagen, die Kommando-Ebene dachte, das Festival-Gelände ist überfüllt. Dabei war der Zugang überfüllt. In der Stadt Duisburg informierte die Polizei über Leuchtinfo-Bänder, die Loveparade sei wegen Überfüllung geschlossen. Ergo: Tunnel hinten zu, nicht davor; Staudruck vom Bahnhof. Kollossaler Fehler 1.

    Antwort zu 2.: Es gibt nur diesen Zugang zu dem Gelände. Einen weiteren gibt es einfach nicht. Ergo: Die Leute gehen da durch; durch das Nadelöhr. Kollossaler Fehler 2.

    Antwort zu 3.: Nicht nur die Polizei hat den Zugang zum Gelände geregelt, sondern auch der Veranstalter mit vielen Schleusen. Die haben im Laufe des Tages immer weiter Leute aufs Gelände gelassen, weil der Druck aus Richtung Hauoptbahnhof zum Gelände oder aus Richtung Innenstadt abgesehen vom Hauptbahnhof immens war und immens stetig anstieg. Sogwirkung von zwei Seiten und durch mehrere Instanzen gestützt, befeuert, erzeugt. Anweisungen, Notausgänge zu öffnen, durfte nur die Polizei geben, die selbst widersprüchlich handelte (Leute vom Gelände abhalten, Leute aufs Gelände rauftreiben lassen). Staudruck von zwei Seiten. Kollossaler Fehler 3.

    Antwort zu 4.: Planer und Organisatoren wollten die Rekord knacken; mehr als vor zwei Jahren in Dortmund mit 1,6 Millionen Kommern und Gehern. Idee: Wenn es nur Kommer, aber keine Geher gibt, knacken wir den Rekord. In Duisburg wollten offenbar Größenwahnsinnige in irrer kindischer Ruhr-Rivalität die andere Stadt ausstechen. Kollossaler Fehler 4.

    Antwort zu 5.: Sie haben die Zugang nicht geplant; sie hatten keinen anderen. Sie hatten kein anderes Gelände, sie hatten nicht den Mut, wie die Bochumer 2009, die Sache abzublasen. Schon gar nicht 5 vor 12. Im Angesicht den nahen Rekords gibt es keinen Verstand, sondern nur Wahn. Kollossaler Fehler 5.

    Antowrt zu 6.: Die tatsächliche Anzahl, ob es nun 250 oder 500 000 oder über eine Million Raver waren, ist irrelevant angesichts der Feststellung der Veranstalter, dass es ein bisschen mehr als 100 000 gewesen sein sollen. Damit entlarvt sich eine Organisator ja selbst. Denn selbst mit seiner so niedrigen Schätzung verschwindet die Katastrophe nicht. Sie passiert also bei kleinstangenommener Teilnehmerzahl. Das ist das Kranke, dass der Organisator nicht mal selbst merkt und ständig wiederholt, dass Zahlen oberhalb von 250 000 nicht von offiziellen Stellen stammten. Kollosaaler Fehler 6.

    Antowrt zu 7.: Einbahnstraße auf ein totes Gleis … über eine Rampe. Mann, was für irrwitziger Gedanke. Massenveranstaltung zur Massenentsorgung. Jugend wird weggesperrt. Wie kleine Kinder, die stören, an den Rand gedrängt. Wer das im Kopf hat: Behörden, Offizielle, so genannte Experten und die Jünger des Kommerzes, die die gesamte Festival-Fläche vermarkten. Kollossaler Fehler 7.

    Antwort zu 8.: Das Naheliegende ist natürlich Leuten aufgefallen, das Naheliegende ist natürlich von diesen Leuten angesprochen worden. Das Dumme daran ist nur, von zu leisen Leuten, von zu leisen Beamten, zu leisen Planer-Mitarbeitern. Es ist nicht ihre Schuld, dass ihre Warnung nicht gehört wurde. Sie sind einfach überdröhnt worden vom Getöse des in Aussicht gestellten Millionen-Ertrages für die Veranstalter, die Stadt, das Land (NRW). Kollossaler Fehler 8.

    Antwort zu 9.: Duisburg hat einen Oberbürgermeister, Duisburg hat einen Polizeichef, NRW hat einen Innenminister. Solche Institutionen hätten jene versagenden Instanzen wie Veranstalter und Organisatoren stoppen können. Haben sie aber nicht. Kollossaler Fehler 9.

    Antwort zu 10.: Vielmehr: Wo sind die Warner? Sie muss es gegeben haben. Aber sie wurden – siehe Antwort zu 8. – überblendet. N-tv hat den Augenzeugen interviewt, die kennen seine Telefonnummer. Hab das Interview live gehört.

    Antwort zu 11.: Die sollten ja nicht auf die Autobahn oder auf die Bahnstrecke laufen und dort womöglich noch feiern. Ergo: Das zeigt, wie ungeeignet das Gelände war, es zeigt, wie ungeeignet die handelnden Personen bei der Einschätzung der Lage waren, es zeigt, wie ungeeignet und überfordert eine 491931-Einwohnerstadt (2113 Einwohner je km²/Quelle: Wikipedia) mit einer Anderthalb-Millionen-Leute-Veranstaltung ist. Kollossaler Fehler 11.

    Antwort zu 12.: Weil viele Medien endlich wieder eine Loveparde nach dem Ausfall voriges Jahr haben wollten. Spiegel TV war Tage vorher in der Stadt und produzierte in die Katastrophe aus der Vorbereitungsphase hinein – jüngste Spiegel-TV-Magazinsendung Sonntag auf RTL, Montag auf N-tv. Eigentlich wollten sie das Friede-Freude-Eierkuchen-Rivival dokumentieren. Medien wollten die Loveparade, Absagen war keine Option. Kollossaler Fehler 12.

  2. Cujau

    20 Tote.

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