Twitter ist nicht aggressiv, Herr Habeck

By |2019-01-07T21:04:15+00:007. Januar 2019|Categories: Klarheit|0 Comments

Lieber Grünen-Chef Robert Habeck,

Sie verlassen Twitter und auch Facebook. Einer der Gründe laut Ihrem aktuellen Blogbeitrag*: „Twitter ist, wie kein anderes Medium so aggressiv und in keinem anderen Medium gibt es so viel Hass, Böswilligkeit und Hetze.“**

Das verstehe ich nicht. Twitter ist exakt so aggressiv wie die Menschen, denen Sie bei Twitter folgen. Denn Twitter zeigt Ihnen die Beiträge von Menschen, die Sie zuvor ausgewählt haben. Wenn Sie sich also von irgendeiner Aggression anstecken lassen, wie Sie schreiben, dann von der Aggression der Menschen, für die Sie sich interessieren (und das dürfte auch für Menschen gelten, deren Tweets Sie in anderen Medien sehen, beispielsweise hineinkopiert oder eingebettet). Das Medium kann nichts dafür. Ihre Argumentation kommt mir so vor, als würden Sie den Fernseher abschaffen, weil es darin so viele Tote gibt.

(Nachtrag mit Dank an Ute Schulze via Facebook: „Kleine Korrektur: Ihm werden auch die Antworten und Kommentare auf seine eigenen Tweets angezeigt. Dafür muss er den Accounts nicht folgen.“ Das stimmt natürlich, danke.)

Und außerdem: Welchen Grund gibt es, sich von der Aggression (oder einer anderen Gefühlslage) fremder Menschen anstecken zu lassen? Wenn Ihnen ein aggressiver Mensch begegnet – ist dessen Aggression dann nicht sein Film? Weshalb sollten Sie sich diesen Film aneignen?

Was war nur der größere Fehler?

Dann schreiben Sie über Ihren Twitter- und Facebook-Abschied: „Kann sein, dass das ein politischer Fehler ist, weil ich mich der Reichweite und direkten Kommunikation mit doch ziemlich vielen Menschen beraube. Aber ich weiß, dass es ein größerer Fehler wäre, diesen Schritt nicht zu gehen.“

Hm. Warum wäre es denn der größere Fehler, diesen Schritt nicht zu gehen? Was daran wäre falsch?

Ich glaube nicht, dass es klug ist, Twitter und Facebook zu verlassen. Ich glaube, klüger wäre es für Sie, weiterhin bei Twitter und Facebook präsent zu sein. Weil Sie aber unbedingt so apodiktisch sein müssen, so grundlegend, so radikal, vielleicht ist auch „fanatisch“ das passende Wort, entscheiden Sie eben entsprechend radikal und fanatisch. So fällt es Ihnen später eben entsprechend schwerer, wieder einzusteigen.

Auch glaube ich nicht, dass Sie wirklich durchdacht haben, was der größere oder kleinere Fehler wäre. Es mag sein, dass Sie eine Nacht nicht geschlafen haben. Aber eine wach verbrachte Nacht garantiert noch keine gute Entscheidung am nächsten Tag. Wobei der Mythos übrigens sagt, dass man eine Nacht darüber schläft, nicht wacht. Aber ob wach oder im Schlaf: Gute Gedanken entstehen nicht, weil eine Nacht vergeht, sondern weil ein kluger Mensch die Dinge durchdenkt.

Es klingt halt gut mit der Nacht. Man erweckt den Anschein, als habe man das eigene Versagen qualvoll „aufgearbeitet“, wie es so schön heißt. Es muss nach Leid klingen, damit die Grünen Sie noch weiterhin lieb haben. Nach moralischer Katharsis. Und es muss natürlich der ganz große Schritt sein („Ein Blog zum Abschied“). Hauptsache Drama. Ich sehe es buchstäblich vor mir, wie Sie eine gesamte Nacht durchwachen, streng sinnierend auf der Suche nach dem größeren Fehler. Verzweifelt laufen Sie in Ihrer Kammer auf und ab, im Nachtrock, barfuß, frierend, im kaum tröstenden Schein der Petroleumlampe, und raufen sich ob Twitter die Haare, bis der Hahn kräht. Haben Sie schon Ihr iPhone zerhackt?

Ok, im Ernst: Was sollte der Fehler sein, wenn Sie bei Twitter und Facebook bleiben? Dass diese Medien Sie verführen, Unfug zu schreiben? Dann würde ich mir an Ihrer Stelle überlegen, ob ich in der Politik richtig bin. Oder sehnen Sie sich vielleicht doch eher nach irgendeiner Art von Selbstbestrafung, wie sie in einem von Moral getriebenen sozialen Umfeld eben gut ankommt?

Impulsiv-irrationales Entscheiden

Also: Ich glaube nicht, dass Sie fundiert nachgedacht haben. Ihre Entscheidungen kommen mir impulsiv und irrational vor. Genauso, wie es impulsiv und irrational war, Bayern (seinerzeit explizit) als undemokratisch zu bezeichnen, ist es jetzt impulsiv und irrational, aus Facebook und Twitter auszusteigen.

Das Irrationale zeigt sich auch daran, dass Sie die Gründe wirr verteilen: Twitter sei aggressiv, außerdem wurden ja private Daten geklaut, und dann waren diese geklauten Daten auch noch Thema des politischen Gegners. Das Thüringen-Video hatten Sie in mehreren Versionen gedreht, und der Fehler sei eigentlich gar nicht bei Ihnen entstanden, sondern bei den Thüringer Grünen, die einen bestimmten Ausschnitt gewählt hatten. Lieber Herr Habeck, was denn nun?

Und der Anlass? Aus meiner Sicht: nichtig. Sie haben bei Twitter im Video gesagt: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird, ein ökologisches Land.“ Man hat Sie kritisiert für das Wörtchen „wird“, weil es impliziert, Thüringen sei weder offen noch frei noch liberal noch demokratisch. Und Sie selbst haben in einem Anflug genüsslicher Selbstkasteiung („bye bye, Twitter und Facebook“) erklärt, dass Sie besser „bleibt“ hätten sagen sollen. Ein Fehler, ein Fehler! Haben Sie wenigstens reumütig in der Ecke gestanden, während Sie Ihren Blogbeitrag geschrieben haben?

Zugespitzte Wahlkampfrhetorik

Also: Was soll das? Sie haben frei in die Kamera gesprochen, es war Trubel im Hintergrund. Dann haben Sie sich eben versprochen. Kommt vor. Und selbst wenn Sie tatsächlich Thüringen für unterentwickelt halten würden, dann kann man das als unpassende Wahlkampfrhetorik kritisieren wie im Fall Bayern, aber Katastrophen sehen für meine Begriffe anders aus, vor allem im Wahlkampfgetöse. Aber auch wenn es eine lässliche Sünde ist: Der hochmoralisierte Mensch verurteilt auch die lässliche Sünde wie eine Todsünde, denn nur mit dieser Radikalität steht er unter Gleichgesinnten gut da.

Mein Fazit: Sie verlassen Twitter, weil Twitter Sie aggressiv macht. Andererseits ist an Ihrem Thüringen-Video nichts aggressiv. War es nun aggressiv oder ein Fehler? Als unpassend kann man deuten, dass Sie Thüringen implizit undemokratisch nennen, aber aggressiv ist es nicht. Dann erklären Sie in Ihrem Blogbeitrag, dass Sie Thüringen eben nicht absprechen, demokratisch und weltoffen zu sein. Also war’s ein Fehler und nicht aggressiv. Oder glauben Sie sich selbst nicht? Sie haben blöderweise halt was anderes gesagt, was im Trubel mal passieren kann. Gut. Aber was hat die Aggression einiger Twitternutzer mit einem Video zu tun, das Sie sprechen und das später jemand anders bei Twitter hochlädt? Sollten Sie nicht eher dem Bewegtbild entsagen als Twitter? Sollten Sie nicht eher Mikrofone verfluchen, die das Böse ja aufzeichnen? Insgesamt kann ich Ihren Gedanken nicht folgen.

Wissen Sie was? Ich habe was für Sie. Eine Idee. Wie wäre das: Jeder noch so nichtige Fehler, den Sie machen, mündet ab sofort in die in Ihrem Umfeld so ersehnte moralische Verurteilung. Kaufen Sie sich einfach dieses Spielzeug, und jedes weitere dumme Wort macht zwanzig (öffentliche) Peitschenhiebe. Falls Sie Twitter oder Facebook wieder einschalten – hundert. So könnte es vielleicht möglich sein, auch in einem Umfeld der radikalen Konsequenz und der moralischen Verurteilungen eine Entscheidung rückgängig zu machen.

* nicht „Blog“, wie Sie schreiben, das Blog ist das gesamte Medium.
** Kommafehler im Original.

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