Nur um das kurz voranzusetzen: Prinzipiell finde ich es nicht schlimm, wenn jemand Fehler macht. Fehler passieren. Auch der virtuoseste Violinist verspielt sich mal. Schreiber machen Tippfehler. Kein Thema.

Thüringen so groß wie 4000 Fußballfelder?

Kürzlich aber hörte ich in einem Vortrag eines Finanzexperten die Behauptung, der Freistaat Thüringen sei so groß wie 4000 Fußballfelder. Ohne zunächst die Zahlen zu kennen, meldete mein gesunder Menschenverstand: Das kann nicht sein. Auch in mir als Nichtmathematiker scheint ein Zahlengefühl zu existieren und ein Gespür für das Mögliche bei Ausdehnungen. Und Thüringen nur 4000 Fußballfelder groß – das war unmöglich. Diese intuitive Reaktion kam sofort.

Und schon war ich gedanklich raus aus dem Vortrag. Während der Redner weitersprach, überschlug ich Quadratmeter und Quadratkilometer – und glaubte dem Vortragenden vor allem fortan keine einzige Zahl mehr. Er schwirrte mit seinen Worten durch die Welt der Finanzen, Steuern und der Altersvorsorge und wollte seinem Publikum die Botschaft verkünden, dass es sich mit seinem Finanzkonzept befassen solle.

Doch offenbar hat dieser Finanzexperte Probleme mit der Mathematik. Und das finde ich dann schon eher schwierig.

Der Freistaat Thüringen ist laut Wikipedia 16.172,5 Quadratkilometer groß, ein Fußballfeld gemäß FIFA-Richtlinien 7140 Quadratmeter. Ein Quadratkilometer besteht aus einer Million Quadratmetern: 1000 Meter mal 1000 Meter.

Um mit einer Einheit zu rechnen, sprechen wir einfach von 16.172.500.000 Quadratmetern Thüringen, wobei ich mir dessen bewusst bin, dass die Nullen am Ende einem Rundungsfehler entspringen. Wir könnten auch das Fußballfeld in Quadratkilometer umrechnen, aber ich rechne schon laut Aussage meiner Mathelehrer besser links vom Komma als rechts davon. Es geht hier zudem nicht um einzelne Quadratmeter und eine unnötig präzise Kalkulation, sondern um einen Überschlag und die Frage, ob die Aussage des Redners überhaupt stimmen kann.

Wie oft also gehen 7140 Quadratmeter (Fußballfeld) in gut 16 Milliarden Quadratmeter (Thüringen) hinein? Nur 4000 Mal, wie der Finanzexperte wähnt? Nein. Die Division ergibt: 2.265.056 Mal. Die Fläche des Freistaates Thüringen entspricht also der Fläche von mehr als 2,2 Millionen Fußballfeldern in FIFA-Größe. 4000 Fußballfelder, wie der Finanzberater meinte, ergeben nur 28.560.000 Quadratmeter, also 28,56 Quadratkilometer.

28,56 Quadratkilometer – so groß ist beispielsweise die Gemeinde Uster im Kanton Zürich. Eine Gemeinde. Die nach menschlichem Ermessen erkennbar eben nur einen Bruchteil der Größe eines handelsüblichen Flächenlands der Bundesrepublik Deutschland ausfüllt. Dass 4000 Fußballfelder eine Gemeinde füllen können, nicht aber Thüringen, ist ein Gedanke, auf den man kommen kann, wenn man sich mit Zahlen und Größenordnungen befasst.

Unser Experte hat sich also ungefähr um den Faktor 566 verrechnet. Und das, weil es ihm in allererster Linie an Intuition mangelt. Dass er sich in den Tiefen des Steuerrechts mit allerlei Details auskennt, hilft ihm an dieser Stelle merkwürdigerweise nicht – obwohl wir in Deutschland doch landläufig denken, Spezialisierung sei Bildung.

Ein Finanzberater, der nicht rechnen kann

Einen Fehler um den Faktor 566 finde ich heftig für einen Finanzberater. Zu heftig, um ihm auch nur irgendeine weitere Zahl zu glauben, geschweige denn, um ihm meine Finanzen anzuvertrauen. Vertut er sich bei der Steuern- oder Rentenberechnung eines Mandanten ebenfalls um den Faktor 566, dürfte dieser ruiniert sein. Der Fehler enttarnt den Mann zudem in nur einer Sekunde als wenig glaubwürdig. Oder wie sollte das erklärbar sein – ein Finanzberater, der nicht rechnen kann?

Noch mal: Menschen machen Fehler. Klar. Aber das ist ein Fehler, wie wenn ein Zahnarzt den falschen Zahn aufbohrt, ein Schütze nach hinten feuert statt nach vorne oder ein Tierpfleger einen Wellensittich mit Hackfleisch füttert. Es ist kein Versehen, sondern etwas grundsätzlich Falsches, was nicht geschehen darf. Es ist ein Fehler, der die Absenderkompetenz des Redners ganz grundlegend infrage stellt.

Ich würde diesen Fehler nachsehen, wenn jemand über ein Motivationsthema spräche oder über Work-Life-Balance – da würde ich einfach sagen, der Redner möge seine Analogie noch einmal durchrechnen. Aber bei einem Finanz-, Steuer- und Rentenexperten rührt so ein Fehler an die Grundfesten des Berufes. Wenn er schon glaubt, ein Quadratkilometer bestehe aus 1000 Quadratmetern, was glaubt er noch so für einen Unfug in der Welt der Zahlen? Es ist, wie wenn ein Musiker Dur und Moll verwechselt oder ein Anglist nicht weiß, wo London liegt.

Wobei ich nur nach einigem Herumdenken herausfinde, wie der Mann vermutlich auf seine Rechnung gekommen ist. Erst dachte ich: Hat er beim Land Thüringen eine falsche Zahl zugrundegelegt? Doch selbst wenn er versehentlich die Fläche der österreichischen Gemeinde Thüringen von 5,67 Quadratkilometern herangezogen hätte, würde sich der Fehler nicht erklären.

Letztlich vermute ich zwei Denkfehler: Erstens dachte er, ein Quadratkilometer sei tausend Quadratmeter groß. Zweitens zog er die Minimalmaße eines Fußballfelds von 90 mal 45 Metern heran, was 4050 Quadratmeter ergibt. Die Multiplikation von 4050 Quadratmetern mit 4000 ergibt 16,2 Millionen Quadratmeter. Das klingt ein bisschen nach der Fläche Thüringens, wäre da nicht der Unterschied zwischen Quadratmetern und Quadratkilometern. 16,2 Millionen Quadratmeter sind 16,2 Quadratkilometer – und eben nicht 16.200 Quadratkilometer, wie es etwa Thüringen entspricht. Unser Mann hat sich also um eine Tausenderstelle verrechnet. Tatsächlich passen in Thüringens Fläche knapp 4 Millionen Fußballfelder der Minimalgröße und nicht 4000. Da ist er, der Denkfehler: Faktor 1000 auf der Basis der Annahme des kleinstmöglichen Fußballfeldes.

Mangel an gesundem Menschenverstand

Aber das alles ist noch gar nicht der Punkt, um den es hier eigentlich geht. Ein weiteres Problem neben dem Rechenfehler selbst ist in meinen Augen die selbstverständliche Sicherheit, mit der der Mann seine Behauptung aufstellt. Dabei müsste im Gehirn dieses Finanzmenschen sehr laut und deutlich eine Alarmglocke klingeln, die ihm klar macht, dass Thüringen größer sein muss als 4000 Fußballfelder. Es muss sofort klar sein, dass wir es irgendwo mit einem Fehler zu tun haben. Auch wenn wir im ersten Moment noch nicht genau wissen, worin der Fehler besteht. Ohne ihn bereits aufgespürt und nachvollzogen zu haben, muss der mathematische Spürsinn sagen, dass hier ein Fehler vorliegt. Auch und vor allem im Kopf eines Zahlenmenschen muss sofort klar sein: Da ist was faul.

Und das ist die Frage: Warum regt sich in diesem Finanzmenschen kein gesunder Menschenverstand, der ihm meldet, dass seine Rechnung nicht stimmen kann? Wieso ist da so gar kein Vorstellungsvermögen bezüglich der Flächen eines Bundeslandes und eines Sportfeldes? Weshalb ergibt sich nicht aus seiner Lebenserfahrung ein Gefühl für die Unmöglichkeit dieser Behauptung? Ist er noch nie gereist? Oder hat er eine Schranke, die verhindert, dass Erleben zu Erfahrung wird?

Der entscheidende Punkt ist: Wir können vermuten, dass er auch die Zahlen seiner Mandanten rein technokratisch und ohne jeden Realitätssinn betrachtet. Und das wäre einigermaßen fatal.

Mir ist auch völlig unklar, was der Vergleich mit den Fußballfeldern überhaupt soll – nur weil zahlreiche Journalisten diese abgenudelte und zugleich wenig vorstellbare Analogie bemühen, ist sie noch lange nicht sinnvoll. Irgendwie wollte der Redner die Zahl 4000 verdeutlichen, und er dachte, das Publikum würde schlauer, wenn er erklärt, dass das die Menge der Fußballfelder sei, die in den Freistaat Thüringen passe. Irgendwie so muss er sich das in seinem Kopf zusammengereimt haben. Aber selbst wenn er richtig gerechnet hätte, würde damit nicht deutlich, was er sagen will.

Wir haben ja jede Menge verrückter Vögel in der Speakerszene, aber so etwas habe ich selten erlebt. Dass jemand so gar nicht plausibel argumentiert und dabei auch noch fachliche Fehler macht, die seinen Expertenstatus unterminieren, ist wirklich schon eher selten.

Warum Steuerberater Vorstellungskraft brauchen

Jedenfalls führt mich der Rechenfehler wieder einmal zu der alten Erkenntnis, dass wir mit allem rechnen müssen. Alles ist möglich, auch das absurdeste Geschehen. Der Gedankenlosigkeit sind keine Grenzen gesetzt. Und aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund haben vor allem immer wieder Zahlenmenschen oft Probleme mit der Kommunikation. Es scheint schwierig zu sein für viele Zahlenmenschen, mitzuteilen, was sie denken – weil sie so sehr in ihren Details verhaftet sind, dass ihnen der Überblick über das Ganze, dessen sie ein Teil sind, abhanden kommt.

Eine Mitarbeiterin meines derzeitigen Steuerberaters sendet mir vor Abgabe einer Jahressteuererklärung eine E-Mail mit einem angehängten PDF mit meinem Privatkonto – vollgestopft mit Aus- und Einbuchungen derselben Posten, woraufhin mir eine privat befreundete Steuerberaterin bestätigt, dass das von völligem Dilettantismus in Sachen Buchhaltung zeugt. Auf meine Bitte hin putzt das Steuerbüro das 31 Seiten lange PDF. Was in der neuen Version zutage tritt, sind zahlreiche Betriebsausgaben, die im Privatkonto nichts verloren haben.

Und wieder einmal wechsle ich den Steuerberater. Denn auch in diesem Fall verfängt die Ausrede nicht, Menschen würden nun einmal Fehler machen – ich gebe meine Buchhaltung ja genau deswegen ab, damit sie in guten Händen ist. Und nicht, damit irgendwelche Amateure darin herumpfuschen und ich selbst noch einmal alles kontrollieren muss. Dann könnte ich meine Buchhaltung und meine Steuererklärungen auch gleich selber machen.

Es ist mir schleierhaft, weshalb manche Zahlenmenschen an so einfachen kommunikativen Dingen scheitern – warum ein Informatiker mir einen Film auf DVD brennt und diese DVD dann auf keinem einzigen meiner zahlreichen Laufwerke lesbar ist. Oder warum programmiert jemand unter kompletter Umweltvergessenheit ein Tool, das in seinen Tiefen höchst durchdacht und komplex ist, am Ende aber in seiner Komplexität schlicht nicht anwendbar ist, weil es niemand kapiert? Sind wir alle inzwischen so überspezialisiert, dass die einfachen Dinge flöten gehen? Was bringt das ganze hochspezialisierte Fachwissen, wenn der Experte dann darin so gefangen ist, dass er es niemandem mehr vermitteln kann?

Was ich bei vielen Zahlen- und Finanzleuten vermisse, ist die Vorstellungskraft. Ich vermisse den gesunden Menschenverstand, der einem sagt, dass 4000 Fußballfelder nicht für eine Fläche wie Thüringen genügen können. Ich vermisse den gesunden Menschenverstand, der einem sagt, dass es Betriebsausgaben sind, wenn ein Sachbuchautor Sachbücher kauft. Ich vermisse den gesunden Menschenverstand, durch den jemand einen angeblich unklaren Posten von 1046,47 Euro auf einem Kontoauszug findet, auf dem eine Buchung über 1000,00 Euro und eine über 46,47 Euro steht. Ich vermisse den gesunden Menschenverstand, der einem Mitarbeiter eines Steuerbüros darüber hinaus sagt, dass in dieser Buchhaltung der Wurm drin ist. Ich vermisse den gesunden Menschenverstand, der einem Steuerberater sagt, dass der Kunde unter diesen Umständen natürlich das Steuerbüro wechselt und sich einen Steuerberater sucht, der mitdenkt.

Finanzdienstleister müssen sich Vertrauen verdienen

Das Problem bei dem Rechenfehler im Vortrag des Finanzberaters und bei der Kommunikation des Steuerbüros ist das schwindende Vertrauen – und das, wo doch das Vertrauen vor allem nach der Finanzkrise eine der wichtigsten Eigenschaften von Finanzdienstleistern ist. Wie sollen wir Zahlenmenschen trauen, die schon an einer Flächenberechnung mit Quadratmetern und Quadratkilometern scheitern? Wie sollen wir darauf vertrauen, dass sie unsere Zahlen richtig berechnen – beziehungsweise: Weshalb sollten es ausgerechnet unsere Zahlen sein, die sie korrekt berechnen? Wie sollen wir Steuerberatern trauen, die den Betrag von 1046,47 Euro als unklar bezeichnen, den der Mandant durch einen einfachen Blick in die Kontoauszüge sofort klärt? Wie hat das Steuerbüro diese Buchungen denn verarbeitet? Schaut es sich überhaupt Kontoauszüge an?

Ich glaube, es wird Zeit für eine neue Kompetenzoffensive: raus aus der Box, Scheuklappen weg, weiter denken statt nur immer detaillierter – vor allem in der Welt der MINT-Berufe. Es muss Schluss sein mit der Detailverliebtheit bei gleichzeitiger Ignoranz des Rahmens. Klarheit und Verständlichkeit müssen her. Kundenperspektive. Und, ganz wichtig: Intuition! Es ist nicht damit getan, dass sich jemand im Detail hochspezialisiert auskennt. Ohne die gleichzeitige Fähigkeit zum Überblick ist das ganze Fachwissen nichts wert. Vertrauen entsteht nicht durch Fachidiotie, sondern durch Weitblick und kommunikative Kompetenz.