Handy gefunden

Was liegt denn da auf der Straße, denke ich mir beiläufig – und siehe da: ein Handy! Elektronik-Schrott? Nein! Ein annes Handy mit einem etwas zerschrammten Display.

Wie bekommt man heraus, wem sowas gehört? Warten, bis der Besitzer anruft, meinen die einen. Doch wenn der Akku runter ist? Es darf nicht ausgehen, denn ohne PIN sind die Informationen nicht mehr zugänglich … Die letzten angerufenen Nummern anrufen, sagen die anderen. Oder das Telefonbuch durchtelefonieren?

„Guten Tag, kennen Sie jemanden, der sein Handy verloren hat? Ich meine, nein: Sie kennen den Eigentümer, das weiß ich, sonst wären Sie wohl kaum im Telefonbuch des verlorenen Handys, also anders: Können Sie mir den Namen desjenigen sagen, den Sie kennen, der sein Handy verloren hat?“ Oder wie soll das gehen?

Kaum jemand wird antworten: „Na klar, Mensch, das ist der Karlheinz Mustermann, das ist der einzige Mensch, der mich kennt und ernst nimmt, und wissen Sie was: Seit der sein Handy verloren hat, ruft mich gar keiner mehr an!“ Genau das probiere ich – doch statt eines Klingelns sagt Frau Telefon: „Bitte wenden Sie sich an Ihren Dienstanbieter.“ Karte leer oder so? Keine Ahnung, weil ich seit jeher mit Telefonen für Erwachsene telefoniere. Ich betrachte das Handy immer mehr als Müll, was soll’s auch, ein zerkratztes Stück Alt-Hightech mit einer leeren Prepaid-Karte – aber Eigentum ist Eigentum, außerdem sind Daten drin und schließlich: Vielleicht hängt jemandes Herz dran?

Es bleibt der Verstoß gegen den Datenschutz. Ich fahnde im Telefonbuch. Vielleicht findet sich was? Anne, Lara, Mara, Maria … alles nichts. Doch dann: „Papa und Mama“. Ha! Die Genetik hilft bei der Ermittlung. Das ist ein bisschen wie ein DNA-Abgleich, denke ich mir, und fühle mich gleich wie ein Tatort-Kommissar.

Anruf bei Papa und Mama von meinem Telefon aus. Papa ist dran. Ich erkläre ihm alles. „Nee, ich hab mein Handy nicht verloren. Wie soll meine Nummer sein?“, schnauzt er mich an. „Da habe ich mich wohl nicht richtig ausgedrückt“, sage ich und wiederhole: „Ihre Nummer war im Telefonbuch des Handys. Es geht wohl um Ihren Sohn oder Ihre Tochter.“ – „Ach, das hab ich nicht so, ich bin nicht so der Telefonierer, ich frag mal meine Frau.“

Das ist eine gute Maßnahme, denn die Frau ist ein wenig pfiffiger. Sie kommt zwar auch nicht auf die nahe liegende Idee, mich nach meiner Nummer zu fragen und sich darum zu kümmern, sondern überlässt mir die weitere Arbeit in der Sache (so nach dem Motto: Sie wollen doch was von mir, nicht ich von Ihnen). Ich bin in einer Egozentrikerfamilie gelandet! Frau Mama verrät mir die Nummern (immerhin intelligenterweise die Festnetznummern) der beiden Söhne, die in Frage kommen. „Rufen Sie da mal an“, sagt sie noch.

O Welt. Nie etwas gehört von Entgegenkommen, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe. Dankbarkeit? Unbekannt. Aber egal.

Anruf beim ersten Sohn. Treffer. „Tja, wie machen wir das“, frage ich. „Wo sind Sie denn? Ich bin in Mitte.“ – „Ich arbeite in Mitte“, sagt er. „Wo denn?“, frage ich. „In der Deponie“, antwortet er. Sicheres Indiz für Egozentrik: Der unbefangene Anrufer muss nicht wissen, dass es sich dabei um eine Kneipe handelt. Wer kein Berliner ist, mag „Deponie“ auch für einen Recyclinghof halten. „Welche Deponie denn?“, frage ich. „Die in der Friedrichstraße.“ Prima! Alles machbar. „Ich bin um 13 Uhr im XY in der Dircksenstraße zum Essen verabredet“, sage ich, da können Sie Ihr Handy doch abholen.“

Die unfassbare Antwort: „Da arbeite ich noch gar nicht.“

Da arbeitet er noch gar nicht! Oh, pardon. Wie konnte ich nur. Möge das Vorzimmer Seiner Durchlaucht einen Büttel schicken oder mit meinem Vorzimmer einen Termin vereinbaren? Irgendwie erinnert mich das Ganze an die Zeitungsvolontärin, die einer Freundin von mir ein paar Kanarienvögel für drei Wochen in Pflege gab und beim Abholen erwartete, dass ihr die Freundin das Taxi zahlt. Es tut mir Leid, dass ich den Herrn bemüßige, sich mit solch widrigen Dingen wie verlorenen Handys zu befassen! Ich werde mich bessern und ab sofort keine Besitzer mehr recherchieren.

„Na aber vielleicht können Sie es trotzdem so einrichten?“, frage ich. „Ich habe heute einen fett verplanten Tag, und wenn Sie das Handy heute wollen, wäre 13 Uhr die einzige Möglichkeit.“ – „Wo ist das noch mal genau?“ – „Da und dort.“ – „Ok, ich komm vorbei.“

Geht doch.

11 Kommentare zu „Handy gefunden“

  1. Thilo

    … Und dann war der Herr bei der Übergabe doch noch sehr nett und ausgeschlafener – er hat sogar Pralinen mitgebracht. Danke.

  2. bosch

    Deutete auch zunächst alles auf groben Undank hin, so lässt sich abschließend sagen: geht doch.

    Du hast Dir aber auch wirklich Mühe gegeben. Ich wünschte, alle Finder wären so.

  3. The Exit

    eigentlich sollte man solchen leuten das handy gar nicht zurückbringen. unglaublich!

  4. Thilo

    Das ist eigentlich noch gar nichts gegen die Story, wie ich mal nachts um 1 nach Redaktionsschluss einem spanischen Pärchen in einem 40-Tonner den Weg vom Alex zum Großmarkt zeigte, indem ich vor ihnen herfuhr.

    Oder als mal in Berlin eine Straßenbahnfahrerin krankenhausreif geprügelt wurde und ich für meine Zeitung die Story dazu schrieb, hatte sie in der Klinik keine Klamotten und keine Zahnbürste und nix bei sich, und weil ihr Oller zu faul war, von Erkner reinzufahren und ihr was zu bringen, habe ich ihm am Telefon befohlen, was zusammenzupacken, bin nach Erkner gefahren und habe der Frau ihre Sachen gebracht.

    Manchmal sind Menschen so erbärmlich, ich kann das nicht ab.

  5. A.

    Respekt! Deine Reaktion und Geduld finde ich bemerkenswert. Jeden Tag die Welt ein klein wenig besser machen.

  6. !nes

    Ja, du hast recht… es gibt schon verdammt komische Menschen….aber sei doch mal ehrlich…. man fühlt sich gut, wenn man ne gute Tat vollbracht hat!? Egal wie dankbar oder undankbar son „Oller oder Proll“ is….
    Man hat nach besten Wissen und Gewissen gehandelt!
    Es gibt wenig ehrliche Menschen auf dieser Welt… Kompliment und Hochachtung Herr Baum!

    PS: Denk dran… Pralinen machen fett!

    He, das versteh ich auch nich… ich geh jeden Tag joggen…fahr Inliner… ess gern Putenbrust und Gemüse…versuch mich echt gesund zu ernähren… aber ich bekomm ständig Pralinen geschenkt!!!
    Hallo Welt…. hallo ihr da draußen… ich will keine Pralinen…. ich will abnehmen!!!!!!!!!!

  7. Herr Schwaner

    Meiner Frau und mir ging es ähnlich, als wir ein Portemonaie gefunden hatten und aus dessen Inhalt erst einmal den Namen zu extrahieren hatten und dann glücklicherweise über Telefonbuch (online) die Eltern des Besitzers ausfindig machen konnte (in der Ortschaft wohnte gottlob nur eine Familie dieses Namens, nähe Bernau). Die Eltern waren sehr misstrauisch uns gegenüber und eher noch entzürnt. Warum auch immer… schließlich wollten wir ihrem Sohn das Portemonaie zurückgeben. Wir bekamen nach langem Hin- und Her die Handynummer des Sohnes und dieser war überglücklich, als wir anriefen. Er kam auch gleich zu uns nach Hause, holte seine Geldbörse ab und bedankte sich überschwenglich. Er sass gerade in einem Café in der Sredzkistraße (P‘berg). Vielleicht musste er noch die Rechnung bezahlen, keine Ahnung.

    Zu „manchmal snd Menschen so erbärmlich“: Wie heißt es doch so schön? „Undank ist der Welten Lohn“ – leider wahr.

  8. Hedwig

    Super Geschichte von einem ehrlichen Finder, der sich auch noch so sehr bemüht. Schade, dass manche Leute zum einen nichts schnallen oder undankbar sind. Aber zum Glück war das Ende ja noch gut!
    Ich hatte auch mal mein Handy verloren. Zum Glück war es eingeschaltet und eben für den Fall des Verlierens hatte ich einen Namenaufkleber draufgemacht. Die nette Dame, die mein Handy gefunden hatte, hat die erste Nummer in meinem Adressbuch angerufen und den Angerufenen (das war zufällig ein Verwandter) gefragt, ob ihm der Name „XY“ was sagt. So kam ich über ein weiteres Telefonat von meinem Verwandten zu meinem Handy.
    Ich habs natürlich abgeholt!
    Das ist doch das Selbtsverständlichste auf der Welt!
    Bei dem Verlust des Handys gings mir gar nicht so sehr um das Handy, sondern um die gespeicherten Daten. Ich war so froh, dass eine ehrliche Person mein Handy gefunden hatte!

  9. Thilo

    @ Ines: Die Pralinen habe ich der nächsten Person geschenkt, die mir über den Weg lief. :-)

  10. !nes

    @ Thilo: Super…hab so langsam den Verdacht, dass es viele so machen wie du *grins* – und die Pralinen einfach weiter verschenken….und am Ende…landen se alle bei mir!!! ;oP

  11. Regine

    Hab mal in Südfrankreich einem Pärchen, dessen Auto aufgebrochen wurde, kilometerweit die Handtasche hinterhergetragen, die ich beim Wandern im Strassengraben fand. War alles drin, Schlüssel, Dokumente etc. Habe die Leute dann über deren Adressbuch und meine Handy-Gebühren ausfindig gemacht. Kein Wort des Dankes, wildes Herumgetelefoniere nach Hause. Dann wollten sie meine Adresse haben, angeblich, um sich zu bedanken, haha. Nie mehr was von ihnen gehört, vermutlich haben sie meine Adresse noch überprüft, Dankeschön die Dame und der Herr.
    Seither denke ich, dass „die Südfranzosen“ ein Gespür dafür haben, welche Autos sie aufbrechen.

    Ich zitier aus dem Programm von nöhö.de: „Die Eitelkeiten zu befriedigen, heißt oft die Rücksichtnahme in Rechnung zu stellen.“

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