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Wie gefährdet sind Sie, Opfer von Propaganda und Desinformation zu werden? Hier finden Sie zehn Kriterien, auf die es ankommt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Anhand dieser Kriterien sehen Sie, wie leicht Sie …

  • auf Verschwörungsmythen hereinfallen,
  • Demagogen auf den Leim gehen,
  • Betrugsopfer werden,
  • einer Sekte verfallen.

Tatsachen, Vermutungen und Meinungen unterscheiden

Standard ist in unserer modernen Welt, dass wir uns unsere Meinungen auf der Basis von Tatsachen bilden – und nicht aufgrund von Mutmaßungen und Gerüchten.

Wir sollten also wissen, was Tatsachen, Vermutungen und Meinungen sind.

Eine Tatsache kommt zum Ausdruck, wenn wir sagen können: „Ich weiß, dass es regnet.“

Eine Vermutung könnte lauten: „Ich glaube, dass es regnet.“

Vermuten bedeutet, nicht zu wissen. Es ist unklug, sich Meinungen aufgrund von Vermutungen zu bilden. Denn trifft eine Vermutung nicht zu, bilden wir uns unsere Meinung aufgrund eines Irrtums. Und das ist unklug.

Je stärker Sie sich von Vermutungen leiten lassen, desto höher ist die Gefahr, dass Sie sich Ihr gesamtes Weltbild aufgrund eines Netzes von unwahren Annahmen bilden. Bei Menschen, die sich ihre Meinungen über längere Zeit auf der Basis von Vermutungen bilden, besteht das Denken mit der Zeit aus geradezu bizarren Gedankenkonstruktionen. Es beginnt schleichend mit der einen oder anderen Annahme über etwas, was anders sein könnte, als es scheint – und Stück für Stück kommen immer weitere Denkfehler hinzu.

Meinungen sind die dritte Kategorie nach Tatsachen und Vermutungen. Eine Meinung könnte lauten: „Ich finde es gut, dass es regnet.“

Wichtig ist auch zu verstehen, dass es tatsächlich falsche Meinungen gibt. Regnet es beispielsweise nicht, hat die Meinungsäußerung „Ich finde es gut, dass es regnet“ einen falschen Tatsachenkern. Denn es regnet ja gar nicht. Also können wir den Regen nicht gut finden. Wir könnten uns bestenfalls wünschen, dass es regnet: „Ich fände es gut, wenn es regnen würde.“

Eine symptomatische Äußerung für Menschen, die sich an Gerüchte halten, lautet: „Aber es könnte doch sein, …“. Ja, es könnte sein. Vieles könnte sein. Wenn etwas aber nicht ist, ist es nicht. Da spielt es keine Rolle, ob es sein könnte.

Kriterium 1: Wie gut unterscheiden Sie Tatsachen, Vermutungen und Meinungen? Wissen Sie, dass Sie es mit einer Vermutung zu tun haben, wenn Sie etwas nur vermuten, es aber nicht definitiv wissen? Häufen Sie Fehlschlüsse an, die sich aus Vermutungen ergeben? Stellen Sie eine zunehmende Häufung fest? Versuchen Sie, Ihre vielen Gedanken unter einen Hut zu bringen, und lassen Sie dabei öfter mal fünfe gerade sein, nur damit es passt?

Prinzipien der öffentlichen Kommunikation verstehen

Standard ist ebenfalls, die Prinzipien der öffentlichen Kommunikation zu verstehen.

Einer Meinung mit falschem Tatsachenkern zu widersprechen, bedeutet beispielsweise keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Gute Journalisten multiplizieren Meinungen mit falschem Tatsachenkern nicht. Das hat nichts mit Zensur zu tun, sondern mit Handwerk.

Äußerungen von Menschen nicht zu verbreiten, die sich ihre Meinungen auf der Basis von Vermutungen bilden, ist ebenfalls handwerklich richtig. Es ist nicht die Aufgabe von Medien, Gerüchte zu verbreiten. Journalisten haben ein gutes Gespür für Unsinn, und sie lassen sich von Verschwörungsmythen nicht anstecken.

Dabei geht es nicht nur darum, ob Aussagen rechtlich zulässig sind oder nicht. Rechtlich zulässig sind die meisten Äußerungen, selbst wenn sie Unsinn transportieren. Sondern es zählt auch, ob die Äußerung qualifiziert ist – und qualifiziert sind nur Äußerungen, die durch klares Denken zustandekommen. Als Fakten ausgegebene Vermutungen und Gerüchte sind ebensowenig qualifiziert wie Meinungen, die auf Vermutungen und Gerüchten basieren.

Kriterium 2: Wie gut verstehen Sie das Handwerk des Journalismus und die Prinzipien der öffentlichen Kommunikation? Wie geübt sind Sie darin, qualifizierte Äußerungen von unqualifizierten Äußerungen zu unterscheiden?

Meinungsfreiheit verstehen

Zum Verständnis der öffentlichen Kommunikation gehört auch das Verständnis der Meinungsfreiheit. Publizistische Amateure glauben, jede Äußerung sei von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das ist aber nicht der Fall. Und zwar nicht, weil wir in einer Diktatur leben würden, sondern weil Äußerungen Rechte verletzen können. Diese Äußerungen sind dann nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt.

Die Meinungsfreiheit gemäß Art. 5 GG schützt, wie der Name sagt, Meinungen. Sie schützt beispielsweise nicht unbedingt Tatsachenbehauptungen.

Der Unterschied ist einfach:

  • Eine Tatsachenbehauptung ist zumindest in der Theorie beweisbar oder widerlegbar. Sie muss nicht bewiesen oder widerlegt sein, denn es geht ja nicht um die Einordnung der Tatsache, sondern der Behauptung. Beispiel: Die Äußerung „Die Sonne scheint“ ist eine Tatsachenbehauptung und beweisbar, und zwar völlig unabhängig davon, ob die Sonne scheint oder nicht. Tatsachenbehauptungen lassen sich also im Zweifel belegen oder eben auch nicht. Sie lassen sich nicht argumentieren.
  • Eine Meinungsäußerung ist nicht beweisbar oder widerlegbar. Beispiel: „Das Wetter ist schön.“ Diese Äußerung ist dem Beweis nicht zugänglich. Aber sie ist argumentierbar.

Tatsachenbehauptungen können wir also beweisen oder widerlegen; wir können sie nicht argumentieren. Meinungsäußerungen dagegen können wir argumentieren; wir können sie nicht beweisen oder widerlegen.

Unter beiden Äußerungsformen (Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen) gibt es zulässige und unzulässige. Das ist zunächst eine rein rechtliche Betrachtung unabhängig von der Frage, ob eine Äußerung qualifiziert ist:

  • Zulässige Tatsachenbehauptungen verletzen keine Rechte. Ob die Behauptung dabei richtig oder falsch ist, spielt keine Rolle: Die Behauptung „Die Erde ist flach“ ist zwar Quatsch, aber zulässig.
  • Unzulässige Tatsachenbehauptungen verletzen Rechte. Die wichtigsten Beispiele sind üble Nachrede, Verleumdung und das Leugnen des Holocaust.
  • Zulässige Meinungsäußerungen verletzen ebenfalls keine Rechte.
  • Unzulässige Meinungsäußerungen sind beispielsweise Schmähkritiken oder Beleidigungen („Du bist ein Idiot“ ist keine Tatsachenbehauptung, sondern eine Meinungsäußerung).

Zudem bedeutet Meinungsfreiheit nicht, dass wir uns alle Meinungen anhören müssen. „Jeder“ hat nach Art. 5 GG „das Recht, (…) sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“. Eine Pflicht dazu gibt es nicht. Auch dürfen wir uns bestimmten Informationsquellen verweigern. Die Freiheit der Berichterstattung schließt außerdem auch ein, bestimmte Themen ausklammern zu dürfen.

Was viele Ideologen nicht wahrhaben wollen: Wenn wir ihnen widersprechen oder ihre Ansichten öffentlich als Blödsinn bezeichnen, nehmen wir ihnen damit nicht die Meinungsfreiheit. Die Betroffenen dürfen ihre Meinung nach wie vor frei äußern, wenn sie keine Rechte verletzt. Wir widersprechen eben nur. Ebenso wie Max das Recht hat, seine Meinung zu äußern, hat Moritz das Recht, dieser Meinung zu widersprechen. Das Resultat ist die Debatte, die im Idealfall durch den Meinungsstreit zur Meinungs- und Willensbildung führt.

Jede Menge Missverständnisse über Journalismus und Publizistik lassen sich vermeiden, wenn wir diese Dinge differenzieren. Journalistische Profis tun das – was Sie hier lesen, ist Gegenstand im Publizistikstudium und auch in jeder guten Journalistenschule. Die meisten Medienkonsumenten sind sich dieser Zusammenhänge nicht bewusst.

Kriterium 3: Wie firm sind Sie in der Einordnung von Aussagen als Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen sowie als zulässig und unzulässig? Wie gut verstehen Sie das Prinzip der Meinungsfreiheit? Sind Sie imstande, Andersdenkende zu respektieren, oder werfen Sie ihnen vor, Ihnen die Meinungsfreiheit abzusprechen?

Überwertige Idee oder Wahn?

Folgt unser Denken nicht Tatsachen, sondern Vermutungen und Gerüchten, reicht das Spektrum vom einfachen Irrtum bis zum Wahn. Der Psychiater Hans-Ludwig Kröber weist auf eine Steigerungsreihe von vier Stufen einer paranoiden Entwicklung hin:

  • Einen Irrtum korrigieren wir, wenn wir ihn als Irrtum erkennen.
  • Ein Vorurteil korrigieren wir nicht, auch wenn wir Gegenbeispiele sehen.
  • Eine überwertige Idee dominiert unser ganzes Denken und Handeln. Wir verwerfen sie auch dann nicht, wenn sie sich als unsinnig erweist. Wir halten daran fest und blenden die Kritik daran aus.
  • Ein Wahn ist die Wahrnehmung von Dingen, die nicht real sind. Es ist relativ mühsam, einem Betroffenen deutlich zu machen, dass er sich irrt.

Wichtig dabei: Wenn Sie Irrtümer als solche erkennen und korrigieren, sind Sie gegenüber Manipulation durch Falschbehauptungen vermutlich einigermaßen immun. Je stärker Sie zur überwertigen Idee oder zum Wahn neigen, desto anfälliger sind Sie für Fake-News, Demagogie, Lügen und Betrug. Typisch für überwertige Ideen ist es beispielsweise, an Verschwörungen zu glauben wie „QAnon“ oder an eine flache Erde.

Die Frage ist nun, wie sich Betroffene ihre Überzeugung bestätigen: Suchen wir uns die Bestätigung aus Quellen im Internet zusammen, verfolgen wir immer noch eine überwertige Idee. Denn wir suchen die Belege außerhalb unserer selbst. Wahnhaft wird das Ganze dann, wenn wir die Inhalte solcher Theorien selbst wahrnehmen. Wenn wir einem Internet-Video glauben, wonach Bill Gates die Menschheit durch eingepflanzte Chips kontrollieren will, handelt es sich noch um eine überwertige Idee. Sind wir davon überzeugt, den von Bill Gates eingepflanzten Chip physisch zu spüren, haben wir es mit einer Wahnvorstellung zu tun.

Kriterium 4: Wie gut sind Sie in der Lage, Irrtümer als solche zu erkennen? Oder befinden Sie sich bereits in einer bizarren Gedankenwelt aus Vorurteilen, überwertigen Ideen oder sogar Wahnvorstellungen?

Was ist ein Narrativ?

Wichtig ist zu verstehen, was ein Narrativ ist und wozu Narrative dienen.

Es gibt diverse Erklärungen für Narrative, doch hier soll eine einfache Überlegung genügen: Ein Narrativ besteht im Kern letztlich aus einer Tatsachenbehauptung in Kombination mit einer Bewertung. Ein Zusammenhang also bekommt eine Bedeutung zugeordnet. Das Wort „Bedeutung“ beinhaltet schon, dass es dabei um eine Deutung geht.

Eine reine Tatsache ohne Bewertung ist zum Beispiel: „1999 sind Polen, Tschechien und Ungarn der NATO beigetreten. 2004 sind Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien beigetreten, im Jahr 2009 Albanien und Kroatien, 2017 Montenegro und 2020 Nordmazedonien.“

Diese Liste von Behauptungen ist wahr, es sind zutreffende Tatsachenbehauptungen. Die Information ist rein sachlich, sie hat keine Tendenz. Diese Abfolge von Informationen transportiert noch kein Narrativ. Wer diese sachliche Information als tendenziös erachtet, versteht den Unterschied zwischen „sachlich“ und „unsachlich“ nicht.

Ein „Narrativ“ entsteht, wenn wir den Informationen eine Tendenz zuordnen. Damit ist die Behauptung nicht mehr sachlich, sondern bekommt einen sogenannten „Spin“. Der Begriff lässt sich sehr gut mithilfe von Tischtennis verstehen: Der Ball (die Information) fliegt nicht geradeaus, sondern hat einen Drall und nimmt daher eine bestimmte Kurve (die Tendenz). Der Ball bleibt dabei derselbe.

Zwei mögliche Narrative zum Thema NATO-Beitritte sind:

  • „Die NATO erweitert sich nach Osten.“ Dieses Narrativ unterstellt der NATO einen expansiven Charakter. Damit geht die Bewegung von West nach Ost.
  • „Immer mehr osteuropäische Nationen beantragen eine NATO-Mitgliedschaft, um sich durch starke westliche Partner zu schützen.“ Dieses Narrativ vermittelt, dass osteuropäische Länder möglicherweise gute Gründe haben, sich einem westlichen Verteidigungsbündnis anzuschließen. Damit geht die Bewegung von Ost nach West.

Beides sind denkbare Narrative. Beide Äußerungen sind rechtlich zulässig. Es sind legitime Sichtweisen, die unterschiedliche politische Haltungen zum Ausdruck bringen: Das eine Narrativ ist eher pro-russisch und unterstützt die These, die NATO bedränge Russland oder bedrohe es gar. Das andere Narrativ ist eher pro-westlich und unterstützt die These, dass osteuropäische Länder sich lieber am Westen orientieren als an Russland.

Sie können jetzt, weil Sie vielleicht eines der beiden Narrative vertreten, das jeweils andere Narrativ als Unfug bezeichnen. Gleichwohl bleibt: Beide Narrative sind zulässige Meinungsäußerungen. Ebenso wie es zulässig ist, die jeweilige Gegenmeinung Unfug zu nennen. Das ist in Ordnung in einer pluralistischen Demokratie, die qua Definition zahlreiche verschiedene Sichtweisen und Meinungen beherbergt.

Grundsätzlich ist es auch sinnvoll und wichtig, Narrative zu bilden, weil sie das Verständnis beispielsweise von Geschichte ermöglichen. Im einfachen Fall dienen Narrative der Einordnung von Informationen. Im schlimmsten Falle dienen sie der Manipulation von Meinungen. Die Frage ist nur, in welche Richtung wir ein Narrativ ausrichten. Sind Narrative menschenfeindlich oder richten sie sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung, geht der Rechtsstaat dagegen vor. Beispielsweise geht der Rechtsstaat gegen Vertreter des öffentlichen Dienstes vor, die gemäß der „Reichsbürger“-Ideologie die Bundesrepublik Deutschland in Abrede stellen, sich aber trotzdem gerne von ihr bezahlen lassen.

Wer klar denkt, erkennt ein Narrativ und unterscheidet die reine Tatsachenbehauptung von der Deutung. Wer nicht klar denkt, hält mitunter Narrative für Wahrheiten und bildet sich auf deren Basis seine Meinungen.

Kriterium 5: Wie gut sind Sie sich über Ihre Narrative bewusst und darüber, dass es Narrative sind?

Ideologisches Denken

Wer sich in eine Scheinwelt einspinnt und ohne Kenntnis der publizistischen Grundsätze der Meinungsbildung denkt und kommuniziert, vertritt oft ein sogenanntes „festes Weltbild“. Gemeint ist damit ein Weltbild, das der Betroffene nicht mehr hinterfragt. Im Gegenteil: Betroffene suchen kontinuierlich nach Argumenten, die ihr Weltbild bestätigen.

Beim ideologischen Denken geht es nicht um Erkenntnisgewinn (hier würden die Betroffenen Denkfehler als Irrtümer erkennen und kurzerhand korrigieren), sondern um Ideologie (die Betroffenen wollen an ihrer Einstellung festhalten und bleiben bei ihren überwertigen Ideen, komme, was wolle).

Je stärker wir uns von ideologischem Denken auf der Basis erwünschter Narrative leiten lassen, desto stärker gefährdet sind wir, Demagogie und Desinformation auf den Leim zu gehen.

Kriterium 7: Wie ideologisch denken Sie?

Selektive Wahrnehmung erkennen

Weil jedes Argument für eine andere Sichtweise das Weltbild bedroht, versuchen ideologische Denker, fremde Meinungen zu ignorieren. Sie antworten beispielsweise nur auf Fragen, die ihnen genehm sind. Zugleich öffnen sie sich immer stärker jenen Informationsquellen, die auf ihr Weltbild einzahlen, und sie verweigern sich zunehmend Informationsquellen, die eine andere Sicht der Dinge darstellen.

Beispielhaft sind Aufforderungen, keine klassischen Medien mehr zu rezipieren, weil diese sowieso grundsätzlich verlogen seien. Wie Sektenführer versuchen auch Demagogen, ihre Opfer vom breiten Meinungsspektrum der Öffentlichkeit abzuschneiden – mit dem Ziel, dass sich der Blick auf die Welt immer stärker verengt und das Opfer letztlich nur noch der Ideologie oder der Sekte dient.

Übrigens: Zahlreiche Betroffene reagieren auf diesen Gedanken mit einer Relativierung. Sie sagen: „Aber einer selektiven Wahrnehmung sind doch alle Menschen unterworfen.“ Das ist theoretisch richtig, aber irreführend. Es geht darum, ob wir uns absichtsvoll bestimmten Informationsquellen verschließen, weil sie unser Weltbild hinterfragen könnten. Und das tun vor allem ideologisch indoktrinierte Menschen.

Kriterium 8: Wie selektiv nehmen Sie die Wirklichkeit wahr? Wie vehement halten Sie Meinungen von Andersdenkenden von sich fern?

Tendenziöse Argumentationen erkennen

Ein spannendes Phänomen ist auch dieses: Wer in einer bizarren Gedankenwelt aus irrealen Überzeugungen gefangen ist und versucht, seine überwertigen Ideen zu verbreiten, braucht keine Beweise für seine Behauptungen, verlangt aber Beweise von Andersdenkenden.

Also: Wir selbst glauben an die Wahrheit unserer Vermutungen und an die Wahrheit von Gerüchten, die in unser Weltbild passen. Dafür brauchen wir keine Beweise. Für Gedanken aber, die unserem Weltbild widersprechen, fordern wir sofort Beweise. Dann sind wir tendenziös und ideologisch. Wir denken nicht mehr klar.

Was ihr Weltbild betrifft, folgen indoktrinierte Menschen bereitwillig allen möglichen Gedanken mit der Überlegung: „Es könnte doch was dran sein.“ Und dann bilden sie sich ihre Meinungen auf der Basis von Mutmaßungen und Spekulationen. Für abweichende Meinungen gilt das nicht – da fordern diese Ideologen Beweise.

Beispiel: Opfer der pro-russischen Propaganda brauchen keine Beweise für die angeblichen Biowaffenlabore der Ukraine, um die Behauptung für wahr und bedenkenswert zu halten. Zugleich fordern sie von ihren Gegnern Beweise für die These, dass die russische Armee in der Ukraine zahlreiche Kriegsverbrechen verübt. Das ist ein verqueres, verzerrtes und einseitiges Denken, wie es Ideologen und auch Sektenopfern eigen ist.

Kriterium 9: Wie tendenziös denken und argumentieren Sie? Fordern Sie Beweise für Narrative, die Sie nicht vertreten, und erkennen zugleich Narrative Ihres Weltbildes ungeprüft als Fakten an?

Manipulation erkennen

Das zehnte Kriterium schließlich ist die Manipulation durch perfide Rhetorik. Viele Demagogen machen sich selbst beispielsweise nicht durch Thesen angreifbar, sondern verstecken ihre Narrative hinter Fragen. Sie sagen: „Ich stelle nur Fragen“, und suggerieren damit eine Legitimität der Narrative hinter diesen Fragen. Die Frage zum Beispiel, ob wirklich Al-Kaida die Anschläge am 11. September 2001 geplant und durchgeführt hat, wirkt auf den ersten Blick harmlos, ist in der Tat aber höchst manipulativ. Deutlich wird die Logik, wenn jemand die Existenz der NS-Konzentrationslager mithilfe einer Frage anzweifelt – es bleibt eine Holocaust-Leugnung, ob mit oder ohne Fragezeichen dahinter.

Auch Sprüche wie „Ich finde, jeder soll sich selbst seine Meinung bilden“ spielen vordergründig mit einer angeblichen Liebe zur Meinungsfreiheit und zur Toleranz, suggerieren aber, dass kluge Menschen beispielsweise nach der Sichtung eines wirren Videos zur selben Meinung kommen müssen wie man selbst.

Dieses zehnte Kriterium ist überaus wichtig, denn es ist der entscheidende Punkt, durch den ein Opfer von Propaganda zum Täter wird.

Kriterium 10: Wie manipulativ ist Ihre Kommunikation?

Fazit

Fazit: Die Übergänge vom Irrtum zum Wahn sind fließend. Maßgeblich bei wirren Gedankenkonstrukten ist vermutlich die überwertige Idee. Helfen kann Informationskompetenz (mir erscheint der Begriff besser als „Medienkompetenz“): Wer Aussagen treffend einordnen kann (Tatsachen, Vermutungen, Meinungen, zulässig, unzulässig, qualifiziert, unqualifiziert, selektiv, manipulativ, …), ist vor Desinformation, Fake-News und Propaganda wesentlich besser geschützt als Menschen, die diese publizistischen Prinzipien nicht kennen oder glauben, sämtliche Meinungsäußerungen seien zulässig.

Einer kruden Gedankenwelt zu entkommen, ist besonders dann schwierig, wenn die Betroffenen bereits wie Sektenanhänger vom Einfluss durch andere Meinungen abgeschnitten sind. Vielleicht können Beiträge wie dieser hier helfen.