Da habe ich doch so ein Gefühl, dass die Deutsche Bahn AG uns hier allen eine mächtige Räuberpistole erzählt von wegen, die Verspätungen und Zug-Zusammenlegungen lägen am Wetter. Kaum wird es wärmer, stürzt das System zusammen, während bei den tiefen Minusgraden der vergangenen Woche keine solche Nachrichten die Lage beherrschten.
Mir scheint es eher, als habe die Bahn ein massives Management-Problem. Wie treue Leser/innen meines Blogs wissen, bin ich Vielreiser und bevorzuge das Auto. Nur ab und zu nutze ich die Bahn. Und es kam in den vergangenen zwölf Monaten kein einziges Mal vor, dass dabei irgendetwas reibungslos verlaufen wäre. Entweder der Zug hat Verspätung – was ich nachsehe –, oder er steht genau falsch herum im Vergleich zum Wagenstandsanzeiger, so dass ich mit Gepäck in den letzten Minuten vor der Abfahrt 400 Meter sprinten darf. Der Zug fährt von anderen Gleisen, jedenfalls anders als sonst, was auch immer: Irgendwas ist. Kleinkram vielleicht. Okay. Aber das eben vor dem Hintergrund, dass Hartmut Mehdorn mit der Bahn an die Börse wollte und mir Bahn-Mitarbeiter auf dem Bahnsteig sagen, wir sollten doch froh sein, dass in diesem kaputten Laden überhaupt noch was fahre.
Kürzlich habe ich eine Bahncard 50 gekauft. Ich musste dazu zum Bahnhof, weil die Webseite der Bahn meine Adresse nicht als gültig anerkennt. Keine Ahnung, warum die nicht einfach meine Adresse akzeptieren, sondern sie – so die Auskunft – mit irgendeinem Verzeichnis abgleichen müssen, was dann beim Kauf am Bahnhof nicht nötig ist. Die Typen beim Support haben angesichts meiner Mail nicht einmal sofort kapiert, worum es ging, als ich schrieb, dass etwas falsch läuft. Die Bahn ist ein Unternehmen, in dem Support-Mitarbeiter E-Mails ohne ihren Namen als Absender verschicken, total Stulle also und weit weg von den Menschen. Ich also zum Bahnhof, Bahncard gekauft und ein paar Fahrten gebucht. Vielleicht hätte mir dieses Chaos schon Warnung sein sollen, um vom Bahncard-Kauf abzusehen.
Zwei Mal fuhr ich in diesem Monat mit dem Zug von Köln nach Berlin. Einmal hatte ich für den 18. Dezember den ICE 555 von Köln nach Berlin gebucht, Abfahrt 8.48 Uhr ab Köln Hauptbahnhof. Dann hatte ich für heute, also den 23. Dezember, den ICE 859 von Köln nach Berlin gebucht, Abfahrt 11.48 Uhr ab Köln Hauptbahnhof.
In beiden Fällen hieß es nach dem Einsteigen, der Zug sei nur ein „Ersatzzug“. In Hamm (Westfalen) durften alle umsteigen in einen anderen Zug, der am selben Bahnsteig gegenüber wartete. Heute verfiel darüber hinaus meine Platzkarte, da der außerplanmäßige Anschlusszug ab Hamm schon voll war mit Leuten aus Düsseldorf. Ich gab einer Mitreisenden meinen Koffer als Sitz und setzte mich auf meinen Rechnerkoffer mit Rechner auf den Knien, um irgendwie an meinem aktuellen Projekt (Abgabe heute Abend) weiterzuarbeiten. Ich hatte einen Tisch im ICE in der Ruhezone gebucht, um diese Sache abschließen zu können. Ich dachte, so etwas gehe mit der Bahn. Es geht leider nicht. Auf das Unternehmen ist kein Verlass, es ist zu miserabel geführt.
Was treibt eigentlich die „Tagesschau“, auf ihrer Webseite zu behaupten, es treffe nur die Strecke Berlin-München? Wenn sie das einem Bahn-Sprecher nachplappert, dann soll der mir mal erklären, warum innerhalb weniger Tage zwei Mal auf der Fahrt Köln-Berlin ein Ersatzzug fährt.
tagesschau.de fällt auf Konzern-Propaganda herein, während die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht – und ICE scheinen dann „wintertauglich“ zu sein, wenn bei minus 10 Grad Celsius Leitungen einfrieren. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hinterfragt das nicht
Was erklärt die Bahn-Durchsage? Die Kosten für die Reservierung bekäme man zurück. Das bedeutet: Ein kafkaesk umständliches Formular wegen 4,50 Euro ausfüllen. Der pure Hohn gegenüber den Opfern der Managementfehler – man quält sie mit bürokratischem Aufwand. So tickt der Staat, dem dieses Unternehmen gehört, entsprechend gering ist die Wertschätzung gegenüber dem Volk. Vielleicht lasse ich das Formular gleich meinen Anwalt ausfüllen, dann übernimmt die Bahn auch gleich die Kosten für den Anwalt. Ich finde, Formulare auszufüllen ist unzumutbar angesichts dessen, was die Bahn sich leistet. Ich habe keine Zeit für sowas, wie viele andere Menschen auch nicht. Während Staatsbetriebe nicht mehr funktionieren, arbeiten wir wie die Hunde, ich weiß nicht, ob das von denen, die die Bahn als Staatsvertreter beaufsichtigen, irgendjemand merkt.
Dann heißt es in der „Tagesschau“ heute, die Ursache fürs Bahn-Chaos sei das Wetter. Hm. Serienmäßig Ersatzzüge ab Hamm? Kann ja sein. Aber das Wetter? Ich weiß nicht. Glaube ich nicht. Haben wir denn den ersten harten Winter hier seit 1944? Ich glaube nicht. Wissen ICE-Hersteller nicht, dass Deutschland auch mal Schnee und Minusgrade hat? Oder denken die, sie konstruieren einen Zug für eine kanarische Insel? Wie dumm muss man sein, sich Züge andrehen zu lassen, die nur im Sommer fahren, sofern diese angebliche Ursache tatsächlich zutreffen sollte? Wie machen das die Schweden und Norweger? Die Russen? Die Kanadier? Alaska?
Dummheit ist nur ein möglicher Grund für Managementfehler. Und wegen irgendeiner Verspätung sage ich echt nichts. Es gibt in der Tat eine Menge Idioten, die sich vor Züge werfen, statt ihr Elend mit sich alleine auszumachen. Ein anderer möglicher Grund für ein solches Desaster kann Berechnung sein. Soll die Bahn etwa weg? Soll der Konzern, wenn es schon mit der Börse nicht hinhaut, möglichst runtergewirtschaftet werden, damit man ihn wie Volvo an irgendein chinesisches Unternehmen verkaufen kann? Kundenservice runter, Einnahmen rauf, Reklamationen möglichst schwer machen, um Retouren zu vermeiden? Ich sehe da gewisse Muster.
Dann heißt es noch in der „Tagesschau“, die Bahn wolle sich vor der Kamera nicht äußern. Spätestens jetzt glaube ich der Bahn nicht mehr. Hoffentlich kommentieren die Kollegen von der ARD diese Frechheit in den „Tagesthemen“: Die Bahn ist nach wie vor ein Unternehmen, das der Bundesrepublik Deutschland gehört, also uns allen. Also haben die gefälligst geradezustehen für den Mist, den sie bauen, und der Öffentlichkeit zu erklären, was da geschieht, und zwar viel klarer als die Umstände des Tanklastzug-Bombardements in Afghanistan, denn anders als dort gibt es in puncto Bahn keinerlei Geheimnisse. Was ist das denn für eine „Demokratie“, wenn die Politik es duldet, dass ein staatseigenes Unternehmen die Öffentlichkeit, also den Staat selbst, nicht über die Geschehnisse informiert, die den Laden ruinieren? Was ist denn das für ein Schuppen, der seine Eigentümer für dumm verkauft? Das Ganze nährt den Verdacht, dass hier eine Minderheit von Staatsfeinden dabei ist, dem Staat massiv zu schaden.
Der einzelne Bahnkunde denkt sich: Mein Gott, was soll die Aufregung. Hast du eben Geld ausgegeben und bekommst dafür eine miserable Leistung. Bist du ja eh gewohnt. Immer, wenn du der Bahn eine Chance gibst, ist was. Mehdorn wollte sogar die Speisewagen abschaffen, wie man hört. Lohnt es sich, den Schadenersatz einzutreiben? Nein. Und damit macht die Bahn einen Millionengewinn. Indem sie die Kundenrechte beschneidet und nicht liefert, was sie liefern soll, der Einzelne aber Wichtigeres zu tun hat, als sich um die offenkundigen Managementfehler eines heruntergewirtschafteten Staatsbetriebs zu kümmern und die Politik trotz Zuständigkeit kein Wort dazu sagt, geht das eben so weiter. Es ist die pure Missachtung der Politik gegenüber dem Volk.




Dummheit? Managementfehler? Daran glaubt nur, wer an den Weihnachtsmann glaubt. Es ist Kalkül, es ist Strategie, was die Bahn macht. Sie sind zwar Mehdorn los, es ist aber immer noch die Mehdorn-Bahn, die da wirkt. Schwerfälliger Klotz, beratungs- wie reformresistent.
Auf Börsentauglichkeit getrimmt wurde sie; so wenig Kosten wie möglich verursachen – vordergründig natürlich. Denn jetzt im Nachhinein wird es jetzt verdammt teuer. Es rammsauerte ja kürzlich in der Sonntagspresse mit der Bemerkung, der Hersteller der ICE-Züge sei schuld. Hm. Gutes Ablenkungsmanöver, aber eben ein Ablenkungsmanöver. Die Bahn wartet ihre Züge nicht. Das weiß auch der Rammsauernde, zeigt aber wie Dicky Hoppenstedt auf die anderen mit seinem Dummfinger.
Kaufe ich mir ein Auto, lasse aber die Wartungsintervalle verstreichen und wundere mich irgendwann, dass diverse Systeme ausfallen, weil ich kein Öl wechsle, kein Wischwasser nachgieße, keine Bremsbacken erneuere, kann ich kaum den Hersteller verantwortlich machen, als vielmehr mich selbst an die Nase fassen. Anstelle von Siemens – die man wahrlich nicht bedauern muss – würde ich wegen Rufschädigung den raumsauernden Minister verklagen. Ähnlich wie Leo, der Kirch, die Deutsche Bank wegen Ruf-Schädigung in Sachen Kreditwürdigkeit verklagt und teilweise gewonnen hat.
Wann endlich wird jener Mehdorn verklagt, verurteilt und in das Chateau Dief für die nächsten 50 Jahre geworfen? Ohne Bonus, ohne Abfindung und ohne dergleichen. Nur bei Wasser und Brot. Ich weiß, es steht in seinem Vertrag. Nur: Der Mann hat die ihm auferlegte Sorgfaltspflicht auf das Gröbste untergraben und somit Vertragsbruch begangen. Wie kann man also einem Vertragsbrüchigen Bonus und Millionenabfindungen überweisen? Das gehört in einen Untersuchungsausschuss.