Neue Zusammenfassung von November 2025

Mit einem „Trust-Score“ beurteilen der PR-Berater Mirko Lange und seine „Democracy Intelligence gGmbH“ Äußerungen von Politikern. Am Ende sollen wir ablesen können, inwiefern der eine Politiker mehr Vertrauen („Trust“) verdient als der andere.

Hier ein Beispiel von der Seite https://democracy-intelligence.de/trust-now:

Sebastian Schäfer sagt also:

Die Regierung betreibt in wichtigen Bereichen wie Bürgergeld und Rente lediglich Symbolpolitik und leistet sich teure, aber wirkungslose Klientelgeschenke. Ein Beispiel ist die Abschaffung des erfolgreichen Job-Turbos zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten.

Wir haben es mit einer zulässigen und legitimen Meinungsäußerung zu tun und letztlich auch mit einer oft gehörten politischen Argumentationsweise. Mirko Langes gGmbH geißelt darin „scharfe Wertungen“ – das gängige Wort „Symbolpolitik“ sei beispielsweise eine solche.

Auch behauptet Mirko Lange beziehungsweise seine gGmbH, Schäfer stelle mit seiner harmlosen Formulierung „die Integrität der Regierung infrage“ – doch das tut Schäfer damit nicht. Wobei es in einer Demokratie auch völlig in Ordnung wäre, die Integrität der Regierung infrage zu stellen, zumal aus der Opposition heraus. Jedenfalls arbeitet die gGmbH hier mit Interpretationen, nicht mit Belegen. Und wir dürfen festhalten: Schäfer äußert sich hier durchweg auf legitime Weise. Trotzdem verurteilt die gGmbH Sebastian Schäfers Worte. Und sie belehrt ihn, wie es richtig geht:

Das wird man doch noch sagen dürfen! Ja, darf man, nur nicht unbedingt so. Dr. Sebastian Schäfer könnte sagen: „Wir kritisieren die Entscheidung, den Job-Turbo zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten zu beenden. Nach unserer Einschätzung war das Programm wirksam. Gleichzeitig sehen wir bei der Gastrosteuersenkung keine überzeugende Begründung für die Verwendung knapper Haushaltsmittel.“

Schäfer darf also nicht sagen, was er sagt. Er soll es anders sagen. Sebastian Schäfers Äußerung bekommt die „Trust-Score“-Wertung „D“ zugeteilt mit dem Vorwurf: „Schwächt die Demokratie und grenzt andere aus.“

Dies ist das Vorgehen der „Democracy Intelligence gGmbH“, die nach eigenen Angaben gemeinnützig ist. Wobei wir Stand 19. November 2025 auf den Upload des finalen Bescheides zur Gemeinnützigkeit ins Impressum der gGmbH noch warten. Dort ist zwar ein PDF zu finden, das mit „Bestätigung des Finanzamts München zur Gemeinnützigkeit“ bezeichnet ist – doch dieses Papier bescheinigt nur, dass ein Satzungsentwurf der Abgabenordnung entspricht. In diesem Schreiben vom 3. September 2025 erklärt das Finanzamt ausdrücklich:

Dieses Schreiben ist keine Bestätigung des Finanzamts über die Gemeinnützigkeit. (…) Es berechtigt Sie nicht, Zuwendungsbestätigungen auszustellen.

Dazu schreibt die „Democracy Intelligence gGmbH“ in ihrem Impressum nach wie vor: „Die formale Bestätigung der Gemeinnützigkeit wird nach Abschluss des Anerkennungsverfahrens ergänzt.“

Darauf wartet die Öffentlichkeit aktuell.

In diesem Blogbeitrag geht es unter anderem um die Frage, was daran gemeinnützig ist, anderen in einer Demokratie den Mund zu verbieten. Was ist daran gemeinnützig, wenn jemand der Öffentlichkeit weismachen will, „scharfe Wertungen“ seien nicht in Ordnung, „die die Integrität der Regierung infrage stellen“? Selbstverständlich gehören auch scharfe Wertungen zur Demokratie – ebenso wie drastische Kritik an der Regierung.

Überarbeiteter Blogbeitrag

Dieser Blogbeitrag ist ursprünglich vom 30. September 2025. Er wurde mehrfach überarbeitet und erweitert.

Ein Grund dafür ist, dass Mirko Lange sein (unzureichendes) Modell mehrmals verändert hat – wobei es, wie wir schon am Beispiel Sebastian Schäfer sehen, noch immer keinen Sinn ergibt. Es sei denn, das Projekt soll nur Mirko Langes Privatmeinungen multiplizieren. Dann allerdings wäre nichts daran gemeinnützig.

Zudem ging Mirko Lange bei LinkedIn auf die mit enormem Zeit- und Energieaufwand vorgebrachte Kritik zahlreicher Kommentator/-innen in der Sache meist nur ausweichend ein. Er vernebelte die Debatte mit verstiegenen Ausflügen ins Theoretisch-Verquaste („In dem Moment, wo man die Wahrheit beschreibt, kollabiert sie notwendigerweise zur Wirklichkeit“) und wertete auch berechtigte Einwände von Kritikern ab.

Auch dieser Stil gehört zum Kontext und wird hier dokumentiert.

Am 3. November 2025 ging dann die Website der Democracy Intelligence gGmbH online, auf der nun ein weiteres angepasstes Modell präsentiert wird.

Weil dieser Blogbeitrag sehr lang geworden ist, bringe ich hier zunächst eine Zusammenfassung, sodass das Wichtige vorne steht.

Ein Nutri-Score-Trittbrettfahrer

Das aktuelle Modell ist auf der Website der gGmbH beschrieben, hier ein Screenshot:

Die grafische Nähe zum markenrechtlich geschützten Nutri-Score-Logo scheint beabsichtigt zu sein. Der Nutri-Score dient laut gGmbH-Website ausdrücklich als Vorbild; das „Trust-Score“-Logo ist dem Nutri-Score-Logo erkennbar nachempfunden. Auch macht Mirko Lange um diese Trittbrettfahrerei keinerlei Hehl: Der „Trust-Score“ ist ein bewusster Abklatsch des Nutri-Scores – möglicherweise strahlt damit ein wenig von dessen Bekanntheit und Seriosität auf Mirko Langes „Trust-Score“ ab.

Indem die gGmbH vom „Nutri-Score für politische Kommunikation“ schreibt, bekennt sie sich zum Trittbrettfahrertum. Vor Trittbrettfahrertum allerdings verwahrt sich Frankreichs Agence nationale de santé publique laut der Markensatzung zum Nutri-Score-Logo ausdrücklich (hier auf Deutsch als PDF; siehe darin auf Seite 11). Die Agence nationale de santé publique ist Inhaberin der Markenrechte am Nutri-Score-Logo.

Ebenso möglicherweise interessant: Die Wortmarke „TRUSTSCORE“, also ohne Bindestrich und in Großbuchstaben, gehört Trustpilot. Die Schreibweisen „TRUSTSCORE“, „TRUST-Score“ und „Trust-Score“ sprechen sich phonetisch identisch aus.

Die Website der gGmbH erfährt immer wieder Veränderungen – die Modell-Darstellung zeigt sich am 11. November 2025 so:

Auch in dieser überarbeiteten Version bleibt die Nutri-Score-Nachahmung Programm. Der Begriff „Nutri-Score“ wandert sogar in die Headline – der Nachahmungscharakter ist also gewollt und wird in keiner Weise vertuscht oder verneint.

(Interessanter Nebenaspekt hier: „Meinungen informiert bilden anstatt sie nur zu bestätigen“, heißt es in der Unterzeile. Offenbar hält die „Democracy Intelligence gGmbH“ wenig davon, Meinungen zu bestätigen – obwohl auch das zur Meinungsfreiheit gemäß Art. 5 GG gehört. Die gGmbH von Mirko Lange kennzeichnet das Bestätigen von Meinungen mit dem Wort „nur“ und wertet es damit ab.)

Ampelsystem quantifiziert subjektive Äußerungen

Unabhängig von diesen möglicherweise markenrechtlich interessanten Aspekten bewertet Mirko Lange mit seinem „Trust-Score“ Äußerungen nach ihrer angeblichen Eignung für die demokratische Debatte. Durch das vom Nutri-Score übernommene Ampelsystem mit den Buchstaben A bis E wird diese vorgebliche Eignung oder Nichteignung als objektiv gesichert ausgegeben und quantifiziert.

Damit sind wir bei dem Hauptproblem, das schon die früheren Versionen hatten: Mirko Lange erhebt seine subjektive Sicht auf die Äußerungen anderer zum objektiven Maßstab und kommuniziert dies gegenüber der Öffentlichkeit als wissenschaftlich fundiert und gemeinnützig.

Auf Laien mag das Ganze wie eine objektive Einordnung wirken – doch das gesamte Ampelsystem des „Trust-Scores“ erweist sich als Augenwischerei, da es unter dem Strich persönliche Subjektivität als allgemeingültig darstellt.

Widersprüchliche Kategorien

Das aktuelle Kategorienschema ist dieses:

Daran ist leicht zu sehen, dass es – anders als beim Nutri-Score – um rein persönliche und subjektive Einschätzungen geht:

  • So wertet die Einordnung „emotionale Abgrenzung“ zahlreiche zulässige Meinungsäußerungen ab – obwohl auch Abgrenzungen zur Demokratie gehören. Natürlich müssen wir uns vom politischen Gegner oder von bestimmten Positionen emotional abgrenzen dürfen, ohne dass deswegen irgendjemand behauptet, wir seien weniger vertrauenswürdig.
  • Laut Bundesverfassungsgericht schützt das Grundgesetz Meinungen auch dann, wenn sie polemisch und zugespitzt sind. Das gehört zur Meinungsfreiheit in der Demokratie. Mirko Langes Abwertungen zulässiger Äußerungen wirken insofern undemokratisch.
  • Ebenso ist zu sehen, dass Mirko Lange Äußerungen bevorzugt, die nach einem „Gemeinsinn“ streben – obwohl Demokratie nicht Konsens bedeutet, sondern Meinungsstreit und Mehrheitsentscheidung.
  • Auch ist es Unsinn, dass „ermutigend zuversichtliche“ Äußerungen für die demokratische Debatte wertvoller sein sollen als „emotional abgrenzende“ Äußerungen. Demokratie ist kein Kindergarten. Mirko Langes Prämisse, wir müssten in einer Demokratie auf positive statt negativer Weise Emotionen aktivieren, ist schlichtweg Quatsch.
  • Zugleich scheint es, als unterwerfe Mirko Lange auch nach der enormen Kritik auf LinkedIn (dazu gleich mehr) Meinungsäußerungen einer Wahr/falsch-Prüfung – obwohl Meinungsäußerungen nicht richtig oder falsch sein können. Meinungsäußerungen sind definitionsgemäß nicht „dem Beweis zugänglich“.
  • Erklärt Mirko Lange eine zulässige Meinungsäußerung für „falsch“, sinkt dadurch der „Trust-Score“ des jeweiligen Politikers. Wer den Unterschied zwischen Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen nicht kennt, lässt sich dadurch möglicherweise in die Irre führen.

Anschein von Seriosität durch Nutri-Score-Ähnlichkeit

Das gesamte Konzept wirkt also weniger im Sinne der Demokratie. Es scheint eher im Sinne Mirko Langes zu sein, indem es dessen subjektive Sichtweisen der Öffentlichkeit als wissenschaftlich fundiert und objektiv verkauft. Einen Anschein von Seriosität steuert dabei die grafische Darstellung bei, die dem offiziellen Nutri-Score ähnelt, welcher als seriös gilt.

Mein erster Eindruck nach der Lektüre der Website war, dass die umfangreiche Kritik bei LinkedIn (von mir und zahlreichen anderen) schlicht nicht angekommen ist. Anzeichen dafür sind beispielsweise:

  • Nach wie vor sind die alten Reports online – mit den von Mirko Lange als objektive Wissenschaft ausgegebenen subjektiven Ansichten über Friedrich Merz, Johann Wadephul und andere. (Inwiefern Mirko Langes Urteile darin zweifelhaft sind, folgt unten.)
  • Nach wie vor findet sich Inkonsistenz. So heißt es einerseits: „Aber wichtig ist: Der TRUST-Score ist kein Wahrheitszertifikat.“ Andererseits beurteilt das Konzept Äußerungen in der Kategorie „Wahrheit und Information” mit einer Skala von „evidenzbasiert“ bis „faktisch unwahr“.
  • Auf der Seite „Modell“ können Sie in einem Menü beispielhafte Äußerungen auswählen, die dann bewertet werden – etwa „Wer arbeiten kann, aber lieber vom Staat lebt, der hat kein Recht auf Solidarität“ oder „Niemand in Deutschland muss mehr in Armut leben – wir lassen garantiert niemanden zurück!“. Es sind sämtlichst Meinungsäußerungen. Mirko Lange unterzieht trotz enormer Kritik dazu nach wie vor Meinungen einer Wahr/falsch-Prüfung. Dabei können Meinungen wie gesagt zwar klug oder dumm sein, niemals aber wahr oder falsch.

Fazit: Wir haben es mit einem ideologischen Instrument zu tun, dessen heilsame Wirkung für die Demokratie zweifelhaft erscheint.

Wissenschaftliche Qualifikation nach wie vor unklar

Immerhin gibt es jetzt ein Team. Ein zäher Vorwurf war, dass Mirko Lange konsequent von „wir“ schrieb, ohne zu benennen, wer dieses „Wir“ ist. Inzwischen finden sich auf der „Team“-Seite einige Mitarbeiter/-innen.

Eine wissenschaftliche Expertise etwa durch ein sozialwissenschaftliches Institut finde ich nach wie vor nicht. Wie zuvor bleibt Mirko Lange dazu schwammig. Auf der Website verkündet er:

Wer diese Wissenschaftler, Praktiker, „Technologen“ und engagierten Bürger/-innen sind, bleibt Stand heute zumindest nach meinen Recherchen im Dunkeln. Vielleicht gibt es Namen von involvierten Sozialwissenschaftler/-innen und auch entsprechende Konzepte oder Stellungnahmen von Ihnen – aber ich finde sie nicht. (Hinweise sind willkommen.)

Zugleich heißt es auf der Seite „Wissenschaftliche Validierung“:

Validierungsbedarf:

Wir arbeiten aktuell daran, das Modell wissenschaftlich zu validieren, was naturgemäß einige Zeit erfordert. Die Methodik zur Kategorisierung von politischen Aussagen wurde auf Basis wissenschaftlicher Methoden entwickelt.

Letzteres ist zumindest für mich nicht nachvollziehbar. Der Passivsatz verschweigt, wer die Methodik entwickelt hat – und spannend wäre zu erfahren, aus welcher wissenschaftlichen Methode sich ergibt, dass „emotionale Abgrenzung“ schlecht ist.

Und es heißt:

Experten-Review (Validierung)

Zur Sicherung der Validität wird die Methodik einem Experten-Review unterzogen, um eine unabhängige wissenschaftliche Begutachtung zu gewährleisten.

Auf diese Validierung können wir gespannt sein. Bisher ist dieser Experten-Review allem Anschein nach noch nicht nachvollziehbar. Zahlreiche Fragen stellen sich: Welches Institut prüft, welche Wissenschaftler/-innen stehen dahinter, nach welchen Methoden prüfen sie beispielsweise Mirko Langes Kategorienschema, wie lautet ihre Kritik?

Und was sagen die Fachleute zu Mirko Langes Behauptung, aus dem Grundgesetz leite sich ab, dass Fakten zu 35 Prozent zählen, Verantwortung zu 40 Prozent und Emotion zu 25 Prozent? Er stellt das ja ziemlich apodiktisch als faktisch geboten dar:

Obwohl Fragen dieser Art nicht geklärt sind, geht Mirko Lange bereits – und nun auch seine gGmbH – mit zahlreichen als objektiv gesichert ausgegebenen Behauptungen über Politiker/-innen in die Öffentlichkeit.

„Das darf man so nicht sagen“ – laut Mirko Lange

Ein Beispiel dafür, dass es hier um private Meinungen geht und keineswegs um objektiv gesicherte Einordnungen, zeigt sich auf der Trust-now-Seite der gGmbH, auf der das Team um Mirko Lange eine harmlose Äußerung des Junge-Union-Vorsitzenden Johannes Winkel maßregelt (die Fotos von Johannes Winkel auf dem Screenshot habe ich geblendet, weil ich keine Nutzungsrechte daran habe):

Winkel sagt:

Merkels Machterhalt wurde zum Selbstzweck. Schröder hat mit der Agenda 2010 den Mut gezeigt, den Deutschland brauchte.

Dieser Ansicht muss niemand sein – und dennoch ist es eine legitime und zulässige Meinungsäußerung. Das allerdings respektiert Mirko Lange nicht. Was für Mirko Lange zählt, ist ganz offensichtlich nicht, was zulässig ist, sondern was zu seinen Vorstellungen passt. Die „Democracy Intelligence gGmbH“ rüffelt den JU-Vorsitzenden entsprechend auf folgende Weise:

Das wird man doch noch sagen dürfen! Ja, darf man, nur nicht unbedingt so. Johannes Winkel könnte sagen: „Wir sollten Regierungsbilanz an messbaren Zielen prüfen: Beschäftigung, Investitionen, Armutsrisiko, Bildung, Verfahrenstempo. Daraus lässt sich lernen, wo Reformen nötig sind und wie man sie mehrheitsfähig umsetzt.“

Was soll das heißen: „Ja, darf man, nur nicht unbedingt so“? Wie bitte? Verbietet Mirko Lange anderen da den Mund?

Wir dürfen etwas Legitimes also nicht so sagen, wie wir es sagen wollen. Wie wir es sagen sollen, gibt uns Mirko Lange vor. Spätestens damit zeigt sich, dass es hier nicht um die Demokratie geht. In der Demokratie ist Winkels Äußerung schlichtweg zulässig. Worum es bei diesem Projekt hier geht, ist dem Anschein nach einzig die Frage, ob Äußerungen Mirko Lange gefallen.

Bundespräsident falsch geschrieben und herabgestuft

Auch die Glaubwürdigkeit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sinkt laut Mirko Lange. Denn der Bundespräsident nennt es unklug, unliebsame Äußerungen pauschal als rechtsextrem zu diskreditieren. Das schmeckt Mirko Lange überhaupt nicht:

Nun können wir Mirko Langes Meinung natürlich auch hier wieder teilen – doch das ist nicht der Punkt. Wir können sie teilen oder eben auch nicht. Der Punkt ist vielmehr: Sobald ein Konzept Wissenschaftlichkeit für sich beansprucht, und das ist hier der Fall, sind die Meinungen des Initiators unmaßgeblich.

Mirko Lange schreibt dabei nicht nur den Vornamen des Bundespräsidenten falsch, sondern er maßregelt ihn auch. Für Mirko Lange scheint es „wissenschaftlich“ zu sein, Steinmeiers Meinungsäußerung quantifiziert mit einem „D“ zu bewerten, sowie ihm vorzuwerfen, er verstärke mit seiner Rhetorik Misstrauen und Spaltung. Für seine Beurteilung, die natürlich eine zulässige Meinungsäußerung ist, beansprucht Mirko Lange allerdings wissenschaftliche Fundiertheit – und damit ist sein Konzept als Versuch entlarvt, seine Meinungen der Öffentlichkeit als faktisch richtig zu verkaufen. Eine wissenschaftliche Fundiertheit zudem, die sich bislang nicht schlüssig erklärt – die gGmbH betont auf ihrer Website selbst, die Validierung stehe noch aus.

Mirko Langes Begründung für die Herabsetzung der Worte des Bundespräsidenten: Die Äußerung verallgemeinere „Verhalten eines politischen Lagers und nährt das Gefühl von Sprechverbot“.

Das ist lustig, weil Mirko Lange ständig erklärt: Ja, man dürfe etwas sagen, „nur nicht unbedingt so“. Dürfen wir etwas nicht, nennt sich das „Verbot“.

Frage nach Gemeinnützigkeit und Absenderkompetenz

Der Eingriff von Mirko Langes Company in die Meinungsfreiheit durch die Abwertung zulässiger und legitimer Äußerungen ist insgesamt wenig demokratisch. Eher spricht das Gebaren für eine gehörige Portion Intoleranz und Anmaßung. Weshalb sich die Frage stellt: Warum sollte ein Vorgehen, das Art. 5 GG widerspricht, gemeinnützig sein? Und erneut: Welche Wissenschaftler/-innen stehen mit ihren Namen für ein Konzept, nach dem Mirko Langes subjektive Betrachtungen objektiv richtig sind?

Noch konkreter: Welche Relevanz haben Mirko Langes persönliche Beurteilungen von Politiker-Äußerungen, die es rechtfertigt, dass die Veröffentlichung seiner Beurteilungen als gemeinnützig gilt? Inwiefern dient es der Allgemeinheit und der Demokratie, wenn wir uns durchlesen, mit welchen teilweise kruden Argumentationen Mirko Lange die Äußerungen anderer maßregelt?

Und: Wie begründet sich Mirko Langes Absenderkompetenz in der Beurteilung von Informationen und Meinungen? Wann und wo hat er Publizistik, Politikwissenschaft oder ein ähnliches Fach studiert? Die bisherigen handwerklichen Fehler in Mirko Langes Studiendesign (dazu gleich mehr) sind so eklatant und zugleich so simpel, dass sich die Frage nach der fachlichen Expertise stellt. Welche sozialwissenschaftliche Kompetenz also hat Mirko Lange? Laut seinem LinkedIn-Profil ist er PR-Fachwirt und Jurist.

Wie also lässt sich wissenschaftlich herleiten, dass wir etwas sagen dürfen, „nur nicht unbedingt so“? Und zwar so, dass das Konzept das Gütesiegel der Gemeinnützigkeit erhält und Mirko Langes GmbH zulasten der Allgemeinheit keine Körperschaftssteuer zahlen muss?


Nachtrag 13. November 2025

Bei LinkedIn bringt Martina Vogel einen weiteren Hinweis darauf, dass der Öffentlichkeit hier subjektive Meinungen als objektiv untergejubelt werden sollen: Sagt Britta Haßelmann von den Grünen, dass weniger Flüchtlinge nach Europa kommen und nicht nur nach Deutschland, entspricht das Mirko Langes Weltbild und sie bekommt ein „A“. Sagt es dagegen Stephan Mayer von der CSU (bei der „Democratic Intelligence gGmbH“ fälschlicherweise der CDU zugeordnet), widerspricht es Mirko Langes Weltbild und Mayer bekommt ein „C“:

Quelle: https://www.democracy-intelligence.de/trust-now


Nachtrag 18. November 2025

Erneut ist Martina Vogel auf eine Kuriosität gestoßen, die mir so nicht bewusst war. Wie erwähnt, heißt es ja auf der Website der gGmbH, es gebe in einer „erweiterten Community“ Wissenschaftler, Praktiker, „Technologen“ und engagierte Bürger/-innen. In einem Kommentar bei LinkedIn schreibt Frau Vogel nun:

Was ich auf der Homepage sehe hat für mich, zumindest bisher, keinerlei Ähnlichkeit mit dem, was ich sonst an Analysen zum Thema Politik oder Kommunikation kenne und erwarten würde.

Gesucht wird aber aktuell: „Wissenschaftliche Integrität ist der Kern von Democracy Intelligence. Deshalb suchen wir Expert:innen, die uns helfen, unsere Methodik weiter zu verbessern, zu überprüfen und gegenüber Fachkreisen abzusichern.“ (…)

Mein Eindruck bisher: Erstmal Marketing und Programmierung, der Rest findet sich dann schon. Das Team, das inzwischen vorgestellt wird, hat viel KI, Daten und strategische (Unternehmens)Kommunikation in der Berufsbezeichnung. Was ich vermisse: Politikwissenschaft, Sozialwissenschaft oder vergleichbare Kenntnisse bzw. Erfahrung, um politische Kommunikation überhaupt seriös einordnen zu können.

Tatsächlich sucht Mirko Lange mit seiner gGmbH wissenschaftliche Unterstützung:

Tja – offenbar gibt es noch keine wissenschaftliche Integrität und damit auch keinen „Kern“ von „Democracy Intelligence“. Daher wird nach sozialwissenschaftlicher Expertise auch erst gesucht.

Auffällig ist zudem die Formulierung:

unsere Methodik weiter zu verbessern, zu überprüfen und gegenüber Fachkreisen abzusichern

Üblich wäre eine Formulierung wie:

unsere Methodik weiter zu verbessern, zu überprüfen und fachlich abzusichern

… doch hier sind die Fachkreise offenbar Gegner. Es scheint darum zu gehen, etwas gegen Fachkreise zu verteidigen. Wissenschaftlich betrachtet ist der Gedanke Unsinn: Fachkreise sind keine Kraft, die von außen wirkt. Sondern die Entwickler selbst sind hoffentlich Fachkreise.

Und noch etwas sticht ins Auge. Der letzte Satz in diesem Abschnitt:

Jede Form wissenschaftlicher Expertise hilft uns, Demokratie robuster zu machen

… behauptet beiläufig und auf höchst suggestive Weise, Mirko Langes Modell mache – wenn es validiert ist – die Demokratie selbstredend robuster. Der Effekt wird einfach unterstellt. Dabei muss sich genau das erst noch zeigen. Selbst wenn das Modell einmal valide sein sollte, wäre seine Wirkung auf die Demokratie erst noch zu messen.

Menschen mit wissenschaftlichem Hintergrund dürften diese Art der Rhetorik durchschauen, die die gesicherte Wirkung vorwegnehmen soll. Die Möhre an der Angel verspricht: „Wenn du dabei bist, tust du etwas für die Demokratie!“ Dabei wissen wir das noch gar nicht. Tatsächlich geht es erst mal nur um die Validierung eines Konzeptes und noch lange nicht um dessen Impact.

Die Reihenfolge wäre also:

  1. Ziel definieren und – fachlich unterstützt – konkrete Klärung, wie sich ein Effekt auf die Demokratie messen lässt;
  2. Methode entwickeln, die dieses Ziel wissenschaftlich fundiert erreichen kann, und zwar auch hier unter Einbindung von Fachleuten;
  3. Operationalisierung der Textanalysen, um tatsächlich qualifizierte Aussagen über einen Effekt auf die Demokratie treffen zu können;
  4. Durchführung einer Pilotstudie und deren wissenschaftliche Auswertung;
  5. nötigenfalls Nachbesserungen am Konzept;
  6. finales Konzept über eine Erprobungsstudie prüfen;
  7. Effekte auf die Demokratie messen;
  8. Ergebnisse dokumentieren.

Von einer solchen Abfolge können wir hier nur träumen: Mirko Lange argumentiert bereits jetzt, in der Mitarbeiter- und Partnerrekrutierung, mit einem angeblichen Effekt auf die Demokratie. Doch bislang handelt es sich bei diesem angeblichen Dienst an der Demokratie um eine reine Behauptung.

Die dringend nötige Überprüfung des Konzepts sollte zahlreiche Prämissen und Postulate Mirko Langes unter die Lupe nehmen, etwa die folgende Angabe:

Die Gewichtung 35 : 40 : 25 folgt dem normativen Leitbild der Verfassungsdemokratie – und damit dem Geist von Artikel 1 und 20 des Grundgesetzes: der Unantastbarkeit der Würde und der Bindung aller Staatsgewalt an Recht und Wahrheit.

(…)

Die Gewichtung 35 : 40 : 25 ist somit keine ästhetische Setzung, sondern eine verfassungslogische. Sie übersetzt die Grundprinzipien von Würde, Wahrheit und Freiheit in kommunikative Praxis – als Messlatte einer Sprache, die Demokratie nicht nur beschreibt, sondern lebt.

Ich hatte den Screenshot oben schon einmal eingestellt („Die Gewichtung der drei Kategorien“) – nachlesbar ist diese Äußerung unter https://democracy-intelligence.de/modell. Mirko Lange schreibt dort, die Gewichtung sei eine „verfassungslogische“. Doch in welcher Entscheidung erklärt beispielsweise das Bundesverfassungsgericht eine solche Gewichtung? Und was soll „verfassungslogisch“ heißen? Was bedeutet dieses Adjektiv? Hat sich Mirko Lange dieses Adjektiv ausgedacht oder woher kommt es?

Derartige Angaben, die der Öffentlichkeit hier mit einiger Wortgewalt als wohlüberlegt und durchdacht serviert werden, sollten erst einmal untersucht werden, bevor wir uns mit Mirko Langes suggestiver Behauptung befassen, dieses Konzept mache die Demokratie robuster. Erst einmal stellt sich die Frage, ob sein Ansatz überhaupt für sich genommen etwas taugt.


Weiterer Nachtrag 18. November 2025

Inzwischen fällt etwas Weiteres auf: Zahlreiche Fotos in Mirko Langes LinkedIn-Kanal sind nicht mit Bildunterschriften und Fotozeilen versehen. Aus den Medien wissen Sie ja: Unter einem Foto steht meist, was darauf zu sehen ist – und wer es geschossen hat beziehungsweise wem die Rechte daran gehören.

Fotos ohne derartige Angaben sind in zweierlei Hinsicht mit Vorsicht zu genießen:

  • Einmal gehört es zum journalistischen Handwerk, Fotos mit einer Bildunterschrift zu versehen, sodass wir wissen, was darauf abgebildet ist. Nehmen wir die Begegnung zwischen Friedrich Merz und Robert Habeck, die Mirko Lange in einem Beitrag zeigt, der bis heute 14 Mal geteilt wurde. Der Beitrag ist vom 14. November 2025 und trägt die merkwürdige Headline: „Politik ist Durchsetzung. Demokratie ist Gemeinsam.“ (sic!). Wann und bei welcher Veranstaltung haben sich Merz und Habeck so geherzt? Das sollten wir erfahren. Ohne solche Angaben wissen wir beispielsweise nicht, ob ein Foto aktuell oder ein Archivfoto ist. Ein Foto ohne Bildunterschrift verweigert dem Betrachter also die Möglichkeit der Einordnung, sofern es ein Ereignis zeigt.
  • Dann hat ein Urheber nach § 13 des Urheberrechtsgesetzes (UrhG) „das Recht auf Anerkennung seiner Urheberschaft am Werk“. Daher lesen wir in seriösen Medien ständig Fotozeilen wie: „Foto: Max Mustermann“. t-online bringt das erwähnte Merz-Habeck-Foto auch – und zwar mit der Fotozeile „Quelle: Michele Tantussi / REUTERS“. Der Fotograf Michele Tantussi, der das Foto demzufolge gemacht hat, hat bei jeder Veröffentlichung seines Fotos das Recht, als Urheber genannt zu werden. (Übrigens auch bei jedem Share seines Fotos, denn ein Share ist eine weitere Veröffentlichung. Daher verlinke ich den fraglichen Beitrag hier auch nicht.)

Insgesamt entsteht ein merkwürdiger Eindruck:

  • Mirko Lange entlehnt vom markenrechtlich geschützten Nutri-Score-Logo eine sehr ähnliche Darstellung und übernimmt die Farben gemäß dem Nutri-Score-Ampelschema und auch die Buchstaben-Skala A bis E.
  • Er entscheidet sich für die Formulierung „Trust-Score“, obwohl der Wortlaut öffentlich von Trustpilot bekannt ist und obwohl Trustpilot die Version in Großbuchstaben und ohne Bindestrich als Wortmarke führt.
  • Er nutzt in der öffentlichen Kommunikation etwa bei LinkedIn Fotos von Nachrichtenagenturen, ohne Quellen anzugeben.
  • Er nimmt für sein Modell von Anfang an – aggressiv verteidigt – wissenschaftliche Fundiertheit in Anspruch, obwohl er nach einiger deutlicher Kritik inzwischen selbst erklärt, dieses Modell erst noch validieren zu wollen. Es ist also bisher nicht valide, auch laut Website. Die dazu erforderlichen Wissenschaftler/-innen sucht er jetzt.

Für meine Begriffe würde es seriöserweise andersherum laufen:

  • Erst entwickeln wir ein Konzept, das Hand und Fuß hat – und zwar von Anfang an mit einer realen (und nicht nur behaupteten) sozialwissenschaftlichen Expertise.
  • Dann entwickeln wir die Begriffe und Visualisierungen für unser Konzept, und zwar mit eigenen geistigen Schöpfungen, nicht mit fremden.
  • Die Leistungen anderer – wie Wortschöpfungen, Grafiken und Fotos – respektieren wir.
  • Mit Kritikern gehen wir wertschätzend um. Insbesondere missverstehen wir die Leute nicht absichtlich, stellen uns nicht dumm und erheben keine Vorwürfe, die wir sophistisch aus irrelevanten Nebenaspekten zusammenkonstruieren.

Zum Stil, mit Kritik und Kritikern umzugehen, hier ein Beispiel aus diesem Thread bei Martina Vogel:

Die Kritik in dem genannten Thread war und ist deutlich und leicht zu verstehen – bitte lesen Sie selbst nach. Da war nichts kryptisch. Doch Mirko Lange erkennt in der Kritik lediglich geschmackliche Gesichtspunkte. Welche Kategorien für sein Modell möglicherweise sinnvoll sein könnten, fällt ihm seinen Worten zufolge nicht ein.

Indem er dann sagt, sein Modell könne nicht fehlerhaft sein, geht es definitiv nicht mehr um Wissenschaftlichkeit. Seriöse Wissenschaft bedeutet immer, die eigene Fehlerhaftigkeit zu erwägen und gemäß dem Falsifizierbarkeitsgebot Karl Poppers selbst zu eigenen Theorien Gegenargumente zu suchen.

Geht es bei Mirko Langes Modell rein um Geschmack, müssen wir darüber also gar nicht sprechen. Dann handelt es sich einfach um Privatmeinungen. Für diese wiederum sollte Mirko Lange keine Wissenschaftlichkeit beanspruchen.


Nachtrag 21. November 2025: Widerspruchsverfahren zur Wortmarke „Sinnflut“

Auf ihrer Website verwendet Mirko Langes gGmbH die Bezeichnung „Sinnflut“:

Tatsächlich hat Mirko Lange den Terminus „Sinnflut“ als Wortmarke angemeldet. Wobei es die Wortmarke „Sinnflut“ bereits seit 2021 gibt, allerdings nicht unter dem Namen Mirko Lange (Registernummer 30201008035). Ferner existiert die Wortmarke „SINNFLUT“ in Großbuchstaben seit 2003 – ebenfalls nicht unter dem Namen Mirko Lange (Registernummer 30347428).

Alle drei Wortmarken sind für die Klasse 35 eingetragen bzw. angemeldet (Werbung, Marketing und Verkaufsförderung).

Interessant ist jetzt, dass bei Mirko Langes Markenanmeldung seit Anfang dieser Woche (seit dem 17. November 2025) das Widerspruchsverfahren läuft. Das heißt: Die Inhaberschaft an der Marke „Sinnflut“ ist derzeit in der Diskussion.

Und: Laut „Changelog“ benennt die gGmbH den „Trust-Score“ in „Democracy-Score“ um (Eintrag vom 20. November 2025).


Dies soll nun als Vorspann und neue Einleitung genügen. Von hier an lesen Sie den ursprünglichen Blogbeitrag mit seinen Ergänzungen.

Im Folgenden findet sich naturgemäß auch die Kritik an den bisherigen Versionen von Mirko Langes „Trust-Score“-Modell, etwa an dem zunächst vorgesehenen und heftig kritisierten Ausschlussprinzip.

Von diesem Ausschlussprinzip hat sich Mirko Lange inzwischen verabschiedet, weswegen die Betrachtung der Genese dieses Modells aber nicht weniger aufschlussreich ist. Es knirscht methodisch und logisch an allen Ecken, so wie auch jetzt noch. Auf berechtigte Kritik reagiert Mirko Lange immer wieder unsachlich und ablenkend.


Ursprünglicher Blogbeitrag von Anfang an, beginnend mit Stand 30. September 2025

Der PR-Berater Mirko Lange veröffentlicht unter dem Label „Democracy Intelligence“ sogenannte „Trust-Reports“ über Äußerungen von Politikern. Es ist ein Versuch, eine Art Ampel wie beim „Nutri-Score“ für Äußerungen zu entwickeln. Es geht also darum, qualitative Bewertungen zu quantifizieren.

Am Ende erfahren wir beispielsweise: Heidi Reichinnek von der „Linken“ äußere sich bei Caren Miosga zu 55 Prozent „wahr“. Nancy Faeser (SPD) bei Markus Lanz: 17 Prozent „wahr“. Donald Trump vor der UNO: 19 Prozent „wahr“. Markus Söder (CSU) bei Markus Lanz: 8 Prozent „wahr“.

In einem LinkedIn-Beitrag zeigt Mirko Lange, wie er die jeweiligen Äußerungen codiert. Bitte schauen Sie dort nach dem PDF „Beispielreport und Erläuterung“ – Sie können das PDF aus LinkedIn heraus mit dem Acrobat Reader öffnen und herunterladen (DESINFO-Report-Vorlage.pdf).

Wissenschaftliche Kriterien laut Mirko Lange

Auf Seite 3 dieses „Beispielreports“ schreibt Lange:

Die Methodik wurde von der „Democracy Intelligence gGmbH“ nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt, einer gemeinnützigen, privat finanzierten Organisation. Die gGmbH wurde am 25.09.2025 gegründet und befindet sich im Aufbau.

Heute ist der 30. September und es sind schon einige „Reports“ online. Wer genau diese „Methodik“ entwickelt hat, erfahren wir nicht. Welche Wissenschaftler/-innen mit welchen Qualifikationen stehen dahinter? Von einem Wissenschaftspartner, etwa einem Institut für empirische Sozialforschung, ist zumindest nach meinen Recherchen nicht die Rede.

Um einzuordnen, was es mit dieser „Methodik“ auf sich hat, sollten wir uns das Dokument DESINFO-Report-Vorlage.pdf genauer anschauen – hier erklärt Lange, wie er vorgeht. Bitte schauen Sie dazu auf Seite 9, auf der der „DESINFO-Score“ als „wissenschaftlich fundierte Kategorisierung politischer Kommunikation“ bezeichnet wird. Weiter heißt es, der DESINFO-Score sei „ein sozialwissenschaftlich entwickeltes Analyseinstrument, das politische Aussagen nicht moralisch bewertet, sondern systematisch kategorisiert“.

Es besteht also der Anspruch an eine gewisse Objektivität. Mirko Lange distanziert sich ausdrücklich davon, moralisch zu bewerten. Was allerdings spannend wird, wenn wir uns weiter unten anschauen, wie die „Democracy Intelligence gGmbH“ die jeweiligen Äußerungen einordnet. (Spoiler: Sie bewertet sie häufig.)

Kritik ist offiziell willkommen

Auch macht Lange klar, dass sich das Modell „noch in der Entwicklung“ befindet – obwohl es bereits als „sozialwissenschaftlich entwickeltes Analyseinstrument“ dargestellt wird und obwohl schon mehrere Dokumente erschienen sind, die Politiker/-innen einen geringen Wahrheitsgehalt bescheinigen. Lange schreibt:

Wir stellen es bewusst schon jetzt zur Diskussion, um Transparenz zu schaffen, Kritik aufzunehmen und gemeinsam an einer robusten, wissenschaftlich fundierten Methodik zu arbeiten.

Wer mit „wir“ gemeint ist, bleibt unklar. Als Absenderin des Dokuments wird die gGmbH aufgeführt, und auf Seite 3 unten sehen wir nur das Foto von Mirko Lange als Gründer dieser gGmbH. Auf Seite 9 seines PDFs schreibt Lange:

Die Codierung folgt festen Regeln, die intersubjektiv überprüfbar sind – das heißt: verschiedene geschulte Codierer:innen kommen bei Anwendung des Codebuchs in hohem Maß zu denselben Ergebnissen (Reliabilität).

Möglicherweise meint er diese vielen Codiererinnen und Codierer mit „wir“. Ein Gruppenfoto wäre schön, damit wir wissen, wer sich diese ganze Arbeit macht.

Codebuch mit Definitionen und Kriterien

Ansonsten stellt Mirko Lange Transparenz her: Er veröffentlicht in dem erwähnten PDF das Codebuch mit Definitionen und Prüffragen, und er veröffentlicht vor allem die einzelnen Äußerungen der gescreenten Politikerinnen und Politiker und deren jeweilige Einordnung samt Begründung. Wir können also tatsächlich im Detail nachvollziehen, ob die Einordnungen dieser Äußerungen Hand und Fuß haben. (Spoiler: Haben sie in vielen Fällen nicht. Siehe unten.)

Zusammenfassend ist also zunächst der Eindruck, dass wir es hier mit einem Widerspruch zu tun haben: Einerseits ist das Modell laut Mirko Langes Darstellung entwickelt, und zwar nach professionellen wissenschaftlichen Maßstäben. Und Mirko Lange nutzt es auch bereits und behauptet damit öffentlich über verschiedene politische Akteure verschiedene Prozentzahlen, die deren Glaubwürdigkeit angeblich objektiv beziffern. Andererseits soll „an einer robusten, wissenschaftlich fundierten Methodik“ erst noch gearbeitet werden.

Bisherige Reaktion auf Kritik

Zugleich wird Kritik bereits umfangreich geübt, etwa in einem Thread von Martina Vogel bei LinkedIn. Frau Vogel drückt sich verständlich aus und führt konkrete Punkte an (schon in der Auswahl der Äußerungen stecke eine Bewertung, die Verzerrungen enthalten kann; Zwischentöne blieben unberücksichtigt; ein Ausschlussverfahren, das als wahr anerkenne, was nicht falsch, delegitimierend, verzerrend oder framend ist, sei wenig hilfreich u.a.).

Mirko Lange reagiert auf die Kritik beispielsweise auf diese Weise (Widerspruch bei der Zahl der Fragen im Original):

Liebe Martina Vogel,

herzlichen Dank für Ihr ausführliches Feedback und dass Sie sich so intensiv mit dem DESINFO-Index auseinandersetzen.

Ich habe eine Einladung an Sie: Mögen Sie einmal über drei Fragen nachdenken – und sie vielleicht sogar beantworten?

1. Was finden Sie am DESINFO-Index hilfreich oder gelungen?

2. Glauben Sie, dass man auch ohne Lügen, Delegitimierungen, Verzerrungen und Frames sprechen kann – unabhängig von Kontext oder Setting?

3. Und was wäre die Alternative zu diesem einfachen System (analog zum bekannten NUTRI-Score)? Ein extrem komplexes System, das alle Varianten berücksichtigt?

4. Was ist denn Ihr Vorschlag: Gar nichts machen, weil es keine perfekte Lösung gibt.

Danke schön!

Es entsteht der Eindruck, Mirko Lange wolle diskutieren, statt einfach die Kritikpunkte zur Kenntnis zu nehmen. Seine teils unnötigen und teils suggestiven Fragen geben einen Hinweis darauf, wie offen Mirko Lange für Kritik tatsächlich ist:

  • Frage 1 hat nur Sinn, wenn statt Kritik Lob gefragt ist;
  • Frage 2 eröffnet eine allgemeine theoretische Diskussion, die von der Kritik wegführt;
  • Frage 3 suggeriert, das Modell sei ausreichend wissenschaftlich korrekt wie der „Nutri-Score“ und daher als „einfaches“ System gut – und jede Alternative sei „extrem komplex“ (und damit unbrauchbar);
  • Frage 4 schließlich vermittelt, dass das vorliegende Modell das bestmögliche sei und es daneben nur die Wahl gäbe, gar kein Modell zu entwickeln. Und sie verkennt, dass der Kritiker nicht besser machen muss, was er kritisiert („Was ist denn Ihr Vorschlag?“). Die Aufgabe, das Modell zu entwickeln und zu korrigieren, bleibt allerdings beim Entwickler, der für Kritikpunkte dankbar sein sollte.

In Frau Vogels Thread schreibt Mirko Lange dann nach einiger Zeit, er wolle „die Diskussion abschließend einordnen“, obwohl es nicht an ihm ist, eine öffentliche Diskussion über ein der Öffentlichkeit als fundiert vorgestelltes Konzept zu beenden (Schreibfehler im Original):

Liebe Diskutierende,

nach intensivem Austausch möchte ich die Diskussion abschließend einordnen:

Was hier als Kritik diskutiert wurde, ist bei genauer Betrachtung ein „Feature Request“ für ein anderes Tool. Der DESINFO-Index misst *per design* ausschließlich epistemische Integrität – also „wie“ wird argumentiert. Es misst nicht, wer spricht oder welche politischen Folgen drohen. Das ist kein „Fehler“, sondern das zentrale Feature.

Gleich zu Beginn hatte ich nach dem ZWECK der Anmerkungen gefragt. Diese Frage blieb leider trotz mehrfacher Nachfrage unbeantwortet. Stattdessen wurde kritisiert, dass der Index keine moralisch-politischen Dimensionen erfasst, dass Trump und Söder ähnliche Werte erhalten, dass „menschenfeindliche“ Aussagen nicht gesondert markiert werden. Das sind berechtigte Wünsche – aber für ein anderes Projekt. Es ist, als würde man einem Thermometer vorwerfen, dass es nicht den Blutdruck misst.

Das Tool soll unpolitisch die Struktur von Argumenten analysieren. Wer ein Tool zur Bewertung politischer Gefährlichkeit sucht, braucht etwas anderes. Diese Klarheit hätte die Diskussion von Anfang an prägen können, wenn meine Frage nach dem Zweck beantwortet worden wäre.

Ich Danke für die engagierte Debatte.

Auf die von Martina Vogel konkret benannten Kritikpunkte (insbesondere auf die Kritik am Ausschlussverfahren) geht Mirko Lange nicht ein, soweit ich das überblicke – also insbesondere auf die Frage, wie sinnvoll es ist, die Abfrage der einen Kategorie durch eine andere einzuschränken.

Eine Erwiderung, aus der hervorginge, weshalb gerade dieses kritisierte Ausschlussverfahren sinnvoll sein sollte, entnehme ich Mirko Langes Worten nicht. Wichtiger scheint ihm die Frage zu sein, wozu Frau Vogel das Konzept kritisiert, obwohl sich diese Frage in einer Methodendiskussion nicht stellt und als Ablenkungsmanöver bezeichnet werden darf.

Es wäre klug, sich auf Kritik einzulassen

Ein wissenschaftlich geübtes Team würde sich dieser Kritik entsprechend öffnen. Insbesondere würde es nicht fragen, was ein Kritiker am „Desinfo-Index“ hilfreich oder gelungen fände, sondern es würde sich für die Verbesserungsmöglichkeiten interessieren. Und es würde nicht so tun, als sei Klarheit über den Zweck der Kritik die Voraussetzung dafür, sich damit auseinanderzusetzen.

Obwohl Mirko Lange also nach eigenen Worten offen für Kritik ist, reagiert er auf Kritik in einer Weise, die im Wissenschaftsbetrieb zumindest unüblich ist. Zahlreiche mühsam beschriebene Kritikpunkte bei LinkedIn laufen ins Leere – auch weil Mirko Lange den Fokus der Diskussion auf die Intention von Kritik lenken will und in diesem unwesentlichen Punkt insistiert. Daher ist es geboten, die Kritikpunkte außerhalb von LinkedIn noch einmal im Detail zu erörtern – beispielsweise hier, schon wegen der erforderlichen Textlänge.

Kurz: Verfängt der im Grunde leicht nachzuvollziehende Hinweis aufs Ausschlussverfahren bei LinkedIn nicht und bedarf er tiefergehender Begründung, müssen wir an einer Stelle ohne Textlängenbegrenzung beschreiben, worin dabei das Problem liegt.

Problem 1: Das Kategorienschema

Kommen wir zu den einzelnen Punkten, beginnend mit dem Kategorienschema.

Nach der Beschreibung auf Seite 9 „gilt eine Prioritätenhierarchie“:

Wenn eine Aussage objektiv widerlegt werden kann, fällt sie in „Falsch“. Liegt keine Lüge vor, wird geprüft, ob die Aussage abwertend-delegitimierend ist, andernfalls ob sie eine Verzerrung enthält, dann ob sie lediglich einen Frame darstellt. Erst wenn keine Verzerrung oder Rahmung erkennbar ist, gilt die Aussage als „wahr“.

Ja, ich weiß, dass der Denkschritt zu schnell ist. Aber so ist die Logik. Erst wird gecheckt, ob etwas falsch ist. Ist es falsch, ist es für Mirko Lange sofort gleichbedeutend mit „Lüge“. Dass es Irrtümer gibt, fällt bei seinem Ansatz unter den Tisch.

Lange betont seine sofortige Einordnung jeglicher angeblich unwahrer Behauptungen als Lügen auf Seite 12 selbst erneut. Er schreibt zu Kategorie 1: „Lüge prüfen“, und dann kommt schon der nächste Schritt zu Kategorie 2 („Wenn keine Lüge: Delegitimierung prüfen“). Er schreibt nicht: „Unwahrheit prüfen“. Was nicht stimmt, gilt in diesem Konzept also automatisch als gelogen.

Dabei haben wir es auch mit der Problematik zu tun, dass offenbar nur Äußerungen auf „delegitimierend“ geprüft werden, die nicht schon bei Kategorie 1 im Raster „Falsch“ hängen geblieben sind.

Keine als „delegitimierend“ codierte Äußerung kann also falsch sein. Das ist zwar Unsinn, aber es ist die Logik in diesem Studiendesign.

Bevor wir uns jedoch der Hierarchie innerhalb dieser Prioritäten widmen (und dem erwähnten kritisierten Ausschlussverfahren), schauen wir uns die Kategorien selbst an. Denn schon anhand der Beschreibung liegt nahe, dass bereits bei der ersten Kategorie der Wurm drin ist.

In dem Wissenschaftsteam um Mirko Lange müsste es einigen Widerstand gegen dieses Setting gegeben haben – und die Frage ist, warum sich das Setting durchsetzen konnte. Spätestens im Peer Review hätten die Macher das Feedback bekommen müssen, das ich hier jetzt zusammenschreibe.

Die Kategorien, die eine Äußerung durchläuft, lauten:

  • Kategorie 1: „Falsch“. Dies definiert die gGmbH damit, dass etwas konkret widerlegt ist. Also: Nur, wenn real das Gegenteil bewiesen ist, gilt eine Aussage als falsch. Zugleich wird sofort von „Lüge“ gesprochen. Irrtümer bleiben ebenso unberücksichtigt wie nicht überprüfbare Unwahrheiten, wie sie nach dem Prinzip „Prove me wrong“ in der Demagogie häufig vorkommen (der Spruch „Prove me wrong“ stand auf Charlie Kirks Sonnenschirm). Ist also eine Äußerung nicht konkret widerlegbar („In einer Höhle auf dem Mars liegt ein kaputter Staubsauger“), bleibt sie nicht in Kategorie 1 („Falsch“) hängen, sondern rückt zur nächsten Kategorie vor (denn es könnte ja sein, dass Elon Musk in einer Geheimaktion einen solchen Staubsauger platziert hat, um übermorgen damit herauszukommen). Auch sind viele Dinge schlicht unklar – wir wissen es nicht. Oder denken wir an Meinungsäußerungen (im Unterschied zu Tatsachenbehauptungen nicht „dem Beweis zugänglich“, wie Medienrechtler sagen): Wie sollen wir eine Meinung nach Kategorie 1 prüfen? Meinungen sind nicht richtig oder falsch. Diese Dinge fallen unter den Tisch.
  • Kategorie 2: „Delegitimierung“. Das heißt nach Mirko Lange Abwertung oder Untergrabung. Darauf werden die nicht-falschen Äußerungen untersucht, die die Prüfung nach Kategorie 1 überstanden haben. Wir sprechen also über eine Intention des Sprechers, wobei interessant ist, woher wir wissen wollen, was jemand intendiert. Wir können es möglicherweise vermuten. Im Zweifel gilt in der Textanalyse offenbar dann die Interpretation Mirko Langes beziehungsweise der Codierer, wobei Lange wie gesagt explizit betont, dass die Codierung intersubjektiv überprüfbaren Regeln folge.
  • Kategorie 3: „Verzerrung“. Ist eine Äußerung nicht falsch und nicht delegitimierend, wird sie darauf geprüft, ob sie verzerrend ist. Es geht um Übertreibungen, Verkürzungen oder Kontextausblendungen.
  • Kategorie 4: „Frame“. Was nicht falsch, nicht delegitimierend und nicht verzerrend ist, läuft durch die Prüfung „Frame“: „Sprachliche Deutungsrahmen, die neutrale Sachverhalte emotional oder normativ aufladen, ohne sie faktisch falsch oder delegitimierend darzustellen. Mutmaßliches Ziel ist erneut, die eigene politische Position zu stärken oder die gegnerische Position zu schwächen.“ Auch hier wird eine Intention unterstellt („mutmaßliches Ziel“).
  • Kategorie 5: „Wahr“. Was jetzt noch übrig ist, fällt – so verstehe ich es – automatisch in die Kategorie „wahr“. Beispielsweise gelten dann auch Meinungen als wahr, die die vorigen Checks überstanden haben. Aber so sinnvoll oder klug eine Meinung auch sein kann – wahr ist sie nie. Eine Meinungsäußerung dürfte also keine Wahr/falsch-Prüfung durchlaufen.

Ich denke mal, Ihnen ist jetzt schon klar, dass dieses Kategorienschema problematisch ist. Unsere Behauptung eines Staubsaugers auf dem Mars würde hier als wahr durchgehen – wie auch unwiderlegbare Spekulationen, sofern sie nicht delegitimieren, verzerren oder framen. Alles als „wahr“ zu klassifizieren, was sich nicht konkret widerlegen lässt und was weder delegitimiert noch verzerrt noch ein Framing darstellt, ist mindestens fragwürdig. Denn weder „delegitimierend“ noch „verzerrend“ noch „Framing“ sind Alternativen zu „wahr“ oder „falsch“.

Auch wie Meinungsäußerungen auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden sollen, bleibt ein Rätsel.

Und dann kommt gleich als zweites die Frage, ob eine Äußerung jemanden oder etwas abwertet. Eine Äußerung wohlgemerkt, die nicht falsch ist, denn sonst wäre sie ja bereits in Kategorie 1 im Raster hängen geblieben.

Das alles wirkt auf mich wie Kraut und Rüben. Die Auswahl der Merkmale erscheint mir völlig beliebig.

„Falsch“ im Sinne von „unwahr“ kann ich in Bezug auf Tatsachenbehauptungen noch nachvollziehen, doch alleine diese Kategorie bedürfte einer exakten Methodik, in der wir dann auch präzise genug sind und Lügen von Irrtümern abgrenzen und auch die Unklarheiten berücksichtigen. Aber bereits der Begriff „Delegitimierung“ bezeichnet eine Intention, also den Zweck einer Äußerung. Dieselbe Dimension gilt aber möglicherweise auch bei „Verzerrung“ und „Frame“.

In gewisser Weise unterscheidet Lange also die Kriterien „wahr/falsch“ und „gute/böse Absicht“. Dabei bilden die Kategorien 2, 3 und 4 enorme Schnittmengen, während die Kategorien 1 und 5 zueinander komplementär sind – sofern wir nicht noch eine Kategorie „unklar“ einführen.

Konkret: Ein Kategorienschema aus „wahr“, „unklar“ und „falsch“ ergäbe Ω (= 100 Prozent), wobei keine Kategorie eine andere überlappt, und wäre damit einigermaßen brauchbar. Aber hier haben wir einen Kategorienquark, der es letzten Endes kaum erlaubt, sinnvolle (valide) Erkenntnisse aus dem Setting abzuleiten.

Problem 2: Die Prioritätenhierarchie

Gehen wir jetzt etwas tiefer auf das zweite Problem ein, das Mirko Lange auf die Kritik von Martina Vogel hin nicht als Problem erkennen konnte oder wollte: das Ausschlussverfahren, also das Abhaken der Reihe nach, bis ein Kriterium zutrifft. Die Prozentzahlen, die am Ende herauskommen, sind deswegen geradezu unsinnig.

Schauen Sie in dem Dokument „DESINFO-Report-Vorlage.pdf“ bitte auf Seite 4: Dort sehen Sie unter der Überschrift „Quantifizierung“, dass beispielsweise das Kriterium „Frame“ in einem Fall 22 Prozent ausmacht. Die Aussage lautet also: 22 Prozent der Äußerungen sind Framings. Tja – Pech ist nur, dass 1+11+16=28 Prozent der fraglichen Äußerungen gar nicht auf ein Framing untersucht wurden, weil sie in der Kategorie 1, 2 oder 3 im Raster hängen geblieben sind. Die Aussagekraft der 22 Prozent geht also gegen null. Bestenfalls können wir sagen, dass mindestens 22 Prozent der Äußerungen Framings sind.

(Einmal davon abgesehen, dass gerade in diesem Beispiel die Summe der Prozentzahlen 101 Prozent ergibt, wogegen das Wissenschaftsteam um Mirko Lange ebenfalls hätte protestieren müssen. Auch wenn die absolute Zahl 101 beträgt, ergeben die Prozentzahlen in Summe 100, darstellbar mithilfe von Nachkommastellen. Aber es wissen ja alle, was gemeint ist, also gut.)

Delegitimierende Unwahrheiten spielen keine Rolle

Ebenfalls fällt unter den Tisch, dass es zahlreiche delegitimierende Unwahrheiten gibt – und zwar in erster Linie. Gerade in der russischen Desinformation sind Herabwürdigungen meist mit Lügen verbunden – etwa wenn die Familie Selenskyj des unangemessenen Reichtums bezichtigt wird. Solche Unwahrheiten hätten nach dem Modell von Mirko Lange keine Chance, als delegitimierend eingeordnet zu werden, weil sie schon als Unwahrheit abgelegt sind.

Dass Unwahrheiten auf ihren delegitimierenden Charakter nicht geprüft werden, ist erstens schade: Wie viele und welche Unwahrheiten delegitimerend wirken, wäre überaus interessant. Und zweitens ist es Murks, weil sich bei dieser „Methodik“ nur Aussagen als delegitimerend erweisen können, die nicht falsch gemäß Kategorie 1 sind. Ich sehe keinen sinnvollen Grund, sich auf nicht-falsche delegitimierende Äußerungen zu beschränken.

Dieses schrittweise Abfragen mit jeweiligem Iterationsstopp sieht die „Methodik“ offenbar nur deswegen vor, damit am Ende bei jedem Politiker 100 Prozent herauskommen – obwohl die Kategorien ohnehin kein sinnvolles Kategorienschema bilden. Die Summe aus falschen, delegitimierenden, verzerrenden, framenden und wahren Aussagen ergibt kein Tortendiagramm von 100 Prozent, sondern es wäre ein Diagramm angezeigt, dessen Summe mehr als 100 Prozent betragen kann, schon weil sich bereits „wahr“ und „falsch“ komplementär zueinander verhalten.

Aber so darf eine Äußerung stets nur einer Kategorie entsprechen und niemals mehreren – obwohl die Kategorien einander in weiten Teilen nicht ausschließen und zahlreiche Äußerungen natürlich auch mehreren Kategorien zuzuordnen sein können. Auch hier hätte das Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die dieses „sozialwissenschaftlich entwickelte Analyseinstrument“ gemeinsam designt haben, bereits weit vor der Veröffentlichung einige Diskussionen führen müssen.

Die Summe der Prozentzahlen ergibt 100, da Äußerungen nicht weiter geprüft werden, sobald sie in eine Kategorie gefallen sind. Damit aber sind die Prozentzahlen kaum zu gebrauchen. Wobei sich in diesem Fall hier 101 Prozent ergeben.

Das heißt: Wenn Mirko Lange behauptet (und die Verantwortung für diese Behauptung auf eine angeblich nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelte „Methodik“ schiebt), nur 8 Prozent der Äußerungen des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder in einer bestimmten Talkrunde seien „wahr“, dann schließt das Publikum daraus natürlich, dass Söder zu 92 Prozent lügt. Der verständige Mensch rechnet nicht wie Mirko Lange, der uns erklärt, von Benjamin Netanjahus Äußerungen seien 4 Prozent falsch und 19 Prozent wahr. Was ist mit dem Rest?

Nun könnte man vermuten, die Differenz zu 100 sind eben Meinungen, die sich nicht auf „wahr“ oder „falsch“ prüfen lassen. Doch für Meinungen sieht das Schema keine Kategorie vor. Das Delta zu 100 füllen de facto lediglich die Merkmale „Delegitimierung“, „Verzerrung“ und „Frame“. Gewöhnliche und nicht zu beanstandende Meinungsäußerungen ordnet dieses Konzept als solche nicht ein. Meinungen finden in Mirko Langes Konzept den Unterlagen zufolge gar nicht erst statt. Sie werden der Beschreibung zufolge auch nicht vor der Analyse aussortiert, etwa weil sie sich jeder Wahr/falsch-Prüfung entziehen.

So müsste eine Meinungsäußerung wie „Brokkoli schmeckt besser als Spinat“ alle Filter durchlaufen und am Ende als „wahr“ codiert sein, obwohl sie eine Meinungsäußerung ist und als solche nicht „wahr“ sein kann (es sei denn natürlich, ein Codierer sähe darin eine Delegitimierung von Spinat). Dann wäre diese Äußerung zwar nicht falsch, aber auch nicht wahr, weil sie delegitimierend ist. Und das ist logisch betrachtet Nonsens. Eine Äußerung kann auch weder wahr noch falsch sein, indem sie einfach eine legitime und zulässige Meinungsäußerung ist.

Aussagen ohne Aussagekraft

Die Verwirrung könnte Sinn der Sache sein – zumal dann, wenn tatsächlich eine sozialwissenschaftliche Qualifikation dahintersteckt, was ja behauptet wird. Liegt empirische Kompetenz vor (wie lassen sich gesicherte Erkenntnisse gewinnen?), ist davon auszugehen, dass das Konzept bewusst Kategorien durchmischt, die wenig vergleichbar sind.

Folgende Überlegung: Die Kategorien 1 bis 4 sind nach Mirko Langes Definition nicht „wahr“. Die Option „wahr“ bleibt in Mirko Langes Logik nur übrig, wenn alle negativen Möglichkeiten abgegrast sind, was den Anteil wahrer Aussagen geradezu gewaltsam verkleinert. Nach dieser Logik ist nahezu nichts wahr, was jemand sagt.

Gehen wir nicht von Absicht aus, können wir sagen: Das Konzept verkennt, dass „wahr“ und „falsch“ (und meinetwegen „unklar“) Ω ergeben, zumindest bei Tatsachenbehauptungen (nicht bei Meinungsäußerungen, weil die nicht wahr oder falsch sein können). Was nicht wahr ist, ist unwahr – auch wenn es darüber hinaus möglicherweise verzerrend ist. Etwas ist nicht wahr oder falsch oder verzerrend, sondern etwas ist wahr oder falsch oder unklar. Und weil nun im Kopf der Leute „wahr oder unwahr“ abgespeichert ist, schließt der durchschnittliche Betrachter von der Behauptung „8 Prozent wahr“ auf „92 Prozent unwahr“.

Wenn wahre Aussagen nicht als wahr codiert werden

Suchen wir nach einer Intention für dieses krude Kategorienschema, könnte sie – am Ergebnis gemessen – denkbarerweise darin liegen, Politikern einen möglichst geringen Wahrheitsgehalt zu bescheinigen und damit einen geringen Glaubwürdigkeitswert. Wobei dann (siehe unten) noch hereinspielt, wie Mirko Lange den Wahrheitsgehalt von Meinungen zu quantifizieren versucht.

Am Ende beschränkt sich die Aussagekraft der Behauptung „8 Prozent“ darauf, dass 8 Prozent von Söders Äußerungen durch die Kaffeefilter 1 bis 4 durchgelaufen sind. Mehr heißt diese Zahl erst mal nicht. Auch trifft sie keine Aussage über den Wahrheitsgehalt von Söders Auftritt insgesamt. Denn sobald eine wahre Aussage beispielsweise als Framing oder verzerrend kategorisiert ist, hat sie keine Chance mehr, später als „wahr“ festgehalten zu werden. Sie fliegt ja infolge des kritisierten Ausschlussverfahrens vorher raus.

Und selbstverständlich können wahre Aussagen einen Spin haben – meine Seminarbeispiele lauten hier: „Es ist schon 5 Uhr“ und „Es ist erst 5 Uhr“. Erkennt ein von Mirko Lange geschulter Codierer in der Aussage „Es ist schon 5 Uhr“ das tatsächlich vorhandene Framing oder die Verzerrung, senkt sie den Wahrheitsscore des betroffenen Politikers, weil sie sofort unter „Framing“ oder „Verzerrung“ eingeordnet wird und damit nicht mehr als „wahr“ festgehalten werden kann – auch wenn sie wahr ist.

Die Idee, mithilfe einer solchen Logik zu behaupten, Söders Äußerungen in einem Talk seien nur zu 8 Prozent wahr, und diese Behauptung gegenüber der Öffentlichkeit als sozialwissenschaftlich fundiert zu bezeichnen, halte ich persönlich für hochgradig kritisch – vor allem wenn es im Kontext um Falschinformationen geht, die das Konzept laut eigener Darstellung entlarven will.

Lügt Heidi Reichinnek zu 45 Prozent?

Insgesamt erscheint die politische Landschaft nach Langes Zahlen als ein einziger Paulanergarten, in dem nahezu alle Politiker geringe Wahrheitswerte bescheinigt bekommen. Laut Seite 6 im Codebuch äußert sich niemand „wahrer“ als zu 55 Prozent (Heidi Reichinnek). Was für den durchschnittlichen Betrachter heißt, dass auch Frau Reichinnek zu 45 Prozent lügt. Ich bin zwar kein Reichinnek-Fan, aber auch sie äußert sich gewiss nicht nur zu 55 Prozent wahrheitsgemäß.

Es zeigen sich insbesondere hier drei berechtigte Kritikpunkte:

  • Bereits die Grundüberlegung ist unzutreffend, was nicht eindeutig widerlegbar ist, nicht delegitimierend und nicht verzerrend oder framend, sei wahr. So hat das Merkmal „delegitimierend“ keine Aussagekraft bezüglich des Wahrheitsgehalts. Und auch Framings können stimmen.
  • Ein weiterer methodischer Fehler ist die Ignoranz der Frage, wie mit Meinungsäußerungen umzugehen ist, die ja schon per Definition nicht wahr oder falsch sind. Selbst wenn eine harmlose Meinungsäußerung durch Filter 1 als „keine Lüge“ durchgeht, gibt es keine Kategorie außer „wahr“, in der sie am Ende landen kann, wenn sie nicht delegitimierend, verzerrend oder framend ist. Damit zählt Mirko Langes Konzept Meinungsäußerungen als wahre Tatsachenbehauptungen, was sachlich falsch ist. Selbst die klügste Meinung ist nicht wahr.
  • Und vor allem, wie gesagt, hat in Mirko Langes Modell keine wahre Aussage eine Chance, als wahr erkannt zu werden, wenn sie vorher in einer anderen Kategorie im Raster hängen geblieben ist.

Sauber wäre es, Behauptungen und Meinungen zu trennen

Sauber wäre es in meinen Augen, das Kategorienschema zu verwerfen und ein konsistentes Kategorienschema aus Kategorien zu entwickeln, die einander trennscharf ausschließen. Können mehrere Kategorien auf eine Äußerung zutreffen, ist es Humbug, auf eine Überprüfung in manchen Kategorien zu verzichten, sobald eine andere Kategorie gilt.

Denn natürlich können Verzerrungen framen oder auch delegitimieren und zugleich dennoch wahr oder auch falsch sein. Und hier haben wir es mit einem Kategorienschema zu tun, in dem die Kategorien 1 und 5 gemeinsam Ω ergeben und die Kategorien 2, 3 und 4 die Kategorien 1 und 5 nicht ausschließen.

So, wie sich Mirko Lange das aktuell denkt, funktioniert es nur bei Kategorien, die in der Summe Ω ergeben, also die Gesamtheit. Wenn etwas keine Katze ist, fragen wir, ob es ein Hund ist. Ist es kein Hund, fragen wir, ob es ein Vogel ist. Bis wir das richtige Tier haben.

Aber in Mirko Langes Setting sind die Ergebnisse unsinnig, weil die Optionen einander nicht ausschließen und weil er falsch sortiert: Wir können gar nicht sagen, inwieweit die Äußerungen eines Politikers Framings darstellen, wenn wir beispielsweise delegitimierende Verzerrungen gar nicht erst aufs Framing prüfen, weil wir sie schon unter „Delegitimation“ eingeordnet haben.

Und vor allem sollten nur die Tatsachenbehauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden, damit nicht die sofort als „Lügen“ bezeichneten Meinungsäußerungen den Glaubwürdigkeitswert des Betroffenen schmälern.

Aktuell senkt jede Meinungsäußerung, die Mirko Langes Codierer durch Argumentationen (nicht etwa durch Gegenbeweise) ablehnen, den Wahrheitswert und damit den Glaubwürdigkeitsindex des betreffenden Politikers oder der betreffenden Politikerin insgesamt. Mirko Lange stellt hier also sehr rigoros und kompromisslos Behauptungen über Menschen auf, kaschiert als „wissenschaftlich fundiert“, die mehr als angreifbar sind – auch weil es mit der angeblichen Wissenschaftlichkeit nicht weit her ist.

Die fehlende Trennung zwischen Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen gleich zu Beginn erscheint mir als der schwerwiegendste Fehler – dadurch erweisen sich zahlreiche „Erkenntnisse“, die sich in der Folge ergeben, als wenig brauchbar.

Problem 3: Die Objektivierung des Subjektiven

Inwiefern Mirko Langes Ansatz wenig brauchbar ist, zeigt sich dann vor allem in der Bewertung bzw. Einordnung der Äußerungen selbst. Es ist dabei fast egal, welchen der „Trust-Reports“ oder „Desinfo-Reports“ wir nehmen. Nehmen wir Außenminister Johann Wadephul (CDU) bei Caren Miosga. Schauen Sie sich einfach die Zusammenfassung der Aussagen an:

Screenshot aus dem Report von Mirko Langes gGmbH: Schon die Zusammenfassung der Äußerungen Wadephuls ist voller Bewertungen. Wichtig: Der Begriff „Trustscore“ ist eine Wortmarke von Trustpilot.

Was schreibt Lange hier über Wadephul? Einen Absatz voller Bewertungen, obwohl es doch angeblich nur um sachliche Einordnungen geht:

Johann Wadephul zeigt sich in der Miosga-Sendung als Meister des diplomatischen Ausweichens. Er verweigert klare Urteile über Trump, relativiert dessen UN-Rede und reduziert sie auf Länge und Präsenz. Kritik an der Aushöhlung demokratischer Institutionen in den USA weicht er mit Vergleichen zur französischen Rentenpolitik aus. Auch russische Angriffe beschreibt er beschönigend als „Grenztests“. Insgesamt wirkt seine Sprache beruhigend und vertrauensstiftend, blendet aber reale Risiken aus und schwächt so die Klarheit der öffentlichen Debatte

Alle diese Einschätzungen mögen zulässig und auch treffend sein – aber es sind eben Meinungen. Sie sind weit entfernt von etwas, was sich als wissenschaftlich fundiert und objektiv gesichert ausgeben lässt. Eine wissenschaftliche Erkenntnis liest sich ohne derartige Wertungen, zumal wenn sie selbst Objektivität beansprucht und (moralische) Bewertungen ausschließt. Was Mirko Lange hier schreibt, sind zahlreiche subjektive Interpretationen, aber keinerlei handfesten Erkenntnisse.

Mirko Lange setzt zudem offenbar einige Dinge voraus, die möglicherweise seinem Weltbild entspringen, aber nach wissenschaftlichen Kriterien alles andere als objektivierbar sind:

  • Muss denn Wadephul ein klares Urteil über Trump äußern, wenn er es nach Langes Worten doch „verweigert“? Warum gibt es einen Punktabzug, wenn er es nicht tut? Wer definiert diesen Anspruch nach welchen Kriterien? Schon das Wort „verweigern“ transportiert ja eine Tendenz.
  • Darf Wadephul denn Fragen nicht ausweichen? Wer definiert das? Warum ist es negativ, wenn er ausweicht? Nach welchen Kriterien wird das entschieden?

Und plötzlich sind wir doch bei der Bewertung. Sobald wir uns also das konkrete Handling anschauen, wie Mirko Langes Konzept im Einzelnen mit Äußerungen umgeht, sehen wir, dass es mit der angeblichen Objektivität nicht weit her ist.

Dass es dem „Wir“ hinter diesem Score-Modell an Analysefähigkeit mangelt, zeigen dann zahlreiche Beispiele, die sich in den „Trust-Reports“ unter der Überschrift „Vollständige Auswertung des Textes“ finden:

Langes Konzept wertet die politische Position eines Ministers gegenüber AfD und BSW als Delegitimierung, wodurch der Score des Ministers schlechter wird. Die Frage bleibt: Wie sollen wir Politik machen, wenn es verwerflich ist, unsere Positionen zu kommunizieren?

Ein eklatantes Beispiel zeigt sich gleich bei Wadephul: Nach Mirko Langes Konzept ist die Äußerung, AfD und BSW würden so tun, als habe die Ukraine den Krieg verschuldet, eine „Delegitimierung“. Der Begriff „Delegitimierung“ ist eigentlich von den Verfassungsschutzbehörden besetzt und bezieht sich auf die Herabwürdigung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und ihrer Vertreter/-innen und Institutionen. Doch hier stellt Lange es so dar, als delegitimiere der CDU-Außenminister zwei Parteien, die sich immer wieder für Putin stark machen.

Indem also jemand die AfD oder das BSW als Verharmloser der russischen Aggression bezeichnet, was eine zulässige Meinungsäußerung und auch eine gängige Position ist, rutscht er in Mirko Langes Ampel-Score nach unten.

Und das zeigt einen weiteren grundlegenden Denkfehler: Legitime politische Äußerungen reduzieren die Glaubwürdigkeitswerte von Menschen – und dieses Vorgehen soll sozialwissenschaftlich sein. (Einmal davon abgesehen, dass auch das Bundesamt für Verfassungsschutz bei der AfD die Verbreitung von Putin-Narrativen erkennt.)

In diesem Stil geht es munter weiter:

Mirko Lange bewertet Äußerungen, will die Bewertung aber als Klassifizierung verstanden wissen: Wenn Johann Wadephul sagt, entscheidend seien Taten und nicht Worte, legt ihm Mirko Langes Konzept das als die Relativierung von Falschaussagen aus.

Dass Donald Trump viel Unsinn redet, ist bekannt. Doch wenn ein deutscher Chefdiplomat erklärt, dass Taten entscheidender seien als Worte – was um alles in der Welt bringt jemanden dazu, diese Äußerung als „Verzerrung“ zu deuten?

Ein Beispiel wie dieses wirft die grundsätzliche Frage nach der Kompetenz auf, mit der Äußerungen codiert werden. Für meine Begriffe könnte dieses Vorgehen leicht als absichtliches Missverstehen verstanden werden, sodass eher die Codierer-Einordnung die Bezeichnung „Verzerrung“ verdient als Wadephuls wirklich harmlose und geradezu alltägliche Äußerung.

Und es stellt sich die Frage, was Mirko Lange eigentlich von Politikern erwartet, damit er ihre Kommunikation anerkennt: Sollen sie denn auf jegliche Nuancen, Subtexte oder Andeutungen verzichten? Oder sollen sie einfach so kommunizieren, wie Mirko Lange es für richtig hält, um keinen Punktabzug zu bekommen?

Beim Beispiel Friedrich Merz gehen zahlreiche Banalitäten in die Prüfung ein, wodurch der relative „Wahrheitsgehalt“ natürlich steigt:

Einen guten Score in Mirko Langes Wahrheitskarussell bekommt rechnerisch, wer möglichst viele banale Wahrheiten von sich gibt. Hier: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)

Als letzten Endes unbrauchbar erweist sich Mirko Langes Ansatz dann dadurch, dass er Meinungen als Behauptungen wertet:

Kanzler Merz äußert eine Meinung – und Mirko Langes „wissenschaftliche Methodik“ legt sie ihm als falsch aus.

„Nur in einer auf Wachstum ausgerichteten Volkswirtschaft werden die Mittel gewonnen“, lautet beispielsweise eine Äußerung des Bundeskanzlers – er transportiert damit eine gängige politische Überzeugung etwa der Unionsparteien und der FDP.

Mirko Lange beziehungsweise einer seiner Codierer wertet diese Überzeugung als Falschbehauptung und führt als Begründung an, diese Sichtweise verenge Finanzierungsfragen auf Wachstum und blende Alternativen bewusst aus. Welche Alternativen ausgeblendet werden, verrät uns die Analyse nicht. Zudem fehlt der Beweis der behaupteten Bewusstheit dieser Ausblendung.

Doch es wäre auch egal: Sowohl die Äußerung, nur durch Wachstum entstünden Mittel, als auch die Äußerung, es gehe auch anders, sind Meinungsäußerungen. Über die lässt sich politisch streiten; um eine „Tatsachenwahrheit“ im Sinne des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz handelt es sich nicht. Es sind politische Positionen, zumal legitime. Und auch, wenn es gute Gründe gibt, Wertschöpfung als Wachstum zu begreifen, und auch, wenn ohne Arbeit keine Werte entstehen und von nix nix kommt, müssen wir die Diskussion nicht führen. Es sind schlicht Meinungen. Merz’ Äußerung bringt insbesondere einen politischen Willen zum Ausdruck, wie er einer Programmatik nun einmal eigen ist.

Ebenso gilt es umgekehrt: Auch wenn jemand Mirko Langes Meinung teilt, dass auch ohne Wachstum Mittel gewonnen werden können, muss er einräumen, dass es sich dabei um eine Meinung handelt.

Und dennoch bekommt Merz hier einen schlechteren „Trust-Score“, indem Mirko Lange Argumente gegen Merz’ Position ins Feld führt und sie damit quantitativ abwertet. Spätestens damit ist Mirko Langes Ansatz unbrauchbar: Mirko Lange spielt politische Positionen argumentativ gegen Meinungen aus, die er gegenüber der Öffentlichkeit als Tatsachen ausgibt. Wir könnten von Irreführung sprechen.

Weder Lange noch Merz hat recht – weil es um eine Meinung geht

Um es anhand eines fiktiven Beispiels zu verdeutlichen: Wenn jemand sagt, nur mit Kernenergie lasse sich Deutschlands Energiebedarf decken, ist das eine Meinung. Sagt jemand, Deutschlands Energiebedarf lasse sich auch ohne Kernenergie decken, ist das ebenfalls eine Meinung. Für beide Positionen lassen sich Argumente finden, keine Beweise. In diesen Äußerungen kommen politische Positionen zum Ausdruck, und diese sind naturgemäß Meinungen. Nur weil ich meine Programmatik anders begründen würde, ist nicht die Meinung meines politischen Gegners „falsch“. Ich teile sie nur nicht.

Also: Weder Merz „hat recht“ noch Mirko Lange „hat recht“. Beide widersprechen einander einfach, und zwar legitimerweise. Das ist Demokratie. Und weil sich beide Meinungen innerhalb des Verfassungsrahmens bewegen, darf zumindest seitens eines wissenschaftlichen Beobachters keine Abwertung erfolgen. Nur die Diskutanten dürfen einander abwerten, und das ist in einer demokratischen Debatte legitim und üblich. Das Wort „Werturteil“ bezeichnet nichts anderes als eine Meinungsäußerung.

Nur nimmt Mirko Langes Analyse hier genau eine solche Abwertung einer legitimen Meinung vor. Und er betont zugleich bei zahlreichen Gelegenheiten, wie „wissenschaftlich“ sein Konzept sei. Allerdings würde ein wissenschaftliches Modell Meinungsäußerungen nicht wie Tatsachenbehauptungen behandeln. Und es würde mit Beweisen arbeiten, nicht mit Argumentationen.

Mirko Lange behauptet also, es sei wissenschaftlich fundiert, wenn er legitimen Meinungen widerspricht, die er als Behauptungen missdeutet. Seine Äußerungen sind objektiv, die der anderen aber subjektiv (auch die seiner Kritiker).

Mirko Lange missdeutet Meinungen als Behauptungen und bezeichnet sie als falsch

Wie es mit den Kategorien Behauptung/Meinung durcheinandergeht, zeigt sich übrigens auch bei LinkedIn. Einem Kritiker wirft Mirko Lange vor: „Ebenso faktisch falsch ist die Aussage: ‚Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten‘. Denn es gibt mehr als genug Steuereinnahmen.“

Mirko Lange ordnet also Meinungsäußerungen auch in Diskussionen als wahr oder falsch ein. Und auch hier argumentiert er, statt zu beweisen.

Tatsächlich handelt es sich bei der Äußerung „Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten“ um eine Meinungsäußerung, die nicht wahr oder falsch ist – ebenso wie übrigens auch bei Mirko Langes Begründung, es gebe „mehr als genug Steuereinnahmen“. Ob wir genug Steuern einnehmen, ist eine Meinungsfrage. Vertritt jemand beispielsweise die Position, dass der gesamte Etat in die Verteidigung gehen soll, mag das absurd sein, doch dann könnten wir uns den Sozialstaat womöglich wirklich nicht mehr leisten. Beweisbar oder widerlegbar ist da gar nichts – doch das wäre der Anspruch gegenüber einer angeblichen Tatsachenbehauptung.

Wahrheitsanspruch und Doppelmoral

Selbst wenn irgendein Medienrechtler eine der von Mirko Lange monierten Meinungsäußerungen als Tatsachenbehauptung werten sollte, ist nicht gesagt, ob sie stimmt oder nicht. Das ist auch nicht das Wesensmerkmal einer Tatsachenbehauptung. Das Wesensmerkmal ist nur, dass sich die Behauptung theoretisch verifizieren oder falsifizieren lässt, also „dem Beweis zugänglich“ ist.

Bis wir dann zuverlässig sagen können, ob es sich bei einer Äußerung um eine Unwahrheit handelt oder gar um eine Lüge, ist es noch ein weiter Weg, und der führt übers evidenzbasierte Denken, also das Denken in Beweisen. So gehört zur Behauptung „Lüge“ beispielsweise die Kenntnis des Lügners darüber, dass er lügt. Diese Kenntnis müssen wir belegen können.

Mirko Lange aber geht die gedankliche Abkürzung im Sinne des „schnellen Denkens“ nach Daniel Kahneman: Er erhebt sofort den Anspruch, dass die jeweilige Falschbehauptung wirklich objektiv widerlegt ist. Zudem bezeichnet er sie sogleich als „Lüge“, ohne vorher geprüft zu haben, ob der Sprecher möglicherweise einem Irrtum unterliegt.

Mirko Lange erhebt einen solch absoluten Anspruch an „wahr“ und „falsch“, dass er dann auch zweifelsfreie Beweise liefern müsste, statt politisch zu argumentieren und politische Positionen lediglich auf der Basis von Argumentationen als „wahr“ oder „falsch“ zu bezeichnen.

Aber das tut Mirko Lange nicht: Die Meinungen anderer sind einer Wahr/falsch-Prüfung zu unterziehen, während für Mirko Langes Meinungen ein objektiver Wahrheitsanspruch gilt.

Insgesamt haben wir es bei den von Mirko Lange beziehungsweise seinen Codierern monierten Äußerungen sehr oft mit politischen Positionen zu tun, für oder gegen die man sein kann. In seinem Konzept behandelt Mirko Lange diese Meinungen so, als lasse sich darin Wahrheit feststellen, und er führt entsprechende Argumente an.

Und das ist ein grundlegender Denkfehler im Setting des gesamten Projektes. Gerade bei der Prüfung, ob eine Äußerung wahr oder falsch ist, würde Wissenschaft nicht argumentieren, sondern beweisen. Da die Selbsteinordnung als „wissenschaftlich“ in den Unterlagen zahlreich zu lesen ist, sollten entsprechend auch wissenschaftliche Maßstäbe gelten.

Statt Falschheit zu beweisen, liefert das „Tool“ oft nur Argumente

Wenn der israelische Ministerpräsident dann sagt: „Die UN gab zu, dass 85 Prozent der Hilfslieferungen geplündert wurden“, begeben sich Mirko Langes Codierer sogar erstaunlich naiv aufs Glatteis, als seien Äußerungen in solchen heiklen Politikgebieten ebenso leicht zu verifizieren oder zu falsifizieren wie der Wochentag. Sie bezeichnen die Äußerung einfach als falsch.

Die Begründung ist wiederum kein Gegenbeweis, wie es wissenschaftlich geboten wäre, sondern eine Argumentation: Es sei „kein offizielles UN-Geständnis“, die Zahl sei rhetorisch überhöht und irreführend“. Zugleich meldet die „Jüdische Allgemeine“ 86 Prozent.

Ich will damit nicht sagen, dass die eine oder die andere Seite recht hat. Ich sage nur: In so einer komplexen Sache einfach mal eben schnell zu behaupten, es handele sich bei einer Äußerung um eine eindeutig und zweifelsfrei widerlegte Information (Codebuch: „keine Meinungen oder Prognosen; nur Tatsachenbehauptungen, die nachweislich nicht stimmen“), ist eben handwerklich problematisch. Und es konterkariert das Selbstbild eines wissenschaftlichen Ansatzes. Wissenschaftlern passiert so etwas eigentlich nicht.

Bemerkenswert ist auch, dass Mirko Langes System beim Bewerten von Äußerungen selbst mit Verzerrungen arbeitet, beispielsweise hier:

Langes wissenschaftliches System wirft dem Bundeskanzler Verzerrungen vor, verzerrt aber selbst: In Punkt 1 haben wir eine Nebelkerze, in Punkt 2 zerredet der Codierer ein Problem mithilfe eines Strohmann-Arguments.

Wozu verweist der Codierer bei Punkt 1 auf Bereiche, in denen die Bürokratisierung abgenommen hat? Von denen spricht Merz ja nicht. Merz spricht über die Branchen, die unter der Bürokratie leiden, und Mirko Langes Codierer lenkt ab – eine Nebelkerze.

Bei Punkt 2 haben wir ein ähnliches Phänomen: Hier führt der Codierer ein Strohmannargument an, indem er sagt, nicht jede Branche sei betroffen. Das hat Merz allerdings auch nicht behauptet. Dass Mirko Langes gemeinnützige GmbH hier von einer „Dramatisierung“ spricht, ist eine deutliche Abwertung des Gesagten und spielt das Problem der hohen Kosten beispielsweise in der Industrie herunter.

Und auch hier ist der Wurm der gleiche: Lange unterwirft Meinungsäußerungen einer Wahrheitsprüfung. Er erweckt den Anschein, das Subjektive objektivieren zu können, und legt dabei seine Subjektivität in Gestalt von Argumentationen zugrunde.

Dass sich Mirko Lange dabei verheddert, ist klar. Er behauptet, nach wissenschaftlichen Kriterien vorzugehen, und verrennt sich in den Unwägbarkeiten zwischen Subjektivität und Objektivität. Das würde nicht passieren, wäre das Setting sauber definiert. Und es würde nicht passieren, würde Mirko Lange an seine subjektiven Äußerungen den gleichen Maßstab anlegen wie an die subjektiven Äußerungen anderer.

Fazit: Scheinbare Validität

Schauen Sie in den Berichten der „untersuchten“ Politikerinnen und Politiker selbst nach: Hier sind Gitta Connemann (CDU), Benjamin Netanjahu, Heidi Reichinnek (Linke), Friedrich Merz und Johann Wadephul. Sie werden zahlreiche weitere problematische Belege dafür finden, dass diese „Methodik“ alles andere als wissenschaftlich oder auch objektiv ist. Immer wieder werden zulässige Meinungen, die nicht richtig oder falsch sein können, als Falschbehauptungen gewertet oder mit teils abseitigen Argumentationen als „Verzerrungen“ disqualifiziert.

Und das ist wohl das Hauptproblem bei der Sache: Mirko Lange entwirft ein Prüfverfahren, das nur bei Tatsachenbehauptungen funktioniert, wendet es aber auch auf Meinungsäußerungen an. Er unterscheidet diese beiden wichtigen Kategorien nicht einmal. Wie am „Wachstums“-Beispiel von Kanzler Merz zu sehen ist, entscheidet Mirko Lange dann anhand von Argumentationen, ob Äußerungen von Politikern wahr oder falsch sind.

Möglicherweise sitzt Mirko Lange auch einem Missverständnis auf und verwechselt Argumente mit Beweisen.

Die Grundüberlegung dieser „Methodik“ ist bisher also ebenso fehlerhaft, wie sie dann durchexerziert wird. Ich sage es mal so: Wäre das Ganze ein Protokoll für eine klinische Studie, würde es wohl wegen methodischer Mängel abgelehnt. Und die Wissenschaftler, die mit ihren Namen für dieses Konzept stehen, würde ich gerne mal kennen lernen. Da Mirko Lange von einem sozialwissenschaftlich entwickelten Modell spricht, müssen ja irgendwo die beteiligten Wissenschaftler/-innen stecken.

Ob Mirko Lange Kritik wie diese beherzigt und auch Transparenz bezüglich des Entwicklerteams herstellt? Wir werden sehen.

(Ergänzt und geglättet, 14. Oktober 2025)


Nachtrag 19. Oktober 2025:

Mirko Lange hat am 18. Oktober 2025 ein Update veröffentlicht, das er „zur Diskussion stellen“ will. Jetzt schlägt er ein System vor, bei dem er zwischen „Wahrheit“, „Würde“ und „Wirkung“ unterscheidet. Ich fasse zusammen:

  • Zur „Wahrheit“: Lange unterscheidet zwischen demokratisch wertvollen und schlechten Aussagen, letztere sind beispielsweise faktisch unwahr. Wir dürften vieles sagen, auch Unwahres, doch nicht alles sei demokratisch förderlich.
  • Zur „Würde“: Hier soll erhoben werden, wie wertschätzend Äußerungen sind. „Am destruktivsten“ sei es, den politischen Gegner „zu delegitimieren oder gar zu entwürdigen“.
  • Zur „Wirkung“: Dabei geht es ums Triggern von Emotionen, und Lange schreibt wörtlich: „Demokratisch wertvoll ist alles, was Gemeinsinn fördert, maximal demokratisch destruktiv sind alle Emotionen, die spalten, vor allem Angst, Wut oder Hass.“ Es geht also um einen „Gemeinsinn“. Und Angst ist demokratisch destruktiv.

Gut ist zunächst: Lange vermengt die Kategorie „Wahrheit“ nicht mehr mit der Kategorie „Intention“. Wobei seine bisherigen öffentlichen Behauptungen über Politiker/-innen nach dem vorigen Ansatz mit dem Kategorienquark nach wie vor online sind (dazu später mehr).

Während beim ersten Ansatz die angebliche sozialwissenschaftliche Fundiertheit Pate für die Solidität von Langes Überlegungen stand, soll diese Funktion nun die freiheitliche Demokratie höchstselbst übernehmen. Über seinen neuen Ansatz schreibt Lange u.a.:

Das System ist übrigens „normativ“, es basiert auf demokratischen Normen, es ist aber nicht beliebig, sondern in der FDGO verankert.

Gleichwohl verschiebt er die Verantwortung für diesen hohen Anspruch aufs Subjektive:

Allen Definitionen liegen ausführliche Code-Bücher zugrunde, nach denen die Einordnung „intersubjektiv“ erfolgt: Es ist keine objektiv-eindeutig-mathematische Zuordnung, aber eine nach klaren, für eine Vielzahl von Menschen nachvollziehbar konsistenten Regeln.

Letztlich quantifiziert er die Einordnung von Äußerungen und vergibt einen „Trust-Score“ von A (gut) bis E (schlecht) – es wird also doch objektiviert. Allerdings scheint es nun Programm, die subjektive Sichtweise einer „Vielzahl von Menschen“ zum Standard dieser Objektivität zu erheben, und zwar offenbar jenseits dessen, was wissenschaftlich und publizistisch-handwerklich geboten ist.

Ich habe in dem LinkedIn-Beitrag kommentiert und das nach wie vor unzulängliche Konzept kritisiert. Kern:

  1. Erneut finde ich keine Unterscheidung zwischen Tatsachenbehauptungen und Meinungsäußerungen. Dass sich Meinungen nicht auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen lassen – diesen wichtigen Hinweis hat Mirko Lange allem Anschein nach unberücksichtigt gelassen.
  2. Empörte Abgrenzung vermindert den Glaubwürdigkeits-Score von Menschen, obwohl empörte Abgrenzung in einer Demokratie normal und zulässig ist.
  3. Mirko Lange setzt das Ideal eines „Gemeinsinns“ voraus, obwohl Demokratie Mehrheitsentscheidungen bedeutet und nicht Konsens. Wie Mirko Lange den Gemeinsinn definiert, erschließt sich mir dabei nicht. Auch die AfD bastelt an einem „Gemeinsinn“, nur dass dieser die Demokratie gefährdet.
  4. Als Kronzeuge für die „Wahrheit“ seines Zugangs bemüht Mirko Lange jetzt wie beschrieben die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Damit steht Mirko Lange ein Argumentationsmuster zur Verfügung, wonach Kritiker dessen, was er sich so ausdenkt, nur Demokratiefeinde sein können. Ich sehe darin eine bemerkenswerte Anmaßung, wenn jemand subjektive Deutungen unter den Schutz einer höheren Instanz stellen will, um damit Autorität und Objektivität zu suggerieren.

Immerhin schien zunächst das „Wir“ verschwunden, mit dem Mirko Lange bisher in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt hat, Teil einer Gruppe zu sein. Möglicherweise gab es ja eine Gruppe, die es jetzt nicht mehr gibt?

Auch von einer sozialwissenschaftlich Fundiertheit ist nicht mehr die Rede. Statt eines geheimen Zirkels aus Sozialwissenschaftler/-innen soll nun die gesamte freiheitlich-demokratische Grundordnung die Patenschaft für Mirko Langes Gedanken übernehmen.

Methodische Mängel jedenfalls (die fehlende Unterscheidung zwischen Behauptungen und Meinungen, die Frage nach der Validität von Wertungen, Stichwort „Standardabweichung“) bleiben bestehen.

Überarbeitete Quantifizierung qualitativ bewerteter Äußerungen: Laut Mirko Langes Darstellung bei LinkedIn ist es „normativ“, nicht zwischen Behauptungen und Meinungen zu unterscheiden. Zudem sei dieser Ansatz in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung „verankert“, wonach Äußerungen danach bewertet werden, ob sie etwa zuversichtlich oder sachlich gelassen sind. Nach Mirko Lange findet die freiheitliche Demokratie förmliche Distanz schlechter als dialogische Offenheit. Die Meinungsfreiheit spielt in Mirko Langes Ansatz quasi keine Rolle – entscheidend sind seine Einordnungen der Äußerungen anderer.

Auch bezüglich des von Mirko Lange immer wieder strapazierten „Wir“ fragt der Kommentator Matthias Burzinski Mirko Lange:

Sie hatten geschrieben, dass das System zivilgesellschaftlich getragen ist. Wichtige Frage wäre also: Welche zivilgesellschaftlichen Gruppen sind beteiligt an der Entwicklung? Und wer überwacht es wissenschaftlich? So etwas muss ja wissenschaftlich abgesichert sein, sonst wird man kein Vertrauen aufbauen können. Mich würde auch interessieren, wer Gesellschafter:in der gGmbH ist? Ich denke, um zu überzeugen, müsste das vollkommen transparent sein. Sonst werden Teile der Gesellschaft es von vornherein ablehnen.

Mirko Langes Antwort ist im Grunde eine Scheinantwort. Rhetorisch wirkt sie so, als stelle sie Plausibilität her – und vermutlich finden sich viele in Mirko Langes Fangemeinde damit ab, weil die Antwort entsprechende Buzzwords enthält. Doch inhaltlich weicht die Antwort aus:

Ja, das ist alles vollkommen transparent. Natürlich. Wir starten in ca. 2 Wochen. Und beteiligt werden ALLE sein. Das ist komplett offen.

Matthias Burzinskis Fragen sind nicht beantwortet. Er hakt zu Recht nach, auch bezüglich der neuen kryptischen Angabe, „alle“ würden beteiligt sein:

Aber wer legt die Regeln fest und prüft es wissenschaftlich? Da müsste ja mindestens eine juristische Fakultät beteiligt sein. Die Stiftung Warentest, die Sie ja als Vergleich genannt hatten, vergibt die Prüfung ja an unabhängige wissenschaftliche Institute. Schwarmintelliigenz im Sinne von ALLE wird hier sicher am allerwenigsten funktionieren. Und wer hat die bisherigen Regeln entwickelt? Welche Gruppen waren da beteiligt? Und die Gesellschafter:innen der gGmbH könnte man ja hier schon nennen?

Schließlich rückt Mirko Lange damit heraus:

Das werden wir allen Schritt für Schritt öffentlich machen, wenn es soweit ist. Und im Moment bin ich noch der einzige Gesellschafter. Wir haben erst vor einem Monat gegründet. Alles schön Schritt für Schritt.

Nach zahllosen Nachfragen, wer das „Wir“ sein soll, erklärt er nun immerhin, dass er „noch“ der einzige Gesellschafter sei. Gibt es weitere Beteiligte, so nennt er sie auch jetzt nicht. Und es beschwert sich offenbar auch kein Beteiligter darüber, dass er keine Erwähnung findet.

Gleichwohl findet der Plural immer wieder Verwendung – sogar jetzt noch. „Wir“ (er) würden etwas Schritt für Schritt öffentlich machen und „wir“ (er) hätten „erst vor einem Monat gegründet“.

Die verfassungsmäßige Ordnung als Kronzeuge

Mich selbst hat Mirko Lange auch wieder zurechtgewiesen. Zwei Dialoge möchte ich hier in Form von Screenshots wiedergeben. Es scheint Mirko Lange unmöglich zu sein, in der Sache zu reagieren – er weicht aus, erhebt Vorwürfe ad hominem und scheint vor allem zu glauben, es ginge um ihn.

Mirko Langes Reaktion auf meine Kritik:

Meine Replik:

In dem Kommentarstrang mit Matthias Burzinskis Kommentar entscheidet sich Lange irgendwann dafür, suggestiv zu behaupten, meine Kritik sei durch ihn selbst motiviert, also durch seine Person:

Mirko Lange hat über lange Zeit vorgegeben, eine Gruppe zu repräsentieren, und darf sich daher natürlich entsprechende Nachfragen anhören, auch polemische. Und eine Erwiderung wie „Ich habe Sie auch lieb“ wirft die Frage auf, ob eine ernsthafte Auseinandersetzung möglich ist. Entsprechend schreibe ich:

Woraufhin – wie oft in solchen Diskussionen und sehr erwartbar – nun der Angriff ad hominem gegen den Kritiker kommt:

Wieder geht es ihm um die Intention von Kritik – wie anfangs bei Martina Vogel. Ich darf mich belehren lassen, ich schösse regelmäßig über irgendein Ziel hinaus, das offenbar Mirko Lange definiert.

Nur: Wenn jemand entgegen jedem publizistischen Handwerk Meinungsäußerungen als Falschbehauptungen darstellt und allen Ernstes verbreitet, Markus Söder äußere sich nur zu 8 Prozent wahr, und dies sei „wissenschaftlich fundiert“ – wie bedeutsam ist es, wie dieser Absender meine Äußerungen bewertet? Wie sehr müssen wir uns von diesem Absender belehren und zu irgendwelchen Reflexionen einladen lassen?

Wenn jemand im Ernst behauptet, die Meinungsäußerung „Spinat ist lecker“ lasse sich als Behauptung deuten, der das Etikett „Verzerrung“ zuzuordnen sei – gehört derjenige dann zu denen, die ich in Sachen Äußerungsrecht, Publizistik, Aussagenlogik und Erkenntnistheorie um Rat frage?

Keine Preisverdächtigkeit zu erwarten

Ich erwarte auch keine Preisverdächtigkeit bei einem Modell, das öffentliche Äußerungen von Politikern qualitativ und quantitativ bewerten soll, wenn der Urheber des Modells völlig ironiefrei erklärt, die Äußerungen Benjamin Netanjahus seien zu 4 Prozent falsch und zu 19 Prozent wahr, sodass »wahr« und »falsch« in der Summe 23 Prozent ergeben. Und dass sich die Differenz durch Framings, Verzerrungen und Delegitimierungen erkläre, die weder wahr noch falsch seien – und nicht etwa durch zulässige Meinungsäußerungen, die sich naturgemäß nicht auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen lassen.

Die ganzen Behauptungen über Politiker/-innen nach dem alten Modell sind Stand jetzt noch öffentlich. Nach wie vor behauptet Mirko Lange beispielsweise öffentlich, die Äußerungen von Gitta Connemann (CDU) bei Maischberger seien zu 4 Prozent falsch und zu 14 Prozent wahr („wahr“ + „falsch“ = 18 Prozent).

Im Zweifel muss Mirko Lange die Wissenschaftlichkeit nachweisen

Diese Behauptungen sind alle noch online, inklusive der Behauptung, es handele sich um ein wissenschaftlich fundiertes Konzept. Insofern hat Mirko Lange im Zweifel die Wissenschaftlichkeit seiner Behauptungen nachzuweisen, sollte jemand der Betroffenen ihn darum ersuchen. Da Mirko Lange Wissenschaftlichkeit behauptet, geht es nicht um Meinungsäußerungen. Zumal Mirko Lange harte Zahlen präsentiert, die das Ergebnis einer objektiven und allgemein nachvollziehbaren Logik sein sollen. Entsprechend gilt das Prinzip: „Wer behauptet, belegt.“

Behauptet der Absender dieser ganzen Ideen dann öffentlich, ich würde den Dialog nur vorgeben – und das angesichts meiner umfangreichen Kritik an seinem Modell hier und angesichts des konsequenten Ausweichens als Reaktion auf Fragen – bin auch ich ratlos. Denn dass es diesen Blogbeitrag hier gibt, den Sie gerade lesen, ist ja nun nicht zu leugnen. Und es geht darin um Methodenkritik, nicht um die Person.

Wenn nun die Person auf Kritik derartig reagiert wie hier und bei LinkedIn Dinge schreibt wie: „Ich habe Sie auch lieb“, gilt die Kritik angesichts des Stils selbstverständlich irgendwann auch der Person. Und darüber sollte sich die Person dann auch nicht wundern.

Der Vollständigkeit halber hier der weitere Verlauf bis zum Abend des 19. Oktobers:

 

Wer lesen will, wie es eventuell weitergeht, schaue bitte in Mirko Langes Präsentation seines aktuellen Modells vom Vortag.

Sicher ist es schwer, nicht auch die Person zu kritisieren, wenn jemand die freiheitlich-demokratische Grundordnung für seine Versuche vereinnahmen will, Meinungen als Falschbehauptungen abzuqualifizieren, und wenn er auf Kritik so reagiert wie hier. Und Mirko Lange höchstselbst ist nun einmal der Absender dieser vielen Ideen und Einwände, die er mit enormer rhetorischer Wucht als ernst zu nehmend verbreitet, stets mit dem Impetus, ein Kämpfer für die Demokratie zu sein.

Aber lassen wir Mirko Lange mal machen und schauen wir. Er bittet um Zeit, also soll er sie haben.

Mirko Lange sieht einen Fehler kommen und beugt ihm nicht vor

Wobei in Sachen Methodik noch ein Punkt erwähnenswert ist: „Spannend“ findet Mirko Lange in seiner neuen Konzeptbeschreibung die Frage, was herauskommt bei „Aussagen, die falsch sind, aber wertschätzend und Gemeinsinn stiftend. Das wäre eine B. Es wird sich zeigen, wie die dann im Vergleich zu einer evidenzbasierten und wertschätzenden Aussage zu werten ist, die aber Hass schürt“.

So spannend finde ich das nicht: Beide Äußerungen dürften – nach allem, was wir bisher über die Nachbesserung wissen – am Ende den gleichen Score erhalten. Das Ergebnis wird damit unbrauchbar sein. Das Ganze ist also weniger spannend als eher voraussehbar unsinnig.

Und es ist vor allem ein ernster Hinweis darauf, dass der Ansatz nach wie vor nicht ausreichend durchdacht ist. Mirko Lange überspielt dieses wichtige Signal, indem er die offene Frage „spannend“ nennt. Dabei wäre es seine Aufgabe, diese Frage im Vorhinein zu klären.

Was bei solchen Überlegungen herauskommt, sollte sich nicht erst bei der Anwendung in der Praxis zeigen, sondern es lässt sich jetzt schon simulieren. Mirko Lange muss dazu nicht einmal irgendeine beliebige Äußerung nehmen, die den drei Bedingungen „falsch“, „wertschätzend“ und „Gemeinsinn stiftend“ entspricht und ihr eine entsprechend andere Äußerung gegenüberstellen, sondern er kann den Fall auch ohne einschlägige Äußerungen rein zahlenbasiert durchspielen. Da das Konzept ja angeblich stimmig ist, dürfte nach der damit getroffenen Feststellung kein Interpretationsbedarf mehr bestehen. Und diese Rechnung sollte er professionellerweise anstellen, bevor er mit dem Modell an die Öffentlichkeit geht – statt zu verkünden, er sei gespannt, was dabei herauskommt.

Niemand mit wissenschaftlicher Bildung findet das übrigens spannend. Die Leute fragen sich eher, wieso Mirko Lange solche Dinge nicht einfach simuliert und am Konzept entsprechend nachbessert. Und sie fragen sich, warum er sie mit der Aufforderung zur Diskussion eines Konzeptes behelligt, das offensichtlich noch nicht spruchreif ist. Sollen die Kritiker unbezahlte Co-Entwickler sein?

Um solche Fehler bereits im Vorhinein zu finden, gibt es ja eben Studienkonzepte und eine kritische Auseinandersetzung damit, bevor es losgeht. Erweisen sich solche Fehler erst bei der Durchführung des Experiments, ist das Projekt schlecht vorbereitet.

Hier sieht Mirko Lange also einen Fehler kommen und lässt das Konzept sehenden Auges unverändert. Dabei müsste er hier jetzt korrigierend eingreifen und das Setting entsprechend anpassen. Stattdessen verkauft er es der Öffentlichkeit als „spannend“, wie sich dieser Fehler wohl gestaltet. Wie jemand so mit der Öffentlichkeit umgehen kann, ist mir ein Rätsel.

Werden die nächsten Bewertungen Verfassungsrang haben?

Ich bin jedenfalls auch gespannt – auf die nächsten Reports. Wird Mirko Lange wieder Meinungen von Politikern als Falschbehauptungen abqualifizieren? Und vor allem: Wird er dieses Mal für seine Bewertungen Verfassungsrang beanspruchen? Wenn schon sein Konzept in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verwurzelt ist, dürften seine Bewertungen mindestens auf der Stufe stehen wie Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes.

Immerhin stellt Mirko Lange in Aussicht, wieder das Codebuch zu veröffentlichen. Doch vor allem auch seine Bewertungen der einzelnen von Politikern getätigten Äußerungen sollte er bereitstellen. Da Mirko Lange nun die verfassungsmäßige Ordnung selbst zum Kronzeugen seines Handelns erhebt, müssten seine Bewertungen frei von jeglichen subjektiven Ansichten sein. Wissenschaftliche Fundiertheit sollte bei diesem zweiten Anlauf jetzt zu erwarten sein.


Nachtrag 21. Oktober 2025

In Mirko Langes LinkedIn-Beitrag hagelt es Kritik, ohne dass sie verfängt. Ich danke Herrn Dirk Stuwe für seinen Kommentar und den erhellenden Dialog mit Mirko Lange. Bitte lesen Sie den Dialog zur Vollständigkeit selbst nach, hier folgen nur Auszüge.

Dirk Stuwe schreibt:

Es ändert aber nichts daran, dass der Versuch, subjektive Bewertungsmaßstäbe an politische Diskussionen anzulegen, um diese dann in einen vermeintlich „objektiven“ Score zu zwingen, nichts anderes erzeugt als eine gefühlte Wahrheit, die im schlimmsten Fall sogar in die Irre führen kann. Wer bewertet wie, was „Plausibel analytisch“, „Wertschätzend“ oder „Abwertend“ ist und wo ist die Grenze zwischen „Empört abgrenzend“ und „Feindseelig spaltend“?

Mirko Lange erwidert:

Vielen Dank für Ihr Feedback, aber Sie liegen hier klar falsch.

Der TRUST-Score täuscht keine Objektivität vor. Er folgt im Gegenteil dem Stand der Kommunikationswissenschaft.

In der empirischen Diskursforschung werden Bewertungen seit Jahrzehnten systematisch und intersubjektiv nachvollziehbar erfasst, mithilfe von Codebüchern, klar definierten Kategorien und Intercoder-Reliabilitätstests, die sicherstellen, dass unterschiedliche Personen bei gleichen Kriterien zu vergleichbaren Ergebnissen kommen.

Genau darauf baut der TRUST-Score auf. Er macht Subjektivität sichtbar, strukturiert und überprüfbar, statt sie wie sonst üblich unausgesprochen im Diskurs wirken zu lassen.

Bewertet wird dabei nicht Meinung, sondern Qualität der Kommunikation. Das ist keine „gefühlte Wahrheit“, sondern die Übersetzung wissenschaftlich validierter Maßstäbe in eine öffentlich verständliche Form.

Und nein: Der Score reduziert niemanden. Er bewertet Aussagen, nicht Personen, und schafft damit die Grundlage für eine reflektiertere, demokratischere Gesprächskultur.

Kurz gesagt: Das ist kein Meinungsexperiment, sondern eine wissenschaftlich basierte Operationalisierung von Kommunikationsqualität.

Dirk Stuwe liegt mit seiner berechtigten Kritik also „falsch“.

Klugerweise bleibt Dirk Stuwe unbeeindruckt von diesem Anwurf. Auch lässt er sich nicht von den intellektuell wirkenden Ausflügen in die Gepflogenheiten der „Operationalisierung von Kommunikationsqualität“ den Blick vernebeln. Er bleibt geduldig, lässt sich nicht derailen und erläutert seine Kritik weiterhin an der Sache orientiert, hier Auszüge:

Ein Score, der eine evidenzbasierte, aber „Hass schürende“ Aussage (Note B) methodisch gleichsetzt mit einer „falschen, aber Gemeinsinn stiftenden“ Aussage (auch Note B), ist inhaltlich nicht valide.

(…)

Ein Score, der „spaltende“ (konfliktorientierte) Rede per se als „demokratisch destruktiv“ (negativ) bestraft, greift direkt in den Kern der Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) ein. Er bestraft politischen Streit, der durchaus auch „spaltend“ sein kann, um wirksam zu sein.

(…)

Das größte Problem bleibt aber die „Übersetzung“ in einen A-E-Score: Dieses simple Label erzeugt beim Publikum unweigerlich den Anschein von Objektivität – genau die „gefühlte Wahrheit“, die ich kritisiere. Die wissenschaftliche Differenzierung der „Intersubjektivität“ geht verloren, der „Chilling Effect“ (Einschüchterung) auf die Akteure jedoch maximiert sich.

Mirko Lange entgegnet:

Sie liegen erneut mit Ihrer Kritik meilenweit daneben, weil Sie sich Dinge völlig zusammenkonstruieren. Sie stellen sich eine Karikatur des Modells vor und kritisieren die. Das hat mit dem, was ich tue, nichts zu tun.

Erst „falsch“, dann „meilenweit daneben“ – doch wieder laufen Mirko Langes Versuche der Herabsetzung ins Leere, weil Dirk Stuwe sich auf keine Strohmanndiskussion einlässt. Er lässt keinen Themawechsel und kein Reframing zu.

Es geht noch ein wenig hin und her, und irgendwann kommt Mirko Lange mit dem Vorwurf, Herr Stuwe wisse nicht, worum es geht:

Ich spreche über das Modell, wie es tatsächlich vorliegt und/oder geplant ist. Ich kenne es ja.

Sie sprechen über über ein Zerrbild, über eine Karikatur des Modells, so, wie Sie es sich vorstellen. Klar, Sie kennen es ja nicht.

Also warten wir es ab, bis es in Gänze öffentlich ist, und dann reden wir noch mal.

Bis dahin können Sie sich ja vielleicht auch prototypische Reports bei Democracy Intelligence anschauen.

Mirko Lange stellt also etwas zur Diskussion und wirft Kritikern dann vor, nicht in Gänze zu wissen, worum es geht. Das ist der Stil.

Und vor allem verweist Mirko Lange dabei auf die hier zu Anfang thematisierten Reports (sie sind auf der LinkedIn-Seite „Democracy Intelligence“ hinterlegt), die schwerster Kritik ausgesetzt sind. Mirko Lange verweist auf seine alten Reports, in denen er …

  • behauptet, Söder sage nur zu 8 Prozent die Wahrheit;
  • uns weismachen will, es sei delegitimierend, der AfD vorzuhalten, dass sie der Ukraine eine Kriegsschuld zuschreibt;
  • zulässige Meinungsäußerungen abwatscht mit der zweifelhaften Begründung, sie seien falsch oder verzerrend.

Das ist der intellektuelle Unterbau.

Ich bin mit meinem Latein vorerst am Ende. Ich kümmere mich jetzt wieder um meine Arbeit und aktualisiere hier möglicherweise etwas, wenn weitere kuriose Reaktionen auf die umfangreiche sachliche Kritik kommen.


Nachtrag 25. Oktober 2025

Bei LinkedIn regt sich Mirko Lange darüber auf, dass das Politbarometer (ZDF) die Menschen fragt, ob Kanzler Friedrich Merz „recht“ habe mit seiner Stadtbild-Äußerung. Die Frage: „Hat er damit recht?“ ist dabei allerdings gleichbedeutend mit „Stimmen Sie zu?“.

Daraus versucht Mirko Lange dem ZDF einen Strick zu drehen, weil die Formulierung „recht haben“ angeblich eine Faktenlage impliziere. Es ist ein schönes Beispiel für die Spitzfindigkeit, mit der Lange immer wieder versucht, die Kommunikation anderer herabzuwürdigen.

Ich will hier zudem noch einmal hervorheben, weshalb ich Mirko Langes Ansatz für undemokratisch halte, obwohl er sich selbst als Kämpfer für die Demokratie inszeniert.

Kurz gesagt: Mirko Lange tadelt zulässige Meinungsäußerungen und leitet daraus eine Abwertung des jeweiligen Sprechers ab, indem dessen „Trust-Score“ sinkt. So steht in Form des Wertes die Behauptung im Raum, dass der- oder diejenige weniger vertrauenswürdig sei.

Im aktuellen Modell wirkt sich beispielsweise schon die Einordnung einer Äußerung als „empört abgrenzend“ negativ auf den Score aus. Heißt: Äußert sich jemand empört abgrenzend (was in einer Demokratie normal und auch zulässig ist), lässt Mirko Lange dessen „Trust-Score“ sinken.

Meinungen wirken sich also auf die angebliche Glaubwürdigkeit aus, womit wir erstens wieder einen eklatanten Kategorienfehler haben, weil Mirko Lange erneut Behauptungen und Meinungen vermengt. Zweitens skandalisiert Mirko Lange zulässige Meinungsäußerungen und sorgt in seinem Konzept dafür, dass sie die jeweiligen Sprecher im Score herabsetzen. Mirko Lange watscht damit voraussichtlich zahlreiche Äußerungen ab, die äußerungsrechtlich unproblematisch sind.

So können Politiker am Ende nahezu keine Politik mehr machen, ohne eine Abwertung durch Mirko Lange zu erfahren – es sei denn, sie gehorchen seinen rigorosen persönlichen Vorstellungen.

Meinungsäußerungen (auch polemische und zugespitzte) gehören zum Meinungsstreit in einer Demokratie, worauf das Bundesverfassungsgericht in zahlreichen Entscheidungen hinweist. Mirko Lange scheint das egal zu sein: Unabhängig von der Meinungsfreiheit wertet er Meinungsäußerungen anderer ab und tut so, als hätten sie keine Legitimation. Das Feigenblatt: Sie würden der Demokratie schaden, etwa wegen mangelnden „Gemeinsinns“.

Mirko Lange baut also quasi neben dem Äußerungsrecht eine Art Parallel-Instanz auf, die Äußerungen rigoroser bestraft als der demokratische Rechtsstaat, in dem wir leben.

Die Meinungsfreiheit und der Meinungsstreit sind wesentliche Elemente der Demokratie – und wer wie Mirko Lange zulässige Meinungsäußerungen (wie beispielsweise empörte Abgrenzungen) mit einer negativen Bewertung versieht, handelt damit schon von der grundlegenden Herangehensweise her nicht demokratisch.

Vielleicht unterliegt Mirko Lange auch hier einem Missverständnis: Demokratie bedeutet nicht Konsens (was er ja mit seiner Forderung nach einem „Gemeinsinn“ möglicherweise so versteht), sondern Meinungsvielfalt. Der Konsens ist eher Sache von Diktaturen.


Nachtrag 3. November 2025

Wie angekündigt, ist die Website von „Democracy Intelligence“ online. Wer reinschaut, dürfte enttäuscht sein, siehe Einleitung.

Wie war das? Mirko Lange wirft Dirk Stuwe vor, von einem „Zerrbild“ zu sprechen? Dirk Stuwe hatte zurecht kritisiert:

Ein Score, der „spaltende“ (konfliktorientierte) Rede per se als „demokratisch destruktiv“ (negativ) bestraft, greift direkt in den Kern der Meinungsfreiheit (Art. 5 GG) ein. Er bestraft politischen Streit, der durchaus auch „spaltend“ sein kann, um wirksam zu sein.

Auch nach dem erneuten Relaunch ist dieser grundsätzliche Denkfehler nicht behoben. Und der Vorwurf, die Kritiker seien über das letztliche Modell (das nun vorliegt) nicht informiert, war nur eine weitere Nebelkerze.

Zudem sind erneut die Kategorien inkonsistent: An einer „beschreibend neutralen“ Äußerung ist überhaupt nichts schlecht – doch Mirko Lange vergibt an sie weniger Punkte (nämlich null) gegenüber einer „faktenbasierten“ Äußerung (+2). Dass Faktenbasiertheit und beschreibende Neutralität einander nicht ausschließen, ist nur einer von vielen Logikfehlern in dieser Nachbesserung.

Mein Eindruck ist: Mit dieser Gedankenakrobatik wird sich die Öffentlichkeit nicht ernsthaft befassen müssen. Auch dass emotionale Abgrenzung angeblich undemokratisch ist, dürfte nicht mehrheitsfähig sein.