tnt

Es grenze an ein „kleines Wunder“, schreibt „jal“ von „Spiegel Online“, „dass die Anna-Ebert-Brücke in Magdeburg noch steht. Zum wiederholten Mal ist bei Sanierungsarbeiten an dem Bauwerk hochexplosiver Sprengstoff gefunden worden. Diesmal waren es 40 Kilogramm TNT, die Experten aus einem Pfeiler der Brücke herausholten.“

Hm. Das finde ich seltsam. Augenscheinlich meint „jal“ nicht, dass es an ein Wunder grenze, dass niemand die Brücke gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gesprengt hat. Sondern offenbar meint „jal“, es grenze an ein Wunder, dass das TNT in den Jahrzehnten nach dem Krieg oder bei der Sanierung nicht von alleine hochgegangen ist.

TNT ist ein Sicherheitssprengstoff

Nun habe ich mich in meiner Jugend in Theorie und Praxis relativ ausführlich mit Sprengstoffen befasst. Und ich denke mir: Moooment. Trinitrotoluol – das kennst du doch. Das unglaublich schwere organische Lösungsmittel Toluol, das im Wasser wie ein Stein als Blase auf den Boden des Becherglases sinkt, plus Nitriersäure, die quasi dreifach am Toluol andockt. Und da stimmt doch etwas nicht an der Geschichte. Nun liegt meine Zeit als leider nie mit einem Nobelpreis ausgezeichneter Chemiker etwa dreißig Jahre zurück. Also schaue ich bei Wikipedia nach und lese:

TNT ist noch heute ein wichtiger militärischer Sprengstoff. Verwendet wird er militärisch und gewerblich in Mischungen als Sicherheitssprengstoff, der nur durch Initialzündung (beispielsweise durch eine Sprengkapsel) zur Detonation gebracht werden kann. Gegossenes TNT benötigt zur sicheren Zündung sogar eine Verstärkerladung, den so genannten Booster. TNT allein wird durch Brand oder Hitze nicht explodieren; es brennt einfach ab.

Dachte ich es mir doch. Das Zeug ist – so gelagert – ungefährlich. Der Mitteldeutsche Rundfunk bestätigt meine Vermutung:

Nach Angaben des Kampfmittelbeseitigungsdienstes ging von dem Sprengstoff keine Gefahr aus, weil unter anderem die Zündkapseln fehlten. Außerdem hätte der Sprengstoff trocken und hinter dicken Mauern gelagert.

Vermutlich (meine Vermutung) hatten die im Zweiten Weltkrieg für solche Aktionen seitens der Deutschen zuständigen Pioniere der SS irgendeinen Zugang gelegt, um den TNT-Ladungen bei Bedarf die für eine Detonation nötige Initialzündung zu verpassen. Das Ganze dürfte sowieso insgesamt ganz vernünftig geplant worden sein, wenn man das mal militärisch sieht.

„Spiegel Online“ dramatisiert und erzählt Unfug

Die Bezeichnung „hochexplosiv“, die „Spiegel Online“ bemüht, um den Puls des Lesers zu erhöhen, der ständig auf Brücken unterwegs ist, ist jedenfalls falsch unter diesen Umständen. Es ist einfach mal wieder eine hohle Dramatisierung – viel Lärm um nichts, wie wir das von „Spiegel Online“ eben kennen. Und es ist Betrug am Leser, weil „Spiegel Online“ schlicht Unfug verzapft.

Solche Skandalisierungen sind üblich geworden im Journalismus, leider, und es ist auch ein Grund dafür, dass immer mehr Menschen den klassischen Medien den Rücken kehren. Wenn „Spiegel Online“ schon harmlos lagerndes TNT „hochexplosiv“ nennt – welche Unwahrheiten und Fehleinschätzungen, die wir nicht unbedingt sofort erkennen, lassen die Desinformationsexperten dieses Boulevardmagazins noch auf uns los?

Letztlich plaudert „jal“ von „Spiegel Online“ einfach nur munter unwissend daher. „jal“ plaudert daher ohne jeden Sinn für die wunderbare Vielfalt der faszinierenden Chemie, aber dafür eben in einem sicher geglaubten Klischee: Sprengstoffe können einfach so explodieren.

Als wären wir in einem Kinofilm.

Elende Narrative: Storytelling ist kein Journalismus

Dieses simple Denken ohne jede Differenzierung ist ein klassisches Journalisten-Narrativ, wonach nicht das reale Geschehen zählt, sondern die Story passen muss. Es ist das Narrativ einer einfachen Welt der einfachen Wahrheiten. Schlangen sind giftig, mit einem Pistolenschuss ist man tot, Geschäftsleute tragen Krawatte. Es sind kindliche Analogien, die in einer Schülerzeitung zu erwarten wären, sich aber im Hause „Spiegel“ finden.

Ob man im Hause „Spiegel“ übersieht, dass der Journalismus uns informieren und zur Meinungsbildung beitragen soll? Für den Nervenkitzel sind für meine Begriffe fiktionale Formate zuständig. Ich finde, Storytelling hat im Journalismus fast nie etwas verloren – nur dann, wenn das reale Geschehen zufällig selbst einem Hollywood-Prinzip entspricht.