Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ist pleite, und bei der „Financial Times Deutschland“ (FTD) geht es auch zu Ende – was mich nicht wundert, wenn man in Zeiten des Internets weiterhin so Zeitung macht wie immer. Dabei ist es ganz egal, ob man Redaktionsgemeinschaften bildet oder ein Blatt aufs Tabloid-Format bringt – alle diese Schritte sind nur innerhalb des alten Denkens im Print richtig. Mit Blick nach vorne sind sie genau das Falsche.

Und wenn man das Falsche tut, so geschieht eben auch das Absurde, und ausgerechnet ein Wirtschaftsblatt macht Miese und dicht. Ein Wirtschaftsblatt, dessen Macher doch wissen müssten, wie es geht – schließlich schreiben sie übers Business. Chefredakteur Steffen Klusmann hat in diesem Punkt Selbstkritik geübt, was ich klasse finde.

Als die FR aufs Tabloid-Format umstieg, war das pure Kosmetik: Klar, man kann die Zeitung nun in der U-Bahn besser lesen. Aber angesichts des Strukturwandels in der Medienlandschaft war es rausgeworfenes Geld. Für viele vielleicht ein richtiger Schritt, aber eben nur, wenn man weiterhin an papierne Datenträger für überregionale Nachrichten glaubt. Die Umstellung auf das Tabloid-Format war, als versehe man im Automobilzeitalter eine Pferdekutsche mit Winterreifen. Innerhalb des Settings „Kutsche“ wäre das sicher sinnvoll. Aber wenn die Alternative „Auto“ heißt? Dann ginge es darum, das Setting zu hinterfragen.

Der sinnlose Kampf um Aktualität

Ich war ja auch mal bei der Zeitung. Meine Aufgabe war es zuletzt als Schlussredakteur, die Zeitung mehr oder weniger auf Plausibilität in ihrer Performance zu prüfen und sie vor allem bis in den späten Abend hinein möglichst aktuell zu halten. Im Irak-Krieg war es nahezu jeden Abend nötig, Seiten umzubauen und Druckplatten neu belichten zu lassen, damit die Diskrepanz zwischen der Nachrichtenlage gegen 23 Uhr und der bedruckten Zeitung um 6 Uhr am Kiosk möglichst gering blieb. Und je mehr Zeit verging, desto mehr von der Morgen-Auflage war schon gedruckt. Das heißt, irgendwann hatte das Aktualisieren keinen Sinn mehr. „Aktuell“ wären nur noch ein paar tausend Exemplare, und selbst diese Aktualität wäre eine Illusion.

Zugleich ist das Aktualisieren auch eine Frage der Ökonomie, denn jede neue Druckplatte kostet Geld. Also wägt man ab: Lohnt es sich, wegen eines Tippfehlers im Lokalen die Seiten 2 und 47, die sich ja bei einer Zeitung von 48 Seiten gemeinsam auf einer Druckplatte befinden, neu zu machen? Wenn mittwochs und samstags die Lottozahlen eintrudeln, macht man die letzte Seite sowieso neu, also kann man ohne Mehrkosten auch an der Eins ein bisschen Kosmetik machen, wenn eine Farbe nicht so hübsch ist. Stellen Sie sich bitte mal vor, zu welchen Überlegungen der Datenträger Papier eine Redaktion zwingt!

Ich weiß, das hört sich in Zeiten des Online-Journalismus nach Steinzeit an, aber Zeitungen arbeiten nach wie vor genau so. Der Print-Journalismus hechelt noch immer der Aktualität hinterher, und eine Menge Ressourcen gehen für Technik drauf. Tageszeitungsjournalisten denken insgesamt um einen Tag verschoben: Sie haben nicht am Feiertag frei, sondern am Tag davor. Das ganze Leben als Tageszeitungsjournalist ist wegen der Produktionsweise von Zeitungen um vierundzwanzig Stunden versetzt.

Zeitung ist naturgemäß veraltet

Es ist ja auch nicht so, dass das was Neues wäre. Print-Redakteure wussten schon immer, dass ihre Zeitung schon veraltet ist, wenn sie erscheint. Im Grunde ist sie schon im Druck veraltet. Geschuldet ist das dem Datenträger Papier und der fürchterlich komplizierten Herstellungsweise. Schon in Zeiten ohne Internet war die „Tagesschau“ um 20 Uhr meist aktueller als die Zeitung am nächsten Morgen.

Und mit der komplizierten Herstellung ist es ja nicht getan. Der Vertrieb ist noch mal ein völlig altertümlicher Aufwasch: Wenn das von vornherein veraltete Produkt fertig ist, verlädt man es in Lastwagen und karrt es durch Deutschland, durch die Städte, verteilt es an Kiosken, verteilt es in Briefkästen, man fliegt dieses von vornherein veraltete Produkt mitunter auf die spanischen Inseln und an die europäischen Flughäfen und Bahnhöfe, und das jede Nacht, tausendfach, obwohl wir alle wissen, dass es ein Umweltfrevel erster Güte ist, solche Unmengen von Papier zu verfrachten, wo es doch nur um die Nachrichten geht, die darauf gedruckt sind.

Der ganze Aufwand entsteht also nicht etwa durch den Journalismus, sondern durch das Trägermaterial. Nicht das Nachrichtengeschäft bedingt diesen Wahnsinn, sondern die Fesselung der Nachrichten ans Medium Papier. Man halte sich vor Augen, wie ineffizient Zeitung insofern ist – schon daran gemessen ist es klar, dass Zeitungsverlage einknicken, wenn das Anzeigengeschäft ins Internet abwandert. Zumal der Gedanke, auf Papier zu drucken, vollkommen steinzeitlich ist: So, wie wir Zeitungen machen, könnten wir auch E-Mails ausdrucken, in einen Briefumschlag packen, frankieren und durch die Welt schicken.

Wieso halten Print-Redakteure an ihren Jobs fest?

Von außen betrachtet, kann man auch nicht davon ausgehen, dass dieses System einem dauerhaft den Job sichert. Mich wundert es, dass sich so viele kluge Journalisten an ihre Print-Jobs klammern – dabei ist es offenkundig, dass es so dauerhaft nicht weitergehen kann.

Kodak unterlag einer ähnlichen Blindheit: Dort hat man sich auf dem Ruhm der Bilder der ersten Mondlandung und zahlreicher Oscars für Filme auf Kodak-Material ausgeruht und ignoriert, dass die Datenträger Negativ- und Diafilm gerade veralten. Auch hier frage ich mich, wie trübe eine Wahrnehmung denn sein muss, damit man aus so einer Entwicklung nicht die richtigen Schlüsse zieht.

Mir liegt es dennoch fern, die Kolleginnen und Kollegen der FR und der FTD zu kritisieren. Die meisten werden ambitionierte Journalisten sein, die auch einen wunderbaren Job gemacht haben. Klar ist die Alternative vieler dieser Betroffenen nun die Selbstständigkeit auf Basis einer klugen Positionierung, was sich von Einzelfall zu Einzelfall natürlich anders gestaltet. Der Berliner Verlag bezahlt inzwischen Starthilfen, die eine Existenzgründung locker möglich machen, wenn man seine Geschäftsidee nicht völlig daneben aufzieht.

Wobei es, was die Zeitungen betrifft, vielleicht einen Weg gibt. Gehen wir einmal nicht vom Denken eines Verlages oder einer Redaktion aus, sondern von der Wahrnehmung der Leser (und wegen dieses Perspektivenwechsels steht dieser Blogbeitrag auch unter „Mitdenken“). Was wollen die Leute? Beziehungsweise: Denken wir ein wenig ökonomisch. Was ist in der Publizistik ein „knappes Gut“?

Warum ist ausgerechnet die Politik Aufmacher?

Die Politik, mit der die meisten Zeitungen nach wie vor aufmachen, obwohl diese Aufmacher naturgemäß veraltet sind, ist ganz gewiss kein knappes Gut. Die Auslandspolitik nicht, die Innenpolitik nicht. Niemand braucht eine Tageszeitung, um zu erfahren, dass die Hamas Raketen auf Israel feuert. Ziehen wir daraus den richtigen Schluss, ist schon mal klar: Weder die Innen- noch die Außenpolitik kann ein Aufmacher sein. Was die allermeisten Zeitungen traditionell auf Seite eins bringen, ist genau falsch. Die Langeweile ist redaktionell programmiert.

Was ist mit der überregionalen Wirtschaft? Hier ist es genau das Gleiche. Sie fällt als Aufmacher ebenso aus wie das überregionale Feuilleton. Das Internet ist voll von all dem – ich habe keine Ahnung, warum ich dafür Geld ausgeben sollte. Der Sport – ja, wenn es etwas zu analysieren gibt, aber das gibt es nicht immer. Außerdem wäre die Konsequenz, dann auch eine Sportzeitung zu machen. So wie die meisten Tageszeitungen sich ja bisher auch vor allem als Politikzeitungen inszenieren, die zu glauben scheinen, man müsste die Politiknachrichten möglichst billig einkaufen und das Regionale und Lokale kaputtsparen.

Von außen betrachtet, sollten wir genau das hinterfragen: Warum haben Zeitungen ausgerechnet den Schwerpunkt Politik? Wer hat das jemals so entschieden? Wieso? Ist ihnen das Lokale etwa zu klein? Verwechseln sie „lokal“ mit „provinziell“? Welche Ignoranz: Wenn irgendwelche Journalisten konkret berichten und Klartext schreiben, dann sind es vor allem die Lokaljournalisten. Wenn jemand Achtzeiler liest, dann vor allem im Lokalen.

Warum sollten Meinungsbeiträge eine Zeitung retten?

Und auch Meinungsbeiträge sind kein knappes Gut. Jede Menge feuilletonistisch zusammengeschwurbelte Interpretationen seitens großteils sozialwissenschaftlich konditionierter Schreiber erregen schon im Netz einen absurden Anschein von Relevanz. Meinung gibt es im Internet zuhauf, die brauchen wir – zumindest ökonomisch gesehen – nicht auch noch gedruckt. Nichts gegen gut begründete Meinungen und gut geschriebene Kommentare wie beispielsweise in der „Süddeutschen Zeitung“, die unter anderem genau davon lebt. Aber erstens: Können muss man’s, und das Handwerk, gute Kommentare zu schreiben, beherrschen nur sehr wenige. Und zweitens: Wir suchen ja ein ökonomisch gesehen knappes Gut. Wir suchen ja nicht nach dem, was gesellschaftlich gefordert ist, sondern nach etwas, wodurch eine Zeitung leben kann, nach einer USP und einem spezifischen Nutzen. Per se ist Meinung kein knappes Gut, so wichtig sie auch ist.

Ich sehe es an meinem eigenen Leseverhalten: Den Mantel der „Märkischen Allgemeinen“ (MAZ) werfe ich meist sofort ins Altpapier, sofern der Aufmacher keinen regionalen Bezug hat. Was im Mantel steht, weiß ich schon, weil ich ja nun einmal Nachrichten im Internet lese, im Radio höre und im Fernsehen verfolge. Womit Zeitungen heute „aufmachen“, ist meist eben kein Aufmacher, der diesen Namen verdienen würde.

Weiß der Henker, warum die Zeitungen diesen einfachen Zusammenhang nicht scharfstellen, wo doch die Leute in Verlag und Redaktion selbst Nachrichten aus Netz und Fernsehen beziehen. Vielleicht brauchen sie ja erst Studien für das Offensichtliche – wie viele, die dem universitären System entstammen und keinen unternehmerischen Hintergrund haben. Mich wundert es jedenfalls nicht, wenn Zeitungen pleite gehen, die die Leute systematisch langweilen. Dass ich nicht der Einzige bin, für den der Mantelteil irrelevant ist, ignorieren die Zeitungsverlage seit Jahren.

Das einzig knappe Gut ist das Lokale

Was ich hingegen lese, ist der Lokalteil. Und genau hier ist das knappe Gut. Das Lokale und Regionale. Lokalpolitik, lokale Wirtschaft, lokale Kultur, Lokalsport. Wer, wie ich heute, auf dem Land lebt, will wissen, was im Dorf und in der nahen Kleinstadt geschieht, wie schon einmal beschrieben. Wer, wie ich früher, in Berlin-Mitte lebt, will wissen, was in Mitte geschieht.

Und genau das leistet niemand. Wir haben hier auf dem Land weder eine solide News-Plattform im Netz noch eine starke Lokalredaktion. Sicher, die Lokalredaktion tut, was sie kann, die Leute sind gut, aber es sind eben zu wenige. Die Lokalredaktion kann gar nicht wiedergeben, was hier alles geschieht. Und in der Großstadt? Da handeln die Zeitungen das lokale Geschehen, wenn überhaupt, auf „Bezirke-Seiten“ ab. Da lese ich also als Bürger von Berlin-Mitte auf engstem Raum die jeweils wichtigsten Nachrichten aus Zehlendorf und Charlottenburg, aber nicht das, was mich interessiert.

Im Grunde ist eine kluge Filterung gefragt. Zeitungen präsentieren Lokal-News wie Galeria Kaufhof Parfüm: Es ist nicht nach After Shave und Eau de Toilette geordnet, sondern nach Boss und Joop. Dabei sucht der Käufer in der Regel ein Deo – und nicht egal was, Hauptsache von Joop. Ebenso wenig vom Käufer aus gedacht präsentieren Großstadtzeitungen Lokalnachrichten. Sie präsentieren sie nur von der Redaktion aus gedacht. Was ist das Wichtigste aus den Bezirken? Das sammeln und werfen sie zusammen. Obwohl der Bürger von Mitte alles aus Mitte wissen will und vielleicht nichts aus Charlottenburg.

Man liest also die jeweiligen Top-Meldungen aus den Bezirken, wobei die anderen Nachrichten aus den Bezirken unter den Tisch fallen. Und das, obwohl der einzelne Leser aus Mitte sich nicht nur für die eine Top-Meldung aus Mitte interessiert, sondern für alle relevanten Meldungen aus Mitte. Und für die aus Charlottenburg gar nicht, egal, wie top sie für Charlottenburg sind. Mitte ist ja eben nicht Charlottenburg. Das machen Zeitungen seit Jahr und Tag so, obwohl sich lokale Inseln problemlos machen ließen. So leserfeindlich gefiltert haben sie schon, lange bevor das Wort „Internet“ den Leuten ein Begriff gewesen wäre oder gar so etwas wie „Usability“.

Der zugrundeliegende Denkfehler bei der Filterung ist der gleiche wie beim Verkehrsfunk des Deutschlandfunks: Statt Verkehrsmeldungen über die terrestrischen Frequenzen regional zu ordnen, bringt die Redaktion alles. Und ist viel Verkehr, kürzt die Redaktion die Menge, indem sie nur noch Staus ab einer bestimmten Länge vermeldet. Was für den Hörer auf der A9 bei Ingolstadt heißt, dass er von acht Kilometern Stau auf der A2 bei Herford erfährt, nicht aber von den drei Kilometern Stau direkt vor sich. Und damit verliert der Verkehrsfunk des Deutschlandfunks bei viel Verkehr seinen Sinn komplett. Wie oft bei schlechter Usability, bedarf es der Nutzersicht, um den Denkfehler zu erkennen. Im Zeitungsgeschäft ist dieser Denkfehler omnipräsent. Und wer die Kundenperspektive ignoriert, geht nun mal ein.

Nachrichten verticken wie Dosenfutter

Das Problem ist, dass Manager von Zeitungsverlagen oft ziemlich konservativ denken. Viele glauben, man könne Zeitung so verticken wie Dosenfutter, und ein BWL-Studium genüge dafür. So gedacht, bildet man fürs Überregionale Redaktionsgemeinschaften, um die Kosten zu drücken – statt das Überregionale aufzugeben, weil dort ohnehin nicht die Stärke der Zeitung liegt, und die wahre Kompetenz, das Lokale, zu fördern. Doch das, worin sie stark sind, lassen sie verkümmern.

Wenn man sich den Gedanken der überregionalen Redaktionsgemeinschaft ansieht, scheint den Verlagen schon klar zu sein, dass die Leute fürs Überregionale keine Zeitung mehr brauchen. Aber sie lassen daraus nun einmal bisher keine konsequenten Entscheidungen folgen. Statt die richtigen Schlüsse aus dem Niedergang zu ziehen und sich aufs Lokale zu konzentrieren, strukturieren sie das, wovon sie sich trennen sollten, neu. Statt das Überregionale entweder gut oder gar nicht zu machen, bringen sie billige, austauschbare Nachrichten im Internet, die man überall liest, und schreiben drunter: „Jetzt weiterlesen und Rheinische Post testen“. Es ist, als würde man Luft atmen und lesen: „Wollen Sie mehr atmen? Jetzt weiteratmen und Rheinische Luft testen“. Mir scheint es oft, als hätten diese vielen Verlagsmanager die einschlägigen Episoden der „Sesamstraße“ entweder nie gesehen oder nichts daraus gelernt.

Die Nutzersicht ist dabei so simpel: Wieso sollte ich den Link zur Rheinischen Post anklicken? Beliebige Informationen bekomme ich doch überall! Und darum ist es eben Unsinn, eine Redaktionsgemeinschaft fürs Überregionale zu bilden. Entweder das Überregionale ist eine Stärke – dann verstärkt man es (und spart es nicht zusammen). Oder es ist eine Schwäche – dann haut man es raus. Auch beim Lokalen haben sich die Verlage nie klug entschieden: Das Lokale sparen sie kaputt. Und das, obwohl nur das Lokale ein Grund wäre, eine Zeitung zu testen. Dass die Verlage ihre Stärke nicht stärken, sondern schwächen, verstehe, wer will.

Ich glaube, das Ganze hat sich so entwickelt, weil sowohl Verlage als auch Zeitungen die Bodenhaftung und den Nutzerblick verloren haben. Die Verlage sind zu marketing- und MBA-versaut, die Redaktionen zu abgehoben, zu vergeistigt, zu bildungsbürgerlich und auch zu gewerkschaftsversaut und insofern ebenso ideologisch wie die BWLer im Verlag. Was sowohl den Verlagsleuten als auch den Redaktionen fehlt, sind das einfache, hemdsärmelige Geschäftsdenken, die Bauernschläue, die Erfahrung und die Intuition. Alle zusammen denken schlichtweg zu komplex. Das Naheliegende, was jeder Leser sagt, aber in keiner komplexen Marketingumfrage zutage kommt, weil deren Setting zu abstrus ist, ist zu einfach und darf daher nicht richtig sein.

Im Lokalen liegt für meine Begriffe eine, wenn nicht die Lösung für das Problem. Das Lokale ist eine Marktnische. Keines der mir bekannten Medien hat den Regional- und Lokaljournalismus wirklich drauf. Die kostenlosen Wochenblätter auf dem Lande finden ihre Leser – und das, obwohl sie meistens ziemlich wurstig sind. Welches bessere Indiz für ein Marktpotenzial gibt es? In Sachen Qualität sind die Käseblätter locker zu schlagen.

Eine „Frankfurter Rundschau“ für Frankfurt

Vereinfacht gesagt, könnte sich die FR also auf Frankfurt konzentrieren, schließlich steht die Stadt sogar im Titel. Ich habe noch nie verstanden, warum eine „Berliner Zeitung“ eher aus Brüssel und New York berichtet als aus Berlin, und wie sie sich einen so verbesserungsfähigen Lokalteil erlauben kann. Und die FTD wird ein lokales Wirtschaftsblatt, das in allen Städten Deutschlands lokale Wirtschaftsredaktionen hat.

Wäre ich Frankfurter, würde ich ohnehin eine Zeitung vermissen, die mir mehr über das Geschehen aus Sachsenhausen und Bockenheim verrät als über das Denken ihrer Redakteure. Lokaljournalismus kann so eine Zeitung ja gerne in linksliberalem Stil machen, wenn’s denn unbedingt sein muss, aber es ist nicht nötig. Und vielleicht hat die Ideologie ja auch viele genervt. Und wenn die „FTD Prignitz“ mit der aktuellen Autohaus-Pleite in Wittstock aufmacht und ansonsten noch nur eine Seite lokale Wirtschaft bringt, abonniere ich sie – selbst wenn sie, wie bei Wirtschaftsblättern üblich, weiter hinten gedruckte Aktienkurse bringen würde, die schon beim Frühstück veraltet sind.

Aber von dieser absurden Offline-Schrulle abgesehen: Das Wirtschafts-Know-how der FTD hier draußen – das wär’s. Eine Seite würde genügen. Hauptsache, lokal. Ich würde schon für eine DIN-A-4-Seite mit täglichen lokalen Wirtschaftsnachrichten bezahlen, auch wenn das denjenigen, die gerne über den Internationalen Währungsfonds und die EU berichten, nicht fein genug wäre. Aber es geht ja eben nicht um die Eitelkeit von Journalisten, sondern um den Bedarf der Leser. Genau das gilt es ja zu begreifen von Seiten der Redaktionen.

Der Charme des Lokalen ist so naheliegend, dass ich mich frage, weshalb es niemand zu sehen scheint: Lokalpolitik als Aufmacher, ebenso lokale Wirtschaft, lokale Kultur und lokaler Sport – solche Nachrichten kennt noch niemand aus dem Radio, dem Fernsehen oder dem Internet, wenn er morgens die Zeitung in der Hand hält.

Und da greift dann auch der Gedanke von Sascha Lobo zu kurz, der philosophiert, Nachrichten seien per se im Fluss. Das ist zwar ein hübsches theoretisches Gedankengebilde, das im Sinne des Feuilletons und dessen Denkens sicher zutrifft. Aber: Eine Lokalnachricht, statisch in die Zeitung gedruckt wie früher, ist immer noch eine Nachricht. Wenn der Bürgermeister am späten Nachmittag etwas entscheidet, was am nächsten Morgen in der Zeitung steht, brauchen wir keine geisteswissenschaftliche Abhandlung über das „Alles fließt“ einer Nachricht. Sondern dann ist es schlicht eine Story, weil es die Leute interessiert – und die vor allem „die anderen“ nicht haben, weil eben sonst niemand aus Wittstock an der Dosse berichtet. Niemand erfährt über Nacht über einen anderen Kanal davon. Es ist wie früher. Die Story ist auch am Morgen, ungeachtet jeglicher Gedankenakrobatik von Medienexperten, immer noch eine Story. Diese Story ändert sich hier auf dem Land nicht über Nacht. Wir gehen hier abends schlafen.

Zu einfach, weil es einfach erscheint?

Und das gilt für 90 Prozent von Deutschland: Der Großteil des Landes kennt diesen Info-Wahnsinn gar nicht, über den die Theoretiker diskutieren. Der Großteil des Landes will einfach nur Nachrichten, und die übertheoretisierten Verlagsleute und Redakteure versagen ihnen das, weil es ihnen als zu einfach erscheint. Sie entfernen sich immer mehr von den Lesern, weil sie irgendwelchen Management- und Marketingkonstrukten folgen, statt ihren gesunden Menschenverstand einzuschalten, der oft genug durch ein Studium verschüttet ist.

Genau deswegen ist das Lokale eine Marktnische, und zwar so gut wie überall in Deutschland. Das gilt ganz gewiss so lange, wie der Lokaljournalismus noch nicht von denselben kannibalistischen Online-Mechanismen durchwuchert ist wie der Außen- und der Innenpolitikjournalismus. Und das ist der Lokaljournalismus eben noch nicht. Auch wenn das Leute so darstellen wollen, die sich von überregionalen und damit austauschbaren Nachrichten blenden lassen, indem sie den Lokaljournalismus als solchen einfach ignorieren.

Mir scheint es, als verfehle die Debatte um die Zukunft der Zeitungen bisher das Thema. Es geht gar nicht darum, dass eine Zeitung nicht einen bestimmten Impetus haben soll. Doch wenn ich linksliberale oder wirtschaftsfreundliche oder was weiß ich welche Positionen vermitteln will, ziehen diese Positionen nicht mehr, weil wir Positionen überall für lau bekommen. Also brauchen wir dazu einen Schlüssel. Und der Schlüssel muss etwas Gefragtes sein, ein knappes Gut. Dieses ist in der Publizistik genau das Lokale und Regionale. Die Leute wollen das knappe Gut, also geben wir es ihnen doch. Dann können wir im Schlepp gerne unsere Meinungen bringen oder stolz sein auf unser Tabloid-Format oder auf die Farbe unseres Papiers. Aber erst mal müssen wir das Must-have erledigen und schauen, welchen Bedarf wir mit unserer Zeitung decken. Wir müssen unternehmerisch denken und verstehen, dass wir Nachrichten verkaufen und kein Papier.

Nicht nach dem Datenträger fragen, sondern nach dem Inhalt

Der Leitgedanke in der Zeitungsdebatte dreht sich bisher seltsamerweise meist ums Papier. Die Branche fragt sich: Über welches Medium wollen die Leute Informationen? Die allermeisten, die darüber debattieren, wägen Papier und Internet gegeneinander ab.

Dabei geht es gar nicht um den Datenträger. Es ist Unsinn, die Zahlungsbereitschaft der Menschen vom Datenträger abhängig zu machen. Die Zahlungsbereitschaft ist vom Inhalt abhängig – Lokalnachrichten würde ich auch auf Plastikfolie kaufen und lesen (und übrigens auch im Internet). Darum muss die Frage simpel lauten: Was wollen die Leute wissen? Es geht um die Knappheit der Information.

Die oft gehörte Aussage, dass die Leute für Print nicht mehr zahlen, ist deshalb insofern falsch. Wenn wir ein paar Konventionen über Bord werfen und den Print solide und professionell recherchiert und geschrieben mit dem Lokalen aufmachen, bezahlen die Leute dafür.