Alice Schwarzer: Meine algerische Familie

By |2018-10-12T21:13:53+00:0029. Juli 2018|Categories: Bildung, Kommunikation|0 Comments

„Meine algerische Familie“ heißt das neue Buch von Alice Schwarzer – und hiermit ergeht unbedingter Lesebefehl. Ich habe das Buch in einem Stück durchgelesen.

Die „schwarzen Jahre“ in Algerien sind vorbei, das Land normalisiert sich, und Alice Schwarzer fährt mit der Fotografin Bettina Flitner in das nordafrikanische Wüstenland. Beide besuchen dort Freunde. Alice Schwarzer erlebt bei diesen Menschen seit Jahrzehnten immer wieder spannende Begegnungen, eingeordnet in eine politische, kulturelle und religiöse Entwicklung zwischen islamistischer Bedrohung und demokratischer Hoffnung.

Einmal widerlegen die beiden Frauen das Vorurteil, man könne nicht in arabische Länder reisen, weil dort nur frauenfeindliche Radikale mit Sprengstoffgürteln herumlaufen – und dann zeigen sie aber auch, wie das kulturelle Mindset vom Islam geprägt ist und sich aufs Frauenbild auswirkt. Wer die Phänomene verstehen will, die wir in Europa infolge der enormen moslemischen Zuwanderung erleben, sollte dieses Buch lesen. Es plädiert weder für eine generelle Vorverurteilung noch für eine generelle Verharmlosung, wie das derzeit in der deutschen Politik zu beobachten ist, deren Mitte zu verschwinden scheint.

Die wichtigste Passage zum Thema „Migranten in Europa“ findet sich wohl auf den Seiten 62 und 63. Alice Schwarzer fragt ihre algerischen Freunde nach Silvester 2015/2016 in Köln. Bei dem „Taharrush“waren einige Algerier dabei. Die Antwort: „Wir sind froh, dass die jetzt bei euch sind. Die könnt ihr behalten. Früher standen die hier an den Ecken rum.“ Ein anderer: „Und wieso überhaupt Flüchtlinge aus Algerien? Bei uns gibt es doch keinen Grund mehr zu flüchten.“

Insgesamt ist das Buch ein schöner Lesestoff und ein schönes Geschenk. Alice Schwarzer beschreibt, was sie erlebt und hört, in einem konkreten, klaren und normalen Reportagestil, da ist nichts Aufgesetztes oder Affektiertes. Wir lesen einfach, was Menschen sagen und erleben (Kiepenheuer & Witsch, gebundene Ausgabe, 224 Seiten, 22 Euro).

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