Robbie Williams …

 

… im Berliner Olympiastadion: das Beeindruckendste, was ich seit Langem gesehen habe. Ein Mann, von dem man viel lernen kann, etwa wie von Tom Cruise, kaum zu überbietendes Charisma, ein Alphatier ohne gleichen.

Robbies Geheimnis ist nicht so sehr sein verwegenes Leben. Sondern er schafft es vielmehr, seinen Kopf auszuschalten. Der Mann tickt weiter unten, und das macht er genau richtig. Robbie Williams denkt, fühlt und kommuniziert in einem Bereich zwischen Herz und Schritt, er spielt die Tastatur dieser Bandbreite gekonnt mit seinen Flirts aus, erscheint im einen Moment unmittelbar, weich und warm (Bauch), um im nächsten Moment frivol zu sein (Schritt) und um dieser Frivolität dann wieder durch eine versöhnliche, lausbübische Unschuldsmiene die Härte zu nehmen (Herz), und genau dieser unvorhersehbare Wechsel macht ihn so unendlich attraktiv. Robbie Williams ist ein charmantes, authentisches Menschentier.

Sicher, Robbie Williams ist Mainstream. Na und? Auch die Beatles waren Mainstream. Und Robbie Williams wird sicher ebenso lange überleben, vor allem mit Songs wie „Feel“ und „Angels“. „Feel“ (Robbie Williams und Guy Chambers) ist Robbies mit Abstand bester Song, und das hat unter anderem mit ein paar Tricks in dieser Komposition zu tun. Beispielsweise wäre zu erwarten, dass in diesem d-moll-Stück ein b auftaucht (d-moll ist die Paralleltonart von F-Dur), und das geschieht auch gegen später, aber im Klaviersolo zu Beginn (d-moll Grundakkord, a-moll Grundakkord, F-Dur Grundakkord, G-Dur Quartsext, d-moll Grundakkord) spielt Robbie statt b ein h (enthalten im G-Dur-Akkord), woraus wir schließen dürfen, dass Robbie Williams seinen Hit „Feel“ quasi in einer Kirchentonart eröffnet, und zwar dorisch. Auch die für Rockmusik typischen Quintparallelen (d-moll, a-moll zu Beginn) wären so nicht zu erwarten, vielmehr rechnet das Ohr statt des Grundakkords in a-moll mit einem Quartsextakkord in C-Dur (g-c-e, also g statt a), doch diesen Gefallen tut uns Robbie nicht, und auch deswegen ist „Feel“ ein großes Stück Musik.

Die Spannung im Refrain („I just wanna feel“) bezieht Robbie dann wiederum eben aus dem B-Dur-Akkord, der die Subdominante des folgenden F-Dur-Akkordes ist, der wiederum die Subdominante des folgenden C-Dur-Akkordes ist – diese Subdominanten-Kaskaden sind zuverlässige Spannungserzeuger.

Befremdlich am Konzert war das unangenehm aufdringliche Product Placement, das fast kontraproduktiv wirkte und durch seine Penetranz insbesondere Adidas-Produkte geradezu unsympathisch machte. Ich bin ja auch der Meinung, dass man arme Künstler unterstützen muss, ich zahle auch gerne 88 Euro für eine Karte und ich will auch, dass Robbie Williams an einem Abend eine Million verdient. Aber dass Product Placement in eine Werbeshow ausartet, ist arm. Robbie brachte sogar einen Werbesong für adidas namens „Rude Box“ (soweit ich das richtig mitbekommen habe) mit Textzeilen wie „a-d-i-d-a-s is the best“ oder so ähnlich.

Das ist in dem Zusammenhang spannend, dass Robbie Williams raucht. Denn Adidas heißt Sport, und Sport heißt Nährstoffverbrennung durch Sauerstoff, Rauchen hingegen heißt Sauerstoffmangel und Keuchen auf der Treppe. Robbies Nikotinkonsum ist zwar sein Privatproblem, und dass er auf der Bühne beim Singen raucht, erspart dem Publikum Pausen. Aber leider spielt er damit eine fatale Vorbildrolle als Raucher – und daraus erwächst die einfache Idee: Wenn der Sportartikelhersteller Adidas einen millionenschweren Popstar sponsert, der auf der Bühne den Kindern zeigt, wie rauchen geht, dann wird Adidas auch Präventionsseminare für Kinder und Jugendliche sponsern können.

Dieser Beitrag hat übrigens kein Foto, weil Robbie Fotografen ja bekanntlich gerne gängelt, und das Spiel mache ich als Verehrer der Pressefreiheit nicht mit. Darum eben kein Foto von Robbie Williams.

Dennoch würde ich wieder hingehen. Und für eine Karte auch 200 Euro zahlen, damit der Künstler nicht verhungert.



3 Kommentare zu „Robbie Williams …“

  1. hella

    Zur Adidas-“Problematik“ wäre zu sagen, dass Robbie Williams schon seit Jahrzehnten eine besondere Vorliebe für die Marke Adidas hegt.

    Er ist quasi grosser „Fan“ dieses Labels und er betreibt mindestens sein dem ersten Tag des Bestehns der Band Take That eine gewisse „Öffentlichkeitsarbeit“ (sowohl privat als auch beruflich) für die drei Streifen.

    Es gibt einige Leute, die ganz verstärkt auf eine Sportmarke stehen und dazu gehört beispielsweise auch Robbie Williams.
    (Der ja ausserdem das eine oder andere weitere Fan-Dasein INTENSIV ausübt -s.Fussball-)

    Selbst wenn es den Deal mit Adidas nicht gegeben hätte (wobei ich finde, dass das Product Placement hier noch dahingestellt ist bzw. der dazu gehörige Geldfluss), hätte er auf diversen Konzerten stolz seine neuen Silber-Glitzer-Sneakers präsentiert und auch den Trainingsanzug seiner Lieblingsmarke getragen.
    (Unter anderem passend zu seiner Hip-Hop-Funk-Parodie „Rudebox“).

    Er steht nunmal nicht auf Nike, Fubu oder (laut Lyrics:)Asics… That’s the point.

    PS: ich werde sein nächstes Konzert in Berlin auch besuchen, lasse mir die Karten aber immer schenken. Ist billiger.

  2. Thilo

    Tja, ob Robbie Geld von Adidas bekommt, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass Adidas sich nicht per Sponsoring an sozialen Projekten beteiligt. Das ist das Ergebnis unseres Versuches, den Sportartikelmulti zur Unterstützung von Nichtraucherseminaren an Schulen zu bewegen …

  3. Hedwig

    Toll, wie Sie die Musik/Tonartwechsel und daraus resultierende Spannung und Besonderheit des Stücks „feel“ erklärt haben. Überhaupt, der ganze Artikel gefällt mir recht gut.

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