Ich arrogant? Da steh ich drüber!

 

Eine Kollegin hat zwei Freundinnen. Eine, die auch erfolgreich ist, und eine, die nicht so erfolgreich ist. Mit der, die erfolgreich ist, blüht die Freundschaft; beide ergänzen und inspirieren sich. Mit der anderen wird es langsam schwierig. Denn von der anderen kommen Sprüche wie: „Du hast ja auch immer so ein Glück“ und Ähnliches.

Glück? Der Erfolg der Kollegin soll die Folge von Glück sein? Eine infame Frechheit, wenn man bedenkt, dass der Erfolg der Kollegin eine Folge von Initiative, Arbeit und Leistung ist. Ich sehe diese Frau seit Jahren arbeiten! Sie arbeitet effektiv, effizient, nicht nach Vorschrift, sondern ergebnisorientiert. Und dann kommt jemand daher, geprägt von einer Acht-bis-sechzehn-Uhr-Haltung, und faselt etwas von Glück?

Der Gedanke des „Glücks“ ist geradezu kränkend. Er zeigt, dass die erfolglose Freundin nicht versteht, wie es funktioniert. Er unterschlägt, dass die erfolglose Freundin erfolgreich sein könnte, wenn sie einfach die gleichen Dinge täte. Es ist schon klar, warum erfolglose Menschen den Erfolg anderer Menschen gerne als Glück abtun, während sie selbst ihren Misserfolg als Pech oder Folge von Umständen, Zeitnot, Geldnot oder der bösen Welt bezeichnen. So ist man eben selbst nicht daran schuld und kann da bleiben, wo man ist.

Das Ganze verdeutlicht auf traurige Weise eine bedauerliche Erkenntnis: Erfolgreiche Menschen werden erfolglose Menschen bald nicht mehr gerne treffen, weil die erfolgreichen Menschen es leid sind, sich ständig für ihren Erfolg rechtfertigen zu müssen.

Dann gibt es noch eine spannende Frau in meiner Umgebung. Sie hat eine extrem hohe Auffassungsgabe, sie ist unglaublich schnell, hoch intelligent, in jeder Hinsicht, und oft auch ungeduldig. Der Vorwurf anderer Menschen an sie lautet oft, sie sei arrogant und halte sich für etwas Besseres. Weil sie als intelligenter Mensch selbstkritisch ist, checkte sie sich selbst ab — ohne Ergebnis. Darum neigte sie dazu, den anderen prophylaktisch Recht zu geben, weil sie selbst nichts an sich fand und vermutete, da sei etwas, was sie nicht sehe und was die anderen (so wie sie nun mal sind) nicht formulieren konnten.

Diesen Zahn des extern verursachten Selbstbetruges konnte ich dieser wirklich außerordentlichen Frau in einem Gespräch vermutlich ziehen: Sie ist nicht arrogant. Sie ist nur auf ihrem Niveau. Sie weiß, was sie will, wie sie es erreicht, und sie denkt klar und strukturiert. Das ist gut, das ist wundervoll. So jemandem macht man keine Vorwürfe, zumal keine ungerechtfertigten und aus Vorurteilen und Dummheit resultierenden.

Kommen andere nicht mit und betrachten sie aus einer Haltung der Unterlegenheit, so kommt natürlich schnell der Vorwurf der Arroganz, doch der ist subjektiv und eine reine Meinung. Dem Vorwurf kann man ironisch kontern, indem man sagt: „Arroganz? Da stehe ich drüber!“ Doch nüchtern betrachtet ergibt sich eine einfache Folgerung: Zur Arroganz gehören zwei, darunter jemand, der sich unterlegen fühlt. Der als arrogant Empfundene ist nicht per se arrogant, und viele Menschen, denen Arroganz vorgeworfen wird, überheben sich nicht über andere, sondern bewegen sich nur auf ihrem Niveau. Sich auf seinem Niveau zu bewegen, ist nicht arrogant.

Ich habe die spannende Frau gefragt: Haben dir eigentlich schon mal Leute Arroganz vorgeworfen, die mit dir auf Augenhöhe sind, deinen Ansprüchen genügen und dein Tempo haben? Sie dachte nach und antwortete: „Nein.“ Andere Menschen auf ihrem Niveau empfinden sie eher als inspirierend, beeindruckend, befruchtend. Und das ist es! Die tolle Frau ist nicht überheblich, sie wird nur von manchen Menschen als überheblich empfunden, und das zufällig von denen, die sich im Umgang mit ihr unterlegen fühlen. Der Gedanke der Überheblichkeit entsteht in deren Kopf. Die spannende Frau ist nicht arrogant. Der Vorwurf der Arroganz gegenüber dieser Frau ist ein Zeichen für mangelnde Menschenkenntnis, für mangelnde Lebenserfahrung, für mangelnde emotionale Intelligenz, schlicht: für Dummheit.

Der Vorwurf der Arroganz aus dem Munde des Dummen ist wie wenn das Huhn dem Adler vorwirft, er sei abgehoben. Der Adler ist, wie er ist, er tut, was er tut. Der Adler hat keinen Grund, sich zu ändern und am Boden herumzukrauchen, nur weil Hühner nicht richtig fliegen können. Er wird vermutlich nur bald keine Lust mehr haben, sich mit Hühnern zu umgeben und wird lieber die Nähe von Adlern suchen.

Arroganz ist etwas völlig anderes, als sich auf seinem Niveau zu bewegen. Arrogant ist zum Beispiel eine Bedienung in einem Hamburger Szeneladen mit berühmtem Kuchen, wenn sie mir etepetistisch und mich musternd sagt, man verkaufe doch keinen Kuchen zum Mitnehmen und dabei die Augen verdreht. Hier gebe es nur Kuchen, wenn man sich auch reinsetzt und Kaffee trinkt. Das ist arrogant. Es ist nicht arrogant, wenn man sich auf hohem Niveau bewegt. Sondern es ist arrogant, wenn man auf andere herabblickt. Wenn man sich etwa auf niedrigem Niveau bewegt und so tut, als bewege man sich auf höherem. Wie die Bedienung in dem Hamburger Szene-Kuchen-Laden: Sie ist überheblich, ganz ohne Grund, sie überhebt sich über mich, und das ohne mich zu kennen, ohne Bezug zur Sache, sondern sie tut nur völlig fundamentlos so, als sie sei was Besseres, weil sie eben in Hamburgs berühmtem Kuchenladen arbeitet.

Und die Verbindung zwischen Erfolg und Arroganz? Die ist ganz einfach. Wobei es bei Erfolg nicht nur um Geld geht.

Erfolg muss nicht unbedingt „finanzieller Erfolg“ sein. Erfolg heißt nur, dass man seine Ziele erreicht — egal, welche es sind. Erreiche ich meine Ziele, gleich welche, bin ich erfolgreich. Und Menschen wollen ihre Ziele erreichen, sie wollen erfolgreich sein. Dabei ist es egal, ob es ihnen um Geld geht, eine glückliche Partnerschaft, inneren Frieden, Ruhe und Harmonie, Geltung, Erkenntnisgewinn oder tiefgründige Spiritualität. Sogar Uneigennützigkeit und Fürsorge können Erfolgsziele sein oder das Gefühl, viel Gutes zu tun.

Und viele erfolglose Menschen beneiden erfolgreiche Menschen. Ein Wissenschaftler beispielsweise kann erfolgreich sein nach einem gelungenen Experiment, und wir wissen aus der Forschung, dass Neid den Alltag in den Universitäten bestimmt. Es muss also nicht um Geld gehen, sondern es geht um das Erreichen der eigenen Ziele. Jemand, für den Status keine Rolle spielt, wird niemanden beneiden, der in Sachen Status Erfolg hat. Menschen beneiden einander meist nur dann, wenn der eine in der gleichen Kategorie (Status, Erkenntisgewinn, Ruhm, Geld, Liebe) erfolgreicher ist als der andere und wenn man sich den jeweiligen Erfolg nicht gönnt. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen Neid und Missgunst: Neid bedeutet „Ich will auch“; Missgunst heißt „Ich wünsche dem anderen Misserfolg“. In Deutschland ist meistens beides gepaart.

Der Zusammenhang zwischen Erfolg und Arroganz ist einfach gezogen: Trifft ein Erfolgloser einen Erfolgreichen, so wird er ihm Arroganz vorwerfen, wenn er mit dem Denkfilter „Erfolgstypen halten sich für was Besseres“ denkt. Wenn er mit dem Denkfilter denkt: „Von erfolgreichen Menschen kann ich was lernen“, wird er keine Arroganz wittern, sondern seine Ohren aufmachen zum Zuhören und den Erfolgreichen fragen, was er getan hat, um so erfolgreich zu sein. Und erfolgreiche Menschen verraten ihre Rezepte gerne, leider nur fragen die Erfolglosen sie zu selten. Viele Erfolglose beschränken ihre Kommunikation auf das Vermitteln von Neidgefühlen — doch für die kann der Erfolgreiche nun wirklich nichts, und zudem werden Erfolglose durch Neid nicht erfolgreich.

Allerdings wissen Erfolgreiche, dass erfolglose Menschen auf erfolgreiche Menschen neidisch sind und lassen sich von deren Angriffen daher oft nicht berühren. Das Problem entsteht schließlich in deren Kopf. Erfolglose Menschen beneidet man nun mal kaum.

Trifft ein Erfolgreicher hingegen einen Erfolgreichen, dann wird vermutlich keiner dem anderen Arroganz vorwerfen, weil beide vermutlich wissen, dass sie sich nur auf hohem Niveau bewegen. Oft gibt es da keinen Neid, sondern Interesse. Der eine ist im Gebiet eins stärker als der andere, der andere auf Gebiet zwei — und so wird jeder den anderen fragen, wie er es auf seinem Gebiet zu dem bewundernswerten Erfolg geschafft hat. Beide werden die Ohren aufmachen und zuhören. Sie werden aus dem Gespräch sehr viel mitnehmen: neue Rezepte, Wege, Strategien. Keiner von beiden ist arrogant. Beide sind auf Augenhöhe.



2 Kommentare zu „Ich arrogant? Da steh ich drüber!“

  1. eule70

    Mir fehlt hier der Begriff „Empathie“, die Fähigkeit sich in andere Situationen hineinzudenken. Wenn die Person auf „hohem Niveau“ (was meinst Du eigentlich damit- besonders große Intelligenz, hohe akademische Ausbildung, hohe Stellung in der Hierarchie?) sich ein bisschen in die Situation eines Menschen auf „niedrigerem Niveau“ hineindenken könnte, würde sie in der Kommunikation mit ihm eben nicht voll auf ihrem „Niveau“ bleiben, sondern z.B. so sprechen, dass diese Person mithalten kann (was nicht heißt, belehrend d.h. herablassend zu sprechen). Auch eine sehr erfolgreiche Person kann sich weniger erfolgreichen gegenüber auch ein bisschen zurücknehmen – was nicht heißt, dass sie in Mitleid zerfließen muss, wenn die andere sich nur nicht sehr anstrengen wollte.

  2. Thilo

    Du hast Recht! Mir fehlt auch die Empathie. Mir fehlt die Empathie der Erfolglosen, denn sie verstehen es selten, sich in die Erfolgreichen reinzudenken. Verstünden sie es, wären sie wohl selbst erfolgreich.

    Das Hineindenken in Erfolglose geht für erfolgreiche Menschen dagegen schon, weil sie meistens selbst all das schon durch haben und sicher auch mal selbst erfolglos waren. Anders herum wird es schwieriger. Daher vermisse ich eher die Empathie der Erfolglosen gegenüber den Erfolgreichen.

    Wenn man selbst mal erfolglos war und dann erfolgreich ist, dann hat man eine gewisse Entwicklung eben schon durch und weiß, dass man sich bewegen kann. Insofern fällt es eben schwer zu akzeptieren, dass andere sich nicht bewegen, während man sich selbst ständig bewegt (ohne Bewegung kein Erfolg).

    Irgendwann weißt du einfach, dass dein Leben von heute ist die Folge deines Handelns von gestern ist. Und du weißt auch, dass auch die anderen das wissen, zumindest unbewusst. Und dann fragst du dich schlicht: Wenn sie es schon wissen, warum setzen sie dieses Wissen dann nicht um? Und da weicht die Empathie eben der Ratlosigkeit.

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