Online-Marketing für die RAF

By |2019-02-24T05:24:42+00:0024. Februar 2019|Categories: Allgemein|Tags: , , , , , |0 Comments

Liebe Daniela Klette, lieber Ernst-Volker Staub, lieber Burkhard Garweg,

aus eurer Sicht seid ihr auf der Flucht. Aus Sicht der deutschen Öffentlichkeit aber seid ihr Zeitzeugen, die dringend gebraucht werden. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ihr die Perspektive wechselt. Ihr solltet eure zeithistorische Bedeutung wahrnehmen und die daraus folgenden Schlüsse ziehen.

Ihr seid die drei letzten bekannten mutmaßlichen RAF-Terroristen, nach denen die Behörden noch fahnden. Ihr lebt vermutlich irgendwo unter falschen Identitäten. Euren Lebensunterhalt verdient ihr dem Vernehmen nach mit Raubüberfällen. Das macht ihr ganz geschickt – bisher hat man euch nicht geschnappt.

Aber Fahrer eines Geldtransporters, in deren Gesicht ihr eine Panzerfaust richtet, sind ebenso wenig böse Kapitalisten, wie Angestellte eines Supermarktes böse Kapitalisten sind, denen ihr eine Waffe vor die Nase haltet. Es sind ganz normale Menschen, denen ihr hier schadet. Um es in einer linken Diktion zu sagen: Es sind Werktätige. Werktätige, die ihre Familien ernähren. Indem ihr diese Menschen angreift, seid ihr euren Werten untreu geworden.

Nicht, dass es besser gewesen wäre, andere Leute umzubringen. Auch die Morde an Alfred Herrhausen (1930–1989) und Detlev Rohwedder (1932–1991) waren durch nichts zu rechtfertigen. Und ich beziehe das auch auf alle anderen Tötungen und Verletzungen, die auf die Initiative der RAF zurückzuführen sind. Auch auf die Traumatisierung von Geldtransporterfahrern und Supermarktangestellten.

Spätestens der Mord an dem US-Soldaten Edward Pimental (1965–1985), der nur dafür sterben musste, dass ihr oder Komplizen von euch an seinen Ausweis kamen, hätte euch klar machen müssen, dass ihr einer unfassbaren Hybris erlegen seid. Einem selbstgerechten, anmaßenden und arroganten Wahn, über Leben und Tod bestimmen zu dürfen.

Ich weiß: „Die RAF“ gibt es seit 1998 nach eigenen Angaben nicht mehr. Ihr habt damals der Agentur Reuters mitgeteilt: „Heute beenden wir das Projekt.“ „Projekt“ ist ein entspanntes Wort für 33 Morde.

Exit-Strategie: Das Buch zur RAF

Was ich nicht weiß, ist, wo und wie ihr lebt. Es gibt da viele Möglichkeiten. Aber über allen diesen Möglichkeiten schwebt, soweit ich das richtig erfasse, die Gefahr der Entdeckung. Und in den Knast wollt ihr nicht. Das kann ich gut verstehen.

Ich will auch gar nicht moralisch argumentieren. Mein Punkt ist nicht, dass ihr büßen sollt. Die Justiz wird das einleiten, wenn sie euch in die Finger bekommt, ohne Frage – aber darum geht es mir nicht. Mir geht es um die Idee, wie ihr die Situation auf eine konstruktive Weise wenden könnt. Und dazu gibt es Mittel und Wege.

Ich habe hier ein Konzept für euch, das wahrscheinlich funktioniert. Es setzt aber voraus, dass ihr bereit seid, euch am Ende zu stellen. Es ist einfach nur die beste Exit-Strategie, die mir für euch einfällt. Mit der ihr vielleicht mit gewahrtem Gesicht aus allem rauskommt.

Worauf die Öffentlichkeit sich sofort stürzen würde, wäre ein Buch von euch. Ein Buch, in dem ihr auspackt. Dieses Buch könnt ihr noch im Untergrund vorbereiten und fertigstellen.

Wenn ihr selbst nicht schreiben könnt: In eurer Unterstützer-Szene gibt es sicher Menschen, die schreiben können. Nehmt also einen Ghostwriter. Oder macht ein Interview-Buch, das dann unter dem Namen des Journalisten erscheint, der das Buch macht, nicht unter euren.

Ich stelle mir einen 400-Seiten-Schmöker vor, Hardcover, 29,90 Euro, Weihnachtsgeschäft. Alleine aus den Verkäufen dieses Buches dürftet ihr Einnahmen erzielen, die euch später helfen werden, wenn ihr wieder rauskommt.

Es gibt so viele Opfer und Opferangehörige, die die Hintergründe der Taten nicht kennen. Ihr könntet euer Ansehen in der Öffentlichkeit (das momentan mies ist, mit Verlaub, weil ihr nur an euch denkt) massiv verbessern. Und ihr könntet eurer Pflicht als Zeitzeugen gerecht werden. Ihr könntet zahlreiche dunkle Kapitel der RAF aufklären.

Solltet ihr in dem Buch Komplizen verraten, dann vereinbart mit diesen Komplizen eine finanzielle Beteiligung. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht ganz einfach ist. Aber wenn ihr die Geschichte der RAF so gut aufklären würdet, wie euch das eben möglich ist, wäre das nicht nur eine Sensation, sondern auch für die Geschichte des „Schweinesystems“, wie ihr die Bundesrepublik Deutschland nennt, elementar. (Übrigens sind Schweine ganz tolle Tiere mit sehr hoher Empathie, und ich habe nie verstanden, weshalb ihr diese wundervolle Spezies diskreditiert.)

Nur seid bitte vorsichtig mit der Idee, dem „Stern“ die „RAF-Tagebücher“ anzubieten – man könnte das als Fake-News auslegen.

Warum hat die RAF keine Facebook-Seite?

Ja, sicher, die RAF existiert nicht mehr. Aber trotzdem könntet ihr eine Facebook-Seite „Rote Armee Fraktion“ einrichten. Euer altes Logo in einem schönen Header, dazu die Bemerkung: „Aufgelöst 1998“ und dazu eindeutig sagen, dass ihr keine terroristischen Absichten mehr hegt, sondern Aufklärung betreibt.

Warum hat die RAF keine Facebook-Seite? Jeder, der etwas zu sagen hat, hat eine Facebook-Seite. Wer öffentlich kommuniziert und keine Facebook-Seite hat, existiert nicht. (Na gut, ihr existiert nicht.)

Da ihr vermutlich sowieso alles im Internet über den Tor-Browser macht, könnt ihr darüber auch eine Facebook-Seite einrichten. Über diese Seite könnt ihr erst mal mit Täterwissen beweisen, dass diese Seite keine Spinnerei ist, sondern dass tatsächlich ihr dahintersteht. Ihr selbst mit euren Facebook-Profilen bezeichnet euch natürlich als „öffentliche Personen“, also quasi als Personen der Zeitgeschichte, das geht bei Facebook.

Und dann füttert ihr Stück für Stück das Bewusstsein, dass euer Buch nicht von irgendwelchen Spinnern kommt, sondern tatsächlich von euch. Mit authentischen Kompetenzbeweisen.

Jetzt kann sich das, was ihr bei Facebook Stück für Stück postet, natürlich von alleine verbreiten – einfach weil sich langsam Fans eurer Seite herausbilden, die eure Inhalte teilen. Aber ihr könnt das auch beschleunigen – der Fahndungsdruck lässt ja nun nicht nach. Ihr könnt Werbung schalten und diese Werbung an Leute mit bestimmten Interessen adressieren.

Hier ist vielleicht der Unterschied zwischen Google und Facebook interessant: Bei Google suchen Leute nach Dingen, von denen sie wissen, dass es sie gibt – Pizzaservice in Dortmund. Bei Facebook sucht aber niemand nach etwas. Facebook spielt Werbung an Leute aus, die sich für bestimmte Dinge interessieren – was Facebook weiß, weil wir ja bestimmte Seiten liken und andere nicht. Und wenn ihr Werbung schaltet, könnt ihr ziemlich genau adressieren, an wen eure Botschaften gehen und an wen nicht. Facebook ist klug genug, um zu erkennen, dass sich jemand auch für euch interessiert, wenn er sich für bestimmte andere zeitgeschichtliche Themen interessiert.

Dazu müsst ihr eigentlich nur eine Kreditkarte hinterlegen (die möglichst nicht erbeutet und gesperrt sein sollte). Und dann bringt ihr Facebook-Beiträge, die ihr dann unter „Diesen Beitrag bewerben“ bewerbt.

Damit ihr mit eurer Werbung die richtigen Adressaten erreicht, solltet ihr die Werbung targetieren. „Targetieren“ kommt aus dem Englischen und heißt: Ihr richtet eure Werbung auf ein Ziel aus. Das „Targetieren“ kennt ihr der Sache nach schon vom Umgang mit eurer Panzerfaust. Jetzt macht ihr das halt friedlicher. Das kapitalistische Facebook ist da deutlich gewaltfreier, als ihr es bisher wart.

Ihr könnt also verschiedene Zielgruppen targetieren. Ich habe mich in euer „Projekt“ noch nicht so intensiv reingedacht, aber sicher lassen sich Zielgruppen ermitteln, die kapitalismusfeindlich sind. Das geht bestimmt. Außerdem sucht ihr euch einfach Zielgruppen zusammen, die sich für Zeitgeschichte interessieren, für Politik, für Ökonomie, für Terrorismus und für linke Gewalt im Stile von „G20 Hamburg“. An die spielt ihr eure Werbung aus. Zudem an alle Journalisten, Politiker und an Leute, die Personen der Zeitgeschichte liken.

Der Split-Test und das Retargeting

Und dann macht ihr einen Split-Test. Ihr richtet also zwei verschiedene Beiträge an eure Zielgruppe aus, mit geringem Budget. Nach ein paar Tagen schaut ihr, welcher der beiden Beiträge besser funzt. Den verstärkt ihr dann, indem ihr den Verliererbeitrag abschaltet und beim Gewinnerbeitrag das Budget erhöht.

Wenn ihr dann so richtig viele Likes und Kommentare einsammelt, bringt ihr immer weitere Beiträge an eure Zielgruppe – ihr adressiert genau die Leute, die bisher schon „Gefällt mir“ geklickt, kommentiert oder euren Beitrag geteilt haben. Das nennt sich „Retargeting“ – ihr schießt sozusagen ein zweites Mal mit der Panzerfaust auf denselben Geldtransporterfahrer. Denn wer einmal Ziel ist, ist es vielleicht gerne auch noch ein weiteres Mal.

So füttert ihr die Leute, die sich bisher für euch interessiert haben, immer weiter mit neuen Insider-Informationen über euch. Wie gesagt: Wer bisher schon interagiert hat, interessiert sich für euch und ist offen für Neues. So spitzt ihr eure Zielgruppe zu.

Also: Was kocht und esst ihr gerne? Hier will die Community das RAF-Rezept von Daniela Klettes badischem Kartoffelsalat plus Foto vom Essen. Welche Bücher lest ihr gerade? Hier wünschen wir Links zu Amazon zum Sofort-Bestellen – und da ihr im Amazon-Partnerprogramm seid, kassiert ihr auch dadurch. Wie lebt es sich im Untergrund? Hier wollen wir Anekdoten hören, lustige Begegnungen mit dem Hausmeister und so weiter. Versehentliche Schüsse durch die Decke. Das ganze übliche RAF-Zeugs. Schmankerl.

Abraten würde ich euch hier allerdings von Anleitungen zum Bau von Sprengfallen. So sehr die Frage nach der Lichtschranke in Bad Homburg auch brennt – ihr solltet das Morden nicht noch einfacher machen, als es ohnehin schon ist. Das interessiert eure Zielgruppe zwar vermutlich, aber da könnte Facebook euch recht rasch wieder hinauskomplimentieren. Außerdem wäre es unethisch – vielleicht habt ihr das Wort schon einmal gehört. Erzählt eure technischen Konzepte der Polizei.

Der RAF-Youtube-Kanal

Was aber sicher gut geht, sind persönliche Videos von euch, in denen wir sehen, dass ihr Hands-on-Typen seid. Videos, in denen man euch sieht und erkennt, dass ihr authentisch seid und keine Schauspieler. Authentizität, gekoppelt mit Kompetenzbeweisen, ist das wichtigste Kapital (das Wort liebt ihr ja) im Online-Marketing.

Also richtet schon mal einen Youtube-Kanal ein. Darin bringt ihr Massen von Videos über euch. Home-Storys. Daniela Klette beim Gurkenschneiden. Ernst-Volker Staub beim Zähneputzen. Bringt Product-Placement! Mit welcher Zahncreme putzt sich Ernst-Volker die Zähne? Link auf den Hersteller, Vertrag machen, und Kohle fließt mit jedem View. Denn diese Zahncreme will sicher jeder haben.

Und ich wünsche mir ein besonderes Video: Ernst-Volker Staub und Daniela Klette über Bad Kleinen. Wart ihr das Pärchen am Bahnhof, das die Polizei dem Vernehmen nach nicht kontrolliert hat? Hier wollen wir O-Töne. Was war da los in Bad Kleinen? Bitte packt aus.

Alter – was glaubt ihr, wie das abgeht bei Youtube? Und wenn ihr diesen Youtube-Kanal monetarisiert – wie viel Kohle kommt da rein für euren Ruhestand nach der Knastzeit?

Neben diesen Videos nehmt ihr gleich noch detailliertere Videos auf, die ihr unter „Nicht gelistet“ ablegt – die findet eure Community später in eurem Membership-Bereich gegen Kohle (siehe unten). In diesen versteckten Videos packt ihr dann noch mehr aus.

Die Lookalike-Audience

Mit immer mehr Beiträgen bespielt ihr also eure Zielgruppe. Die Leute liken und kommentieren wie verrückt. Und jetzt kommt der Punkt: Ihr bittet Facebook, eine Lookalike-Audience einzurichten – also Menschen, die euren Fans ähnlich sind, euch aber noch nicht kennen („lookalike“ bedeutet so viel wie „Doppelgänger“). Und mit dieser Zielgruppe schaltet ihr weitere Werbung.

Facebook, der kapitalistische, imperialistische und multinationale US-Datenkrake, wird jetzt eure Werbung an Leute ausspielen, die sich für euch interessieren, obwohl sie noch gar nicht wissen, dass sie sich für euch interessieren. Menschen mit Interesse an euch erfahren von euch, obwohl ihr denen völlig neu seid.

Gerade die junge Zielgruppe (Generationen Y und Z) hat nie von euch gehört. Die wissen gar nicht, worüber ihr sprecht. RAF – kennen die nicht. Und wenn, dann haben sie keine Ahnung vom historischen Kontext und von der Bedeutung eurer Vorgänger. Diese jungen Leute demonstrieren dieser Tage während der Schulzeit fürs Klima, flippen aber aus, wenn sie kein Netz haben und wenn ihr unfair produziertes Smartphone nicht funktioniert, dessen Coltan afrikanische Kinder unter schlimmsten Bedingungen zusammenfriemeln. Aber eventuell interessieren diese europäischen Konsumidioten-Kids sich für euer Buch, weil ihr so cool subversiv seid? Facebook findet diese Zielgruppe und spielt euren Content an sie aus.

Wieder erhöht ihr natürlich das Budget. Budget sollte nach den vergangenen Raubüberfällen vorhanden sein.

Dieses Spiel spielt ihr ein paar Wochen lang, ihr vergrößert euer Publikum – und irgendwann, wenn ihr denkt, es ist jetzt soweit, kommt der erste große Klopper: das Webinar zur RAF.

Das große RAF-Webinar

Ein Webinar müsst ihr nicht live geben, ihr könnt das auch als Konserve abspeichern. Das hat erstens den Vorteil, dass während des Webinars nicht plötzlich ein SEK das Studio stürmt – denn es ist ja nur eine Konserve, und ihr seid gar nicht da. Zweitens ist der Vorteil, dass ihr nicht ständig das Gleiche erzählen müsst. Denn ihr zeichnet das Webinar einmal auf und stellt es dann quasi als Stream zur Verfügung.

Ich verwende dafür Webinaris (ein Beispiel-Webinar von mir findet ihr hier). Ihr verratet euren Fans in dem Webinar, was euch so angetrieben hat in den vergangenen Jahren. Vielleicht verratet ihr auch schon mal den Standort des einen oder anderen Erddepots mit verrosteten Waffen und alten D-Mark-Scheinen. Dabei sind gute Videoaufnahmen wichtig. Also nehmt ein bisschen batteriebetriebene Beleuchtung mit (Technik-Empfehlungen bei mir) und poliert vorher die Panzerfaust. Auch der Ton sollte professionell sein, also sprecht deutlich ins Mikrofon (ich empfehle die Sennheiser-Funkstrecke von Thomann). Mit solchen „Nuggets“, also Informationen voller Nutzwert, steigert ihr eure Relevanz immer weiter.

Und übrigens: Auch wenn das Webinar aufgezeichnet ist, heißt das nicht, dass der Webinar-Chat nicht funktioniert. Was die Leute in den Chat tippen, landet am Ende bei euch per E-Mail. Und da ihr wisst, wer am Webinar teilnimmt (nach Double-opt-in natürlich – die RAF würdigt ja sicher den Datenschutz, auch wenn ihr Menschenleben schnuppe sind), könnt ihr die Fragen der Leute dann ganz einfach per E-Mail beantworten.

Eure Hochpreis-Zielgruppe

Und wozu das Ganze? Ganz einfach: Die Öffentlichkeit interessiert sich für euer Buch, das ist klar. Das ist die eine Einnahmequelle für euch. Vielleicht sind es ja auch mehrere Bücher: „Die RAF“, „Neues von der RAF“, „Die Rückkehr der RAF“, „RAF’s last fight“, „RAF 2“, „Die RAF von Baskerville“ etc. – und was ist überhaupt mit den Filmrechten?

Die andere Einnahmequelle aber ist, dass ihr übers Online-Marketing eine hoch interessierte Spezial-Zielgruppe ermittelt. Wer euer Webinar besucht und euch über den Chat eine Frage schickt, der kauft auch ein signiertes Exemplar eures Buches zum Sonderpreis von 99 Euro, oder? Ich weiß natürlich, dass das gegen die Buchpreisbindung verstößt, aber wie gesagt – seit wann interessiert euch die Rechtslage? Hey, es sind Autogramme von euch. Alleine die können Millionen einspielen, und ihr müsst dafür keinen einzigen Fahrer eines Geldtransporters traumatisieren. Bevor ihr euch stellt und in den Bau geht, signiert ihr einfach eine Million Exemplare, die sich dann während eurer Haftzeit vollautomatisch verkaufen (macht 99 Millionen Euro Umsatz). Und falls euch das mit der Buchpreisbindung ernsthaft stört (ihr habt ja traditionell Verleger-Connections), produziert ihr halt Autogrammkarten.

Der ultimative Hit aber natürlich wären Live-Veranstaltungen mit euch. Da ihr euch – bevor ihr euch stellt – natürlich nur schwer persönlich blicken lassen könnt, empfehle ich Zoom. Loggt euch mit eurem verdammten Tor-Browser in eine Konferenz ein und sprecht mit den Leuten! Beantwortet ihre Fragen und zeigt meinetwegen jeden Mittwoch um 19 Uhr, dass ihr cool seid. Die „RAF-Sprechstunde“ oder so. Warum nicht? Andere Leute gehen mittwochabends zur Chorprobe. Macht ihr doch auch mal was Konstruktives, statt nur geraubtes Geld in Bier und Chips umzuwandeln.

Für solche Zwecke könnt ihr natürlich auch ein Membership-System anbieten, beispielsweise über eine mit WordPress gebaute Website, auf der ihr das Plug-in „Digimember“ installiert. In diesem Member-Bereich findet der geneigte Fan dann exquisitere Inhalte – also beispielsweise die vollständige Erklärung zu Bad Kleinen als Video. Oder Hintergründe zu eurer mutmaßlichen Waffenausbildung bei der PFLP. Auch die ganzen Stasi-Connections wollen die Leute hier erfahren.

Zu kaufen gibt es die Mitgliedschaft dann bei Digistore24. Wer die Mitgliedschaft hat, darf immer mal wieder an Internetkonferenzen mit euch teilnehmen. Für Presseleute und Ermittler könnt ihr ja einen kostenlosen Extra-Zugang schaffen.

Und jetzt stellt euch vor: Wenn eine Mitgliedschaft in eurem Club 29 Euro im Monat kostet und ihr 10.000 Mitglieder habt, dann sind das 290.000 Euro im Monat. Und das ohne Gewaltanwendung und ohne Panzerfaust. Völlig legal! Und ohne jede Subversion. In diesem Member-Bereich gibt es dann alle Aufzeichnungen eurer Zoom-Konferenzen, sämtliche Videos von euch und euer Buch als PDF. Vielleicht entwickelt ihr auch eine RAF-App?

Versteht ihr, worauf ich hinauswill? Mit ein wenig Vorstellungskraft verdient ihr Geld, ohne Menschen zu bedrohen und zu traumatisieren. So, wie ihr bisher vorgeht, erscheint ihr mir mit Verlaub ziemlich fantasielos. So fantasielos, wie mir viele radikale Linke erscheinen, die nie gelernt haben, wie Wertschöpfung funktioniert, weil sie den Gedanken der Wertschöpfung aus ideologischen Gründen verachten und daher nie offen dafür waren.

Nix gelernt? Kein Problem!

Ich weiß, und das soll jetzt nicht despektierlich klingen: Ihr habt nichts „G’scheit’s“ gelernt, wie man es in meiner schwäbischen Heimat sagen würde. Ihr habt überhaupt gar nichts in petto, womit ihr auch nur das Geringste für diese Gesellschaft tun könntet. Ihr könnt absolut gar nichts Produktives beitragen. Weil ihr von nichts Produktivem etwas versteht. Von keinem einzigen Gewerk des Proletariats habt ihr eine Ahnung, wenn man mal vom Autoknacken absieht und von eurem paramilitärischen Scheiß aus Jordanien. An der Produktivität gemessen, wärt ihr auch in einem sozialistischen System zu nichts zu gebrauchen. Nur Stasi-Dienste wären etwas für euch – unproduktiv, aus Steuermitteln finanziert. Auf die Beine stellt ihr bisher nichts. Bisher habt ihr euch nur durch Destruktion bekannt gemacht.

Der Grund scheint simpel zu sein: Ihr hattet für konstruktives Denken keine Zeit (und vermutlich auch keine Lust dazu). Ihr wart euer Leben lang im Dienste des Terrorismus unterwegs, also zerstörerisch. Das Hauptmotiv eures Lebens scheint mir der Hass gewesen zu sein. Hass ist das Gegenteil von konstruktivem Denken.

Aber ihr habt etwas, was euch besonders macht: eure Geschichte. Und nach dieser Geschichte gibt es eine unfassbar riesige Nachfrage.

Ihr habt also ein Produkt.

Ja, Dinge verkaufen gilt in euren Kreisen als pfui – denn wer etwas verkauft, denkt ja in euren Augen nur ans Geld. Aber selber holt ihr Brot beim Bäcker – und den verurteilt ihr nicht. Konsumenten wart ihr immer. Die politische Linke kritisiert die Waffenindustrie, aber ihr verwendet alle Arten von Schusswaffen und Sprengstoffen, und euer früheres Logo ziert eine Maschinenpistole von Heckler & Koch. Diese Verbindung zum Kapitalismus hat euch nie gestört.

Vielleicht kriegt ihr jetzt mal die Biege und erkennt, dass es nicht per se sträflich ist, wenn jemand anbietet, was er kann? Ja, sicher: Es gibt fragwürdige Industriezweige und auch manches Geschäftsgebaren, das nicht in Ordnung ist. Aber deswegen ist nicht schon der Gedanke falsch, durch Produkte Geld zu verdienen.

Marktwirtschaft heißt, anbieten, was ihr könnt

Möglicherweise kennt ihr die Long-Tail-Theorie von Chris Anderson (* 1961) – ein Mann übrigens, der nach meinem Wissen sein ganzes Leben lang konstruktiv und produktiv war und noch nie jemanden umgebracht, einen Geldtransporter überfallen oder einen Gefängnis-Rohbau gesprengt hat. Nach seiner Theorie übersteigt die Summe der Umsätze vieler kleiner Anbieter im Internet die Umsätze der „big players“. Das ist der Punkt.

Heute ist es möglich, dass jemand mit einer guten Idee und ein wenig IT seine Familie ernähren kann. Und dagegen spricht überhaupt gar nichts. Im Gegenteil: Es dürfte in eurem Sinne sein. Weil sich der Einzelne dadurch unabhängig macht von den bösen Kapitalisten in eurem Feindbild.

Wir haben heute mit dem Internet Chancen, konstruktive Lösungen zu verkaufen, die Andreas Baader (1943–1977) und Gudrun Ensslin (1940–1977) nicht hatten. Deren Erben seid ihr. Und ihr habt heute diese Möglichkeiten. Die übrigens jeder Mensch mit Internet-Anschluss hat. Das ist der entscheidende Punkt, der sich verändert hat seit eurem Untertauchen. Es wäre jetzt an euch, diese Veränderung („Disruption“) zu erkennen und auf euer Leben anzuwenden.

Eine Menge Unternehmen befassen sich heute mit Disruption und verändern sich. Sie verstehen, dass alte Modelle nicht mehr funktionieren, und entwickeln neue. Sie denken um. Warum geht diese Entwicklung an euch vorbei, Daniela Klette, Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg? Warum bleibt ihr stehen, die ihr mal dafür angetreten seid, die Gesellschaft zu verändern? Warum seid ihr immer noch Schnorrer? Warum wendet ihr immer noch Gewalt an? Obwohl ihr ein Produkt habt, für das die Leute sich interessieren? Während andere Menschen kreativ sind und Ideen entwickeln, setzt ihr immer noch auf das alte RAF-Konzept „Waffen und Motorisierung“. Was soll das? Warum seid ihr unkreativ?

Ich finde ja, es ist die Pflicht eines Anbieters, sein Produkt zur Verfügung zu stellen, wenn es Menschen gibt, die es wollen oder brauchen. Es ist unfair, jemandem vorzuenthalten, dass man eine spannende Lösung oder Information für ihn hat. Wie seht ihr das?

Und ihr habt eben etwas, was die Menschheit interessiert. Wer Dinge verschweigt, die die Leute wissen wollen, ist eigentlich nur egozentrisch, oder?

Ich weiß, dass ihr euch als Antikapitalisten versteht. Aber was soll das – Geldtransporter überfallen? Die zahlreichen Selbstständigen, die ihr Leben übers Internet-Geschäft finanzieren, sind keine Kapitalisten. Der Mittelstand, der die meisten Arbeitsplätze schafft in Deutschland – das sind keine Feinde. Und Leute wie ich, die weder von Steuergeldern leben noch von Förderungen, sondern die selbst etwas auf die Beine stellen, bezahlen mit ihren Steuern sinnlose Fahndungen wie die nach euch. Und das finde ich nicht fair! Ich arbeite hart. Und ihr nötigt der Gemeinschaft ihr Geld ab, nur weil ihr zu feige seid, euch zu stellen – obwohl es an der Zeit ist, weil ihr dringend gebrauchte Zeitzeugen seid. Hört endlich mal auf, nur an euch selbst zu denken. Dann geht ihr halt für ein paar Jahre in den Bau. Na und?

Stellt euch!

Wenn ihr euer Online-Marketing-Imperium aufgebaut habt, dann lasst die Maschine einfach laufen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich in den vergangenen Jahren war: nicht im Unternehmen arbeiten, sondern am Unternehmen. Das ist auch eure Aufgabe. Bleibt meinetwegen noch ein bisschen im Untergrund und stellt das Ganze auf die Beine.

Sobald die Maschine zuverlässig läuft, macht ihr das eine große Interview mit einem guten Fernsehsender als Aufzeichnung – und dann stellt ihr euch.

Während ihr im Knast sitzt, läuft eure Maschine weiter und sorgt jeden Tag für Umsatz. Ihr werdet eine Agentur finden, die das technisch betreut. Das Ziel ist: Die Maschine spielt mehr Geld ein, als ihr infolge eurer Raube erstatten müsst. Aber das sollte kein Problem sein – bei der Relevanz eurer Story.

Eines nur müsst ihr dazu kapieren: Geld verdienen ist nichts Böses. Es ist genau anders herum: Geld rauben ist böse. Hier hat sich eure Wahrnehmung verschoben. Die solltet ihr geraderücken. Und dass ihr das begriffen habt, solltet ihr der Öffentlichkeit zeigen.

Also stellt euch. Lasst euch verurteilen. Geht in den Bau. Wofür genau und wie lange auch immer. Und dann seid von Anfang an, auch in der Haftzeit schon, offen für Aufklärung. Schafft Transparenz. Gebt Interviews. Seid kooperativ bei den Ermittlungen. Sprecht mit Historikern. Bittet die Angehörigen der Opfer um Vergebung. Helft ihnen, das Geschehene zu verstehen und zu verarbeiten. Klärt die Taten der RAF auf. Kommt einfach im Heute an.

Wenn ihr dann mal rauskommt, fallt ihr möglicherweise nicht allzu hart. Und ihr wart dann am Ende keine egozentrischen Feiglinge, sondern habt zur Abwechslung auch mal was zur Gesellschaft beigetragen.

Aber hört auf damit, Menschen mit Panzerfäusten zu bedrohen.

Euer Thilo Baum

 

Leave A Comment