Panikforscher rationalisiert Panik

 

Was ist denn dieser Herr Schreckenberg für ein Panikforscher, wenn er „das Werk von Einzelnen“ in „Spiegel Online“ aus der Genese einer Panik ausnimmt? Was bringt mir ein Panikforscher, wenn der den Gegenstand seiner Forschung, nämlich das mitunter irrationale Zustandekommen einer Panik, den Gesetzen der Rationalität und der Vorhersehbarkeit unterwirft?

Es ist mal wieder ein Argument dafür, dass wir zur Behandlung der Wirklichkeit keine Theoretiker mit akademischer Bildung brauchen, sondern Menschen mit praktischer Erfahrung. Wir brauchen keine gelehrten und gebildeten Experten, sondern Menschen mit Bodenhaftung und dem Gespür für die Selbstverständlichkeit, dass der Duisburger Tunnel natürlich ein Nadelöhr und damit eine Falle ist. Dafür braucht kein normaler Mensch eine Studie. Wer Massenveranstaltungen wie die Love Parade kennt, weiß auch ohne Panikforscher, dass das Setting höchst gefährlich war. Wer bei Sinnen ist und eine Love Parade plant, stellt auch keine Baugitter auf, weil Menschen die umtrampeln und andere Menschen darunter zerquetschen. Dieses Wissen fehlt den Veranstaltern offenbar. („Spiegel Online“ verändert ab und zu Fotostrecken, bitte um Verständnis, falls der Link nicht stimmt.)

Mit „stürzenden Menschen“ habe man „nicht rechnen können“? Was ist denn bitte eine solche Panikforschung wert? Mir scheint eher, da redet sich einer der Verantwortlichen um Kopf und Kragen. Wie viel Geld hat der Panikforscher denn vom Veranstalter und der Stadt Duisburg bekommen? Kann man das zurückverlangen? Und was sind das denn bitte für „Sachverständige“, die es zulassen, dass es zu einer Love Parade nur einen Ein- und Ausgang gibt, der zugleich ein enger Tunnel ist? Vielleicht sollten wir den Glauben an „Sachverständige“ endlich einmal in die Tonne treten.

Die Pressekonferenz der Verantwortlichen war die jämmerlichste Pressekonferenz, die ich jemals gesehen habe. Eine Stunde Laviererei und Hilflosigkeit am Podium, verärgerte Journalisten im Saal. Es ist schon blöd, wenn man als mutmaßlich potenzieller Beschuldigter vor den Medien objektiv erklären soll, wie es zu einer solchen Katastrophe kam. Klar verweist man da ständig aufs schwebende Verfahren und sagt mal lieber nichts.

Bleiben wir dabei, die mutmaßlichen Verursacher der Misere als objektive Instanz anzusehen, wird die Sache vermutlich ausgehen wie üblich: Als „wahr“ gilt die Darstellung der Verantwortlichen und der offiziellen Stellen. Diese O-Töne landen dann in den Medien – wie jetzt schon, wenn die Veranstalter ihre Ansicht über die Gründe der Panik in Kameras sprechen dürfen, obwohl sie eher Beschuldigte sein sollten. Augenzeugen mit ihren konkreten Beobachtungen sowie kleine Polizeibeamte und Feuerwehrleute, die das Elend haben kommen sehen, finden unter „ferner liefen“ statt. Experten werden bestätigen, dass die Verantwortlichen keine Verantwortung haben, und die Kleinen, die die Zusammenhänge treffend darstellen, wird man an die Wand reden. So ist das in Deutschland.

3 Kommentare zu „Panikforscher rationalisiert Panik“

  1. Stefan

    Ich bin so entsetzt und sauer wie selten nicht mehr. Es ist so unfassbar traurig: Hirnverbrannte theoretische „Experten“ sollten wohl mit pro-forma-Gutachten für „Absicherung“ der Entscheider sorgen. Dabei WEISS jeder, der schon mal auf einer Love-Parade gewesen ist, dass das so nicht gehen KANN.

  2. Thilo Baum

    Dabei gibt es so wenige, einfache und klare No-Gos:

    - langer und enger Tunnel als einziger Zugang
    - Baugitter
    - links Bahngelände, rechts Autobahn

    So blöd kann man gar nicht sein, jetzt noch herumzulavieren, ein solches Areal eigne sich für eine Massenveranstaltung.

  3. Thilo Baum

    PK übrigens hier:

    http://www.wdr.de/mediathek/ht.....h.xml?mo=0

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