Es gibt Zeiten, in denen ich weniger poste – weniger bei Facebook, weniger bei Twitter, weniger im Blog. Denn auch wer gerne und viel schreibt, hat mitunter Phasen, in denen bestimmte persönliche Dinge wichtiger sind als ununterbrochener Traffic. Außerdem habe ich derzeit mitunter in einer Woche sechs Auftritte in sechs verschiedenen Städten, und das geht noch eine ganze Weile so.

Zumal ich ohnehin finde: Es geht nicht darum, ständig etwas zu posten. Sondern es geht eher darum, Qualität zu liefern. Die Leute ersaufen in Informationen. Wer mal eine Weile nichts schreibt, verliert keine Follower. Wir verlieren Follower, wenn wir Müll posten.

Gute Leute: Steve Kroegers „7 SUMMITS Supporter Day“

Über eine Sache allerdings will ich unbedingt berichten. Nicht, dass zurzeit nichts geschieht, es geschieht sehr viel. Ich könnte irrsinnig viel schreiben, hätte ich die Muße. Aber herausragend und wichtig für alle Menschen auf dieser Welt ist eine Veranstaltung, bei der ich am 1. Februar in Kassel war. Und das war der „7 SUMMITS Supporter Day“ von und mit Steve Kroeger.

Steve und ich. Foto: Stanley Kroeger

Steve Kroeger ist Bergsteiger und besteigt derzeit die sieben höchsten Gipfel der Welt – die sogenannten „7 SUMMITS“. Bis auf den Everest hat er alle hinter sich – der Everest kommt dieses Jahr dran. Und auf seinen Kilimandscharo-Seminarreisen hat er immer wieder Leute dabei, die in einer solchen extremen Erfahrung etwas über sich und die Menschen lernen wollen. Da eine solche Bergtour nicht ohne „Supporter“ geht – also Leute, die die Topografie kennen, Gepäck tragen, Abbrecher wieder nach unten begleiten –, lädt Steve Kroeger nun eben regelmäßig zum „7 SUMMITS Supporter Day“. Es geht im Kern darum, welche Menschen uns bei dem helfen, was wir tun. Auf wen wir wirklich zählen können.

Da ich schon lange wusste, dass Steve Kroeger ein besonderer Mensch ist, und weil ich ihn schon lange kennenlernen wollte, habe ich mich mit einer Sieben-Minuten-Keynote mit dem Titel „Mach dein Ding!“ beworben. Und ich war dabei, neben sechs anderen spannenden Kolleginnen und Kollegen.

Wertschätzendes Zuhören, gemeinsames Denken

Das Beste an dieser Veranstaltung war die einzigartige Kombination aus tollen Leuten, die einander zuhören, wertschätzend kommunizieren und sich eben tatsächlich gegenseitig bei Ideen helfen, indem sie mitdenken. Die Dichte an Konstruktivität war enorm hoch. Höher noch als bei anderen Veranstaltungen wie der GSA-Convention, die ja auch ein Schmelztiegel von guten Leuten mit konstruktivem Welt- und Menschenbild ist, da in einer Gruppe von etwa fünfzig Menschen eben keinerlei Anonymität herrscht – und weil Steve die geniale und einfache Idee hatte, dass jeder Teilnehmer einen Steckbrief von sich an die Wand hängt, aus dem hervorgeht, was er bietet und sucht. Was mich bei Steves Veranstaltung wirklich beeindruckte, war der Sinn für das Fortkommen der Anwesenden, nicht nur egoistisch, sondern in einer Gemeinschaft, in der sich die Leute inspirieren und motivieren.

Ich will nur mal ein paar meiner Erlebnisse schildern: Beim Abendessen ist eine tolle Buchidee inklusive Titel entstanden, ein seit Anfang Februar selbstständiger Kollege hat Projektpartner gefunden, zahlreiche Teilnehmer erhielten schlicht Orientierung für ihr Handeln und machten Bekanntschaft mit Vorbildern, die geeignete Denkmuster pflegen und vorleben. Ich selbst habe ebenfalls neue Projektpartner gefunden und auch Kunden.

Was auf dem Kilimandscharo wirklich zählt

Der Ablauf war einigermaßen straight, und das war auch gut so. Zuerst beschrieb Steve in einer 60-Minuten-Keynote, wie seine Kilimandscharo-Seminarreisen ablaufen, welche Erlebnisse die Menschen von dort mitbringen, welche Erkenntnisse über sich selbst, ihr Denken, ihre Partnerschaften. Ersteigt beispielsweise ein Pärchen einen Berg, und wenige hundert Meter vor dem Gipfel muss einer aus medizinischen Gründen kehrt machen – wie reagiert der andere? Spricht man vorher ab, ob der eine dem anderen den Erfolg gönnt und auf ihn wartet? Oder bespricht man das erst oben bei wenig Sauerstoff und viel Übelkeit? Oder: Wenn jemand umkehrt, obwohl er es medizinisch nicht muss – gelingt es ihm dann, nicht nur für seine Freunde zu Hause eine Ausrede zu erfinden, sondern auch eine Ausrede, die vor ihm selbst später Bestand haben wird?

Dann berichtete Steve, wie er auf dem Berg im Zelt Schlafsack an Schlafsack neben einem sehr erfolgreichen Unternehmer lag. Steve fragte den Unternehmer, wie man ein perfektes Gewinnerteam zusammenstellt. Nach einigem Nachdenken sagte der Unternehmer: „Get rid of the wrong people.“ Und genau darum geht es: Viele Geschäftspartner, Mitarbeiter und andere sind Quertreiber, die einen lediglich bei allem stören und den Erfolg sabotieren. Ich selbst habe mit Beschluss vom 1. Januar 2014 schon viele Leute aus meinem Netzwerk geworfen, und es war schön, am 1. Februar 2014 in Kassel dafür die Bestätigung zu erfahren. Es ist Teil eines ziemlich klugen Erfolgskonzeptes, sich nicht länger mit den falschen Leuten auseinanderzusetzen.

Was ist wirklich richtig? Was ist wichtig? Was ist gut?

Nach der Veranstaltung in Kassel ist viel geschehen in meinem Denken. Was ist wirklich wichtig? Was ist wirklich relevant? Und ich habe mich stärker fokussiert, Flipchartblätter vollgeschrieben, Gedanken gestrichen, Projekte und Leute gestrichen. Ich erkläre für mich selbst, was relevant ist. Worum es geht.

Das setzt einige Klarheit voraus. Überzeugung. Ein Statement verlangt Selbstsicherheit. Interessanterweise sind das alles Dinge, mit denen man heutzutage bei immer mehr Menschen aneckt. Ich frage mich, weshalb. Weil viele Menschen eben vielleicht selbst keine Überzeugungen mehr haben, keine Statements mehr abgeben und nicht mehr selbstsicher sind? Weil sie nicht klar sind im Denken, sondern möglicherweise beliebig?

Bei Facebook und auf anderen Plattformen ist es ja häufig zu erleben, dass Menschen einfach nicht akzeptieren können, wenn man eine Haltung vertritt. Sehr viele Leute ertragen keine Positionen. Sie wollen alles relativieren. Man verkündet beispielsweise, dass man die Urheber unqualifizierter Kommentare sofort rauswerfen wird und nicht weiter auf deren inhaltsleere Anwürfe eingehen will – und schon erhebt der nächste Troll den Anspruch, einem genau diese Haltung abzustreiten. Man müsse doch tolerant sein und sich auf jeden Quatsch einlassen, den einem jemand hinwirft, und sei er noch so bescheuert. Als hätten wir, die Seminarentwickler, Keynotespeaker, Buchautoren und Entwickler originärer Ideen, uns durch unser Schaffen einem Teil der Öffentlichkeit versklavt, der uns fortan belästigen und uns unsere Zeit rauben darf.

Andere beginnen darüber zu diskutieren, was denn an Leuten „falsch“ sein könne. Der Satz „Get rid of the wrong people“ unterstellt ja durchaus, dass Menschen falsch sein können. Doch eine Menge kann an jemandem falsch sein, und das weiß auch jeder denkende Mensch. Wir wissen es. Es ist so. Es ist klug, sich von falschen Menschen zu trennen, fertig.

Was also gibt es da an Theater zu veranstalten? Warum zetteln so viele Leute solche absurden, akademischen Debatten an? Wozu? Ich habe diese relativierende Diskutiererei nie verstanden, die keine Positionen akzeptiert, sondern alles zerredet. Warum ertragen die Menschen keine abweichenden Haltungen? Wieso sind sie allergisch gegen klare Aussagen? Was ist daran so schwer, einfach mal zu akzeptieren, dass jemand denkt, was er denkt? Warum müssen die Menschen einander immer überzeugen? Wieso lassen wir einander widersprechende Positionen nicht einfach stehen?

„Get rid of the wrong people“ war für mich neben den vielen neuen Bindungen zu tollen Menschen das Wichtigste, was ich aus Kassel mitgenommen habe. Wenn ein Wert für mich wichtig ist, dann ist es die Autonomie. Das wurde mir erneut klar. Ich denke, was ich denke, und ich sage auch, was ich denke. Alles kann ich begründen, und wer mir zuhört, versteht es.

Weil ich in Kassel wirklich sehr viele gute Leute in hoher Dichte getroffen habe, wurde mir umso deutlicher: Sich mit „wrong people“ auch nur abzugeben, ist komplette Zeitverschwendung. Die falschen Leute rauben einem die Zeit und die Energie für die guten Leute. Was ich also beispielsweise nicht mehr akzeptiere, sind Angriffe von Leuten, die oberflächlich denken und einfach mal so irgendeinen unüberlegten oder vorurteilsgesteuerten Müll absondern, der, indem er da steht, den gleichen Stellenwert in Anspruch nimmt wie etwas Kluges. Debile Kommentare landen im Mülleimer, wo sie hingehören, so wie auch eine Zeitungsredaktion nicht jeden blödsinnigen Leserbrief druckt. Schwätzer haben in meinem Umfeld nichts verloren, nicht einmal bei Facebook. Denn selbst wenn man nicht mit Schwätzern zusammenarbeitet, rauben sie einem Zeit und Energie mit ihrem blöden Gewäsch. Und gebracht haben Debatten mit solchen Leuten noch nie etwas.

Get rid of the wrong people – und finde die richtigen!

Nach Steves Keynote kamen die einzelnen Redner dran – jeder hatte strikt sieben Minuten, dann fiel der Hammer. Inklusive Interviews und Fragerunde hatte jeder etwa eine halbe Stunde, und die Zuschauer schrieben auf Feedbackzettel, was sie am meisten beeindruckt hat und was sie dem jeweiligen Redner wünschen. Nach einer Blitzdating-Runde ging die Aufmerksamkeit langsam runter, dann gab es ein Abendessen und ein Blitz-Billard-Turnier. Am Ende des Tages gab es zahlreiche Freundschaften mehr als zu Beginn.

Veranstaltungen wie den „7 SUMMITS Supporter Day“ sollte es viel öfter geben. Mein Traum war es immer, in einem Netzwerk guter Leute zu arbeiten – mal hier ein gemeinsames Buch, mal da ein gemeinsames Seminar. Vor zehn Jahren hatte ich den Wunsch zum ersten Mal. Das war, als ich mich selbstständig gemacht habe. Inzwischen ist der Wunsch mehr oder weniger Wirklichkeit geworden – mehr oder weniger, weil es da draußen noch immer sehr viele gute Leute gibt, mit denen ich nicht oder nicht eng genug vernetzt bin. Es herrscht kein Mangel an Kontaktanfragen, ich kann nicht mal alle beantworten. Aber wie lässt sich herausfinden, welcher Kontakt wirklich wertvoll ist? Sehr gut funktioniert das bei einer Veranstaltung wie jener von Steve.

Es ist unglaublich, wie viele gute Leute es gibt. Es ist mal wieder eine Frage des Fokus’. Lassen wir zu, dass uns Schwätzer beeinflussen, haben wir jede Menge Müll im Kopf. Lassen wir es nicht zu und fokussieren wir stattdessen unseren Informations-Input auf ausschließlich gute, sinnvolle und kluge Gedanken, haben wir jede Menge kluge Dinge im Kopf.

Vorsicht vor Taxifahrer-Weisheiten

Wer beispielsweise ernst nimmt, was Taxifahrer so erzählen, glaubt am Ende jede Menge Humbug. Ein Beispiel habe ich in Köln erlebt: Ich sage dem Taxifahrer, dass ich zum Friesenplatz will – und er fragt mich, wohin genau am Friesenplatz. Die Frage ist okay, denn es könnte sein, dass ich ein bestimmtes Ziel dort habe. Hatte ich an dem Tag aber nicht. Also antworte ich: „Egal.“ Die Antwort ist klar, und sie ist auch nicht diskussionswürdig: Er soll mich einfach irgendwo am Friesenplatz rauslassen. Doch der Taxifahrer erwiderte: „Egal gibt’s nicht.“ Eine ziemlich krude Weisheit, die erstens falsch und zweitens bereits dadurch übergriffig ist, dass der Taxifahrer meine Haltung angreift. Warum kann er nicht ertragen, dass einmal etwas egal ist? Da ich gesagt habe, was ich denke, weil damit meine Haltung steht und gilt, antwortete ich kurz: „Doch. Egal gibt’s.“ Dann war Ruhe im Karton, und ich konnte mich wieder mit Wichtigerem befassen als mit den Knoten im Gehirn eines Menschen, der mich dumm anmacht. Wenn ich in ein Taxi steige, denke ich seit einigen Jahren: Es gibt Gründe, warum jemand Taxi fährt. Und diese Gründe sind oft maßgeblich für ganze Weltbilder.

„Get rid of the wrong people“ heißt nicht nur, Störer und Trolle aus seinem Netzwerk zu entfernen und absurden Taxifahrer-Weisheiten skeptisch zu begegnen. Es heißt noch viel mehr. Es heißt insgesamt, sich nicht mehr jedem Einfluss auszusetzen, der da so daherkommt und behauptet, er sei wichtig. Es heißt, Informationen abzulehnen.

Das Motto des Unternehmers im Schlafsack beschreibt zunächst eine nur scheinbar schroffe Abgrenzung und die Kunst, Nein zu sagen. Doch hinter der Abgrenzung, dem Neinsagen, steht eine Eingrenzung aufs Wesentliche, ein Ja. Wer weiß, was er will, weiß im Umkehrschluss auch, was er nicht will. Und wer weiß, dass er ein Gewinnerteam will, weiß eben auch, dass er die falschen Leute loswerden muss. Etwas loszuwerden, beispielsweise die falschen Leute, heißt immer auch, seine Kapazitäten bereitzustellen für etwas anderes, beispielsweise die richtigen Leute.

Entscheiden, was nicht mehr geschieht

„Get rid of the wrong people“ heißt auch, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. Wenn wir die drei bekannten Entscheidungsmöglichkeiten „Love it“, „Change it“ und „Leave it“ betrachten, sind wir in vielen Lebenslagen zum „Change it“ gezwungen. Denn auf manche Menschen ist selbst der autonome Mensch angewiesen. Mit manchen Leuten müssen wir uns herumschlagen: Die ganze Zeit stechen Unternehmen Spieße in unser Leben, das sie nichts angeht, Lehrer ramponieren die Individualitätsentwicklung von Kindern, ständig erheben irgendwelche Leute Ansprüche und pfuschen uns rein – kurz, es geht nicht, ein von Angriffen steriles und immunes Leben zu führen, solange wir eine menschliche Gesellschaft sind. Es wird uns nie gelingen, dass jeder Mensch Grenzen respektiert. Und darum bleibt hier nur das „Love it“ oder eben auch ein „Leave it“, wo es eben möglich ist.

Ich selbst lebe und handele derzeit auf dem Höhepunkt meiner Autonomie. Ich lehne Anfragen ab, stoppe Projekte und vergebe meine Termine äußerst geizig, und das nicht nur weil ich wieder an einem neuen Buch arbeite und jedes bisschen Zeit brauche. Sondern ich nehme es nicht mehr hin, dass andere Leute mit aller Selbstverständlichkeit über meine Zeit bestimmen.

Ein Rest an Gedöns, mit dem ich mich herumschlagen darf, bleibt dennoch. Wenn ein Kunde mehrfach Termine verschiebt, was bei mir zu enormem Aufwand führt, oder wenn mich jemand zwingt, mich mehr als zweimal mit ein- und derselben Sache zu befassen, dann geschieht das eben. Allerdings gebe ich bei solchen Dingen inzwischen deutliche Feedbacks. Ich bitte um Respekt für meine Prioritäten und darum, meine Zeit zu schonen. Ich rege auch an, alles gerne mehrfach zu tun, wenn wir eine Aufwandspauschale vereinbaren. Ich weiß natürlich, dass niemand meine Zeit absichtlich verschwendet und meine Prioritäten absichtlich mit Füßen tritt. Aber es geht nicht um die Frage der Absicht. Es geht nur um die Sache, den konkreten Effekt, also den Zeitschaden auf meiner Seite, der de facto entsteht, ob absichtlich oder nicht. Da ich selbstständig bin und Zeit Geld ist, geht es um den finanziellen Schaden auf meiner Seite, wenn jemand mit meinen Terminen jongliert und mich um Erledigungen bittet, als sei ich bei ihm angestellt. Wenn Arbeitnehmer ihr Geld auch dann bekommen, wenn sie die gleichen Dinge mehrfach tun, ist das deren Sache – meine Zeit aber ist enorm wertvoll und damit teuer. Das Verständnis dafür ist erschreckend gering. Dabei ist es in meinen Augen ein ziemlich abwegiger Anspruch, selbstverständlich zu erwarten, ein Buchautor, Seminarprofi und Keynotespeaker säße untätig am Schreibtisch und warte nur darauf, die Dinge doppelt zu machen.

Der Kern dieses Gedankens ist wieder die Autonomie. Es ist eine klare Aussage gegenüber Menschen, die ihr Eltern-Ich sprechen lassen und sich damit über ihr Gegenüber erheben. Wer nicht das Erwachsenen-Ich einsetzt, das Menschen auf Augenhöhe begegnet, sondern das Eltern-Ich, das über andere dominiert, greift damit die Integrität seines Gegenübers an. In der konkreten Wirklichkeit sind es oft Menschen, die uns in unser Wesen und unsere Entscheidungen hineinreden, obwohl sie selbst oft nicht einmal zu eigenständigen Gedanken fähig sind, sondern nur Konventionen repetieren. Es müssen keine Eltern sein; der Begriff des Eltern-Ichs aus der Transaktionsanalyse bezieht sich einfach nur auf das Sprechen und Handeln auf Basis dessen, was andere für einen bestimmen. Es sind in der Praxis alle möglichen Menschen, die ihre Vorstellungen und Prioritäten auf uns übertragen und insgesamt von sich auf andere schließen. Auf diese Weise bevormundend ist auch die Anmaßung von Facebook, ich sollte doch unbedingt noch einige private Daten nachtragen. Der autonome Mensch entscheidet aber eben selbst, was er tut. Er fügt sich nicht den engen Gedankengrenzen derer, die eine Software programmieren.

Auf dem Weg zur asiatischen Massengesellschaft

Der autonome Mensch mag im angelsächsischem Kulturraum vielleicht nur in seinem „home sweet home“ unantastbar sein und in der Öffentlichkeit so verletzlich sein wie ein Mitglied einer ostasiatischen Massengesellschaft, in der der Staat und der Arbeitgeber ihr Eltern-Ich in aller Selbstverständlichkeit gegenüber dem Volk praktizieren und damit eine Menge Souveränität, Individualismus und damit auch Originalität und Wertschöpfung verhindern.

Aber in Kontinentaleuropa, insbesondere in Deutschland, dem Land der Dichter, Denker und Ingenieure, nehme ich wahr, dass der autonome Mensch auch im öffentlichen Raum eine Schutzsphäre um sich herum trägt, die ihn vor den Anmaßungen anderer schützt und die langfristig gewährleisten könnte, dass wir als Kultur kreativ und originell sind, sofern wir uns gegen die zunehmenden Angriffe auf die Autonomie des Individuums endlich wehren.

Es erscheint uns ja nicht durch Zufall so übergriffig, wenn Google und Facebook ganz selbstverständlich auf unsere Daten zugreifen wollen. Einem Amerikaner aber oder gar einem Asiaten erscheint es völlig selbstverständlich, dass er Teil einer zu kontrollierenden Konsumentenmasse ist. Hierzulande aber reagieren viele Menschen eben allergisch, wenn ein IT-Unternehmen amerikanischer Prägung sie wie eine Nummer behandelt und nicht wie einen zahlenden Kunden, dem Wertschätzung gebührt. Wir fühlen uns in unserer Integrität verletzt und fühlen uns ohnmächtig gegenüber dem Angriff auf unser Recht, selbstbestimmt zu leben. Und gerade hierzulande scheint sich ein Konzept durchzusetzen: Für die Kunden von heute zählt nicht mehr, was sie erwartet, sondern es zählt, was sie erwarten. Darauf sollten sich Unternehmen einstellen und kundenorientiert denken – aber das gelingt ihnen nicht, wenn sie den Wunsch des Individuums nach Autonomie auch im öffentlichen Raum nicht resepektieren.

Warum dürfen wir nicht denken, was wir denken?

Ich bin, würde ich von mir sagen, in einem sehr hohen Maße souverän und definiere seit vielen Jahren selbst, was ich mir gefallen lasse und was nicht. Nur merkwürdigerweise missfällt diese Eigenart ziemlich vielen Menschen. Immer wieder respektieren Leute – beispielsweise bei Facebook – Positionen nicht und kritisieren andere dafür öffentlich. Nun ist es mir egal, was andere denken, und es ist auch in Ordnung, wenn mir jemand seine Meinung persönlich schreibt. Aber die meisten Leute, die die Haltung eines anderen öffentlich angreifen, wollen ihn bloßstellen, indem sie eine angeblich nicht korrekte Haltung outen. Sie wollen denjenigen zu einer Stellungnahme nötigen. Und damit wollen sie den anderen letzten Endes zurück ins Glied beordern.

Wenn ich sage, dass ich mit derlei boshaften Charakteren, die andere gleichschalten wollen, nichts zu tun haben will, kommen die dann natürlich mit dem einfältigen Troll-Argument, ich hätte etwas gegen abweichende Meinungen, was ebenfalls nicht stimmt. Ich verbitte mir nur, dass man mich dazu nötigt, mich für meine Haltung zu rechtfertigen und mich irgendwelchen kruden Regeln anzupassen, die andere sich selbst gerne auferlegen dürfen, ich mir aber nicht. Wie oben geschrieben: Ich denke, was ich denke, und ich sage, was ich denke. Und ich begründe es auch. Erschreckend viele Leute glauben, ich müsste über jedes Stöckchen springen, das sie mir hinhalten. Und ich glaube eben erstens, das muss ich nicht, und zweitens, die können mich mal.

Was ich beobachte, ist insgesamt eine rasant zunehmende Desensibilisierung für die Belange anderer Menschen. Für ihre Haltungen, ihre Meinungen, ihre Aussagen und Ideen. Ein politisch korrekter Mob säbelt jeden Kopf ab, der sich aus der Masse erhebt. Eine Menge Menschen ertragen es nicht, wenn sich jemand exponiert. Und auch Unternehmen kommunizieren immer mehr aus der Binnensicht, übertragen also ihre Vorstellungen auf die Umwelt, und ignorieren die Kundenperspektive. Die Leute hören nicht mehr zu, sie denken nicht mehr mit, sie reflektieren nicht mehr. Sondern sie reproduzieren in Pawlowscher Manier ihren Gedankenmüll. Wie der Kölner Taxifahrer, der einfach nicht respektieren will, dass es egal ist, wo am Friesenplatz ich aussteige. Was der Taxifahrer an den Tag legt, ist die typische Geringschätzung gegenüber den Gedanken und Entscheidungen anderer Menschen, wie wir sie heute immer öfter erleben, indem er sie einfach nicht gelten lässt. Warum nicht?

Kreativität und Originalität verkommen zur Attitüde

Dass der Mensch autonom ist, tritt zunehmend in den Hintergrund. Nicht nur wegen des NSA-Skandals und weil wir in aller Selbstverständlichkeit intime Informationen auf amerikanische Server schreiben. Sondern auch weil infolge dieser Kollektivierung und Vereinheitlichung des Denkens der Selbstwert der Menschen sinkt. Individualität ist oft nur noch eine Attitüde, Originalität hat oft nur noch Selbstzweck ohne jeden Sinn. Kreativität ist lediglich Ausdruck eines Persönlichkeitsstils, aber immer weniger Menschen trauen sich, aus diesen drei Zutaten spannende, neue Gedanken zu formulieren, weil ihnen der Mob bei Facebook sowieso gleich den Kopf abschlägt. Sehr viele Menschen sind fast nur noch Konsumenten. Im Kühlschrank findet sich genau das, was die Werbung zeigt. Man bleibt drei, höchstens vier Jahre an einem Arbeitsplatz, und entsprechend gering ist die Sinnbindung. Differenziert denkt kaum noch jemand, sondern die Leute repetieren ihr Halbwissen und ihre Vorurteile. Und sie schlüpfen ständig in neue Business-Rollen, in denen sie immer wieder andere fremde Interessen wahrnehmen. Autonom denkt kaum jemand. Ergo respektiert auch kaum jemand noch die Autonomie selbstbestimmter Menschen. Warum soll ein anderer sagen dürfen, was er denkt, wenn ich selbst es nicht wage?

Und darum ist es so wichtig, in dieser dispersen Masse die wenigen wirklich guten Menschen zu finden. Darum ist eine Veranstaltung wie jene von Steve in Kassel so wichtig. Damit es gelingt, gute Leute ausfindig zu machen, muss man den Info-Müll und das Geschwätz der Trolle ausblenden. Mir persönlich gelingt der Fokus auf das Gute und Richtige sogar nur dann, wenn ich insgesamt die Reize reduziere. Das betrifft den Input von Nachrichten, Radiomusik im Taxi und im Frühstücksraum – wenn es geht, sorge ich für Stille. In meinem Kopf ist kein Platz für Trash und Quatsch. Ich will keinen Müll hören, weder aus einem Radio noch aus dem Mund eines Mitmenschen. Ich konzentriere mich aufs Wesentliche und mache die Dinge, die ich mache, mit der nötigen Hingabe und Tiefe. Nur so sind meine Antennen dazu in der Lage, wirklich offen zu sein für die wirklich wichtigen und guten Menschen und die wirklich wichtigen und guten Dinge.

Das Recht, Informationen abzulehnen

Ich glaube übrigens auch, es lohnt sich, für mehr Autonomie zu kämpfen. Für das Recht, Informationen abzulehnen, selbst zu denken, Respekt einzufordern für die eigenen Entscheidungen und Prioritäten. Wenn ein Projektpartner ohne Absprache eine Pressemitteilung rausgibt, in der mein Name nicht auftaucht, obwohl ich Initiator der Idee bin, dann muss ich handeln. Da genügt kein leiser, freundlicher Hinweis als Kritik. Denn bin ich leise, denkt der Projektpartner nur, er habe halt einen kleinen Fehler gemacht, was nicht weiter schlimm ist, weil ich ja ganz lieb und zahm reagiere – und so wird er künftig eben wieder so respektlos handeln.

Der Grund ist traurig: Die Menschen erfassen heute schlichtweg nicht mehr die Bedeutung der Dinge, wenn man sie ihnen nicht deutlich ins Gesicht sagt. Dazu sind bereits viel zu viel Verständnis für Autonomie und viel zu viel Respekt verlorengegangen. Die Leute zählen eins und eins nicht mehr zusammen, das muss man ihnen heute glasklar vorrechnen, sonst kapieren sie es nicht. Ohne deutlich zu sein, ist es schon im Wortsinne schwer, etwas deutlich zu machen. Gerade in Zeiten des Relativismus, in denen zahllose Menschen alles zerreden und keine Positionen mehr ertragen, ist es wichtig, sich auf manche Werte zu besinnen, und das ist nicht einmal konservativ. Es ist eher praktikabel: Wer so unsensibel ist, dass er keine Andeutungen versteht, erträgt auch klare Worte. Um die Bedeutung zu verdeutlichen, die eine Sache hat, ist per se Deutlichkeit nötig, und deutlich zu sein, ist weder nachtragend noch aufs Negative fokussiert, sondern es ist schlichtweg der Kampf für eine respektvollere Welt.

Es sind viele Inspirationen, die ich aus Kassel mitgebracht habe. Und ich möchte allen wertschätzenden Menschen unter meinen Leserinnen und Lesern den „7 SUMMITS Supporter Day“ von Steve Kroeger ans Herz legen, denn es ergeben sich unglaublich viele tolle Gespräche, Ideen, Konzepte und konkreter Support bei konkreten Fragen zu konkreten Projekten. Der nächste „7 SUMMITS Supporter Day“ ist am 8. November 2014 in München, ich bin als Teilnehmer dabei.