Als vor einigen Tagen die Schlagzeile lief, Jugendliche hätten in München in der U-Bahn Leute verhauen, habe ich mich gewundert. Ist das dank dem betörenden Mix aus Schwarzpulver, Alkohol und Testosteron nicht normal? Passiert das nicht ständig? Dann kurz darauf gab es einen „Vorfall“ in Berlin, und brav trieben die Medien auch diese Sau durchs Dorf. So eine stinknormale Geschichte, gerade um Silvester, wo manche Szene eh aufgeheizt ist. Musik zu laut? An Silvester? Es gibt nun mal aufs Maul, wenn man den falschen Leuten falsch kommt. Das ist wahrlich nicht neu.
Selektive Wahrnehmung ist eine spannende Sache. In der Publizistikwissenschaft gibt es den Begriff des „agenda setting“, wonach Medien vorgeben, worüber die Öffentlichkeit spricht. Zudem gibt es den Begriff des „gatekeepers“, wonach Medien manche Nachrichten als Nachrichten zulassen und manche nicht. Gepaart bewirken beide Phänomene etwas, was mein Prinzip des Gedankenrecyclings in die Massenkommunikation überträgt. Gedankenrecycling bedeutet mehr als nur selektive Wahrnehmung: Wir nehmen nicht nur einen Teil der Realität wahr (beispielsweise den Teil, den Medien vorgeben, und solange nichts berichtet wird, erfahren wir eben nichts von Jugendgewalt), sondern gleichen unser Bild der Welt mit denselben Filtern mit der anscheinend „objektiv“ wahrgenommenen Realität ab. Dabei lassen wir (so einfach gestrickt sind wir Menschen) nur die Ergebnisse zu, die wiederum dem entsprechen, was wir erwarten.
Nein, ich glaube nicht, dass ich Zahlen liefern muss, um zu belegen, was ich meine: Ich denke, die Jugendgewalt hat nicht so massiv zugenommen, wie man uns einreden will. Beziehungsweise zunächst mal: Der Fall in München ist nicht ausgerechnet der, der das Fass zum Überlaufen bringt und einen solchen massenmedialen Riesenaufwasch rechtfertigt. Es war halt Nachrichtenflaute, und irgendwas musste ins Blatt. Gewalt unter Jugendlichen und Gewalt von Jugendlichen gegen Erwachsene gab und gibt es immer, ich denke da an die Rocker-Gangs, die sich schon Anfang der 70er in schwäbischen Kleinstädten die abgebrochenen Bierflaschen in die Bäuche rammten oder prügelnde Menschenknäuel, die die Treppenhäuser von Jugendzentren runterpolterten, ebenso wie an eingeschlagene Nasen und Fressen von pädagogischem Personal, Polizisten und sogar Krankenschwestern und Ärzten. Jede Bushaltestelle mit den üblichen Verdächtigen mit ihren Mofas war lange Jahre eine Falle für Vorübergehende. Dieses Phänomen scheint in meinen Augen sogar eher abgenommen zu haben.
Und wie oft berichtete mir der Lagedienst der Berliner Polizei zu später Stunde am Telefon der Schlussredaktion von Schlägereien zwischen Jugendlichen, und es wurden halt acht Zeilen in der Meldungsspalte? Bis ein Fotograf dort ist, ist das Motiv längst weg, und nur wenn man Glück hat, ist einer der freiberuflichen Informanten für Polizeigeschichten mit seiner Kamera früher am Tatort als der Notarztwagen. Falls nicht: Vom Polizeibericht abschreiben kann man es tags drauf immer noch, wenn man will. Und liegt ein Prominenter im Krankenhaus, der bald seinen Verletzungen erliegt, schickt man den Fotografen eben dorthin. Aber dann machen es eh alle, und es ist nicht mehr sooo sexy exklusiv.
Was eine Nachricht ist und was nicht, dazu kennt die Publizistikwissenschaft die so genannten Nachrichtenfaktoren. Aus dem ganzen akademischen Gedöns habe ich eine einfache Formel gemacht: Nachrichtenwert ist gleich die Anzahl der Toten mal Promi-Faktor mal Beliebtheit der Opfer geteilt durch Entfernung des Geschehens vom Ort des Lesers. Und gemessen daran ist die Prügelei in München für Leser von Berliner Lokalzeitungen eine Nullnachricht und bestenfalls ein Zeichen dafür, dass die Kollegen nichts zu berichten hatten.
Also machen sie das übliche nächtliche U-Bahn-Gepöbel zur Story. Was mir wiederum sagt, dass Berliner Lokaljournalisten selten nachts U8 fahren, denn sonst wüssten sie, was hier in Berlin los ist. Sie sind noch nie Samstagnacht um eins am Hermannplatz umgestiegen oder die Reeperbahn runtergelaufen, sie scheinen keine Volksfeste in Kleinstädten zu besuchen, keine Dorfdiscos zu kennen, und sie bewegen sich nicht in die Nähe von Schulen oder gar Jugendzentren, sei es in den 70ern, in den 80ern, in den 90ern oder heute. Sondern sie brauchen eine Nachricht aus München, um auf die Idee zu kommen, Jugendgewalt sei ein Phänomen.
Und zack — gibt es einen Fall in Berlin. Nicht etwa, weil es sich häuft. Sondern weil wir im Sinne der selektiven Wahrnehmung unser Auge darauf richten. Wir sehen nur, was wir sehen wollen (oder schlimmer: was wir sehen sollen). Und je mehr wir nach den Gewaltfällen suchen, desto mehr davon werden wir finden — nicht weil es mehr davon gäbe als früher, sondern weil wir unseren Suchfilter in unserer Dummheit brav justiert haben, und das nur, weil um den Jahreswechsel in München Nachrichtenflaute war.
Das Gedankenrecycling — also unsere Eigenart, das Wahrgenommene mit unseren Erwartungen abzugleichen und nur jene Übereinstimmungen zu akzeptieren, die eben unseren Erwartungen entsprechen — bewirkt dann, dass wir an eine Zunahme der Gewalt in dieser Form tatsächlich glauben. Und etwas zu glauben hat mit Wissen nicht mehr allzu viel zu tun. Im Grunde verhält sich die Jugendgewalt publizistisch nicht anders als Knut: Eigentlich ist da nur ein kleiner Eisbär.
Das Problem insbesondere bei Printmedien ist: Nicht die Nachrichtenlage entscheidet über den Platz im Blatt, sondern der Verlag. Wie viele Anzeigen sind da, welche Musts haben wir, wie viel Platz bleibt für redaktionelles Gefüllsel — und davon wegen des einbrechenden Anzeigengeschäfts und der durch die elende Sparerei sinkende Auflage (vulgo: Missmanagement) bitte möglichst wenig. So landet Pi mal Daumen immer etwa die gleiche Anzahl von Storys im Blatt. Ist gerade Nachrichtenflaute (Sommerloch, Weihnachten, Jahreswechsel), ergibt sich dadurch automatisch ein geringerer Wert der jeweiligen Nachrichten. Es ist nicht so, dass die Zeitungen nur das Interessante brächten, also unterm Strich weniger. Sondern sie bringen genauso viel. Und da der Wert der Nachrichten insgesamt sinkt, landet auf der Eins auch mal eine gewöhnliche Schlägerei in einer nächtlichen U-Bahn.
Auf diese Weise Journalismus zu machen, kann man auch unethisch finden oder es sogar Betrug am Leser nennen. Wenn es nichts zu berichten gibt, mögen die Zeitungen doch bitte schweigen. Tun sie aber nicht. Wer diesen Zusammenhang nicht kennt, lässt sich schnell vom oberflächlichen Dahinberichten beirren, wettert über zunehmende Gewalt und fordert härtere Gesetze. Sobald die Not nachrichtenarmer Redaktionen in der Politik gelandet ist, nimmt das Unglück seinen Lauf, denn Politiker sind selten intelligenter oder lebenserfahrener als Journalisten.
Mal abgesehen davon, dass unsere Gesetze hart genug sind, wenn nur die Gerichte nicht jeden Fall einstellen würden — Strafen bräuchten wir für verlogenes Aufbauschen von Pseudonachrichten und gezielte Desinformation der demokratischen Öffentlichkeit. Mir ist schlicht schleierhaft, wie Journalisten und Politiker eine Zeitung wie die „Bild“ noch immer ernst nehmen und als „Leitmedium“ betrachten, die nicht einmal acht (?) Millionen Leser hat. Das Fatale im so genannten Journalismus ist die Oberflächlichkeit, wie sie weiland Sabine Christiansen mit ihrer Talkrunde wöchentlich zelebrierte: Kaum erschien ein Thema am Horizont, riss sie es an sich und machte daraus einen Elefanten. Und plötzlich denkt die deutsche Öffentlichkeit über *irgendwas* nach, über Dinge, die es längst schon gibt und nichts Neues sind — anstatt sich mit den wirklichen Themen der Gegenwart zu befassen. Beispielsweise mit der Manipulierbarkeit von Journalisten durch Gedankenrecycling und der Dummheit von Öffentlichkeit und Politik.



danke, das ist ein schöner einblick. hilft zu verstehen! :-)
Und Roland Koch hat endlich ein Wahlkampfthema, um sich in Hessen an die Macht klammern zu können.
Das ist so widerwärtig, daß mir die Worte fehlen.
Ach ja, Ergänzung:
http://www.tagesschau.de/jugendkriminalitaet2.html
Sehr schöner Artikel!
Ich finde es immer sehr entspannend, wenn man einer hitzigen Debatte klare Fakten entgegensetzt, was aber natürlich auch oft voll in die Hose geht und pseudowissenschaftlicher Quark herauskommt.
Interessant wäre jetzt, wie man das „früher-war-alles-besser-Denken“ in das Gedankenrecycling integrieren kann.
Vielleicht so, dass der Abgleich mit den Erfahrungen/Erwartungen immer ein bisschen zu negativ ausfällt?
Ansonsten fällt mir noch eine Studie (ich glaube aus dem Jahre 2006) ein, zu der Leute befragt wurden, wie sich denn die Zahl der Kindesmissbräuche im Zeitraum X entwickelt hat.
Der Durschnitt der Vermutungen war ein Anstieg um 200%. In Wirklichkeit nahm die Zahl der Kindesmissbräuche jedoch um 5% (oder waren es 8%?) ab.
Woher die gefühlte Verdreifachung kam, ist, glaube ich, kein Geheimnis…
Die Titanic, die man ruhig des öfteren bei aufgeregten Debatten zu Rate ziehen kann äußert sich so.
beim lawblog gefunden:
die Koch-Rezepte:
http://www.hessen.de/irj/hesse.....505eb31b65
…und was noch weggespamfiltert wurde war die Ergänzung zur Bild: Auflage 3,5 Mio; 11,5 Mio Leser
@ wm: Der Denkfilter „Früher war alles besser“ ist einer von vielen möglichen.
1. Du suchst Beispiele, wo früher alles besser war, und ignorierst alles Gegenteilige;
2. Du fühlst dich dadurch in deinem Denken bestätigt;
3. Dadurch konzentrierst du dich unbewusst und bewusst darauf, Dinge zu finden, die früher besser waren;
4. Du findest immer mehr davon;
5. Du beginnst, die Dinge, die früher schlecht waren und nicht zu übersehen sind, entweder zu ignorieren oder dir schönzureden als Dinge, die besser waren. Die zweite Variante ist die schlimmere Form des Selbstbetrugs.
6. Du erzählst deinen Kindern davon, und sie werden (zumindest zunächst) deinen Denkfilter übernehmen. Ebenso wie sie übernehmen „Teller muss man leer essen“, „Nationalität XY ist schlecht“, „Gott ist tot“, „Gott lebt“, „Sport ist Mord“ oder „Sport ist toll“.
7. Wenn deine Kinder dumm sind, werden sie die Muster beibehalten, und rücke vor auf Eins.
Ach ja. Drei Nachträge noch. Einer zur Debatte, der zeigt, wie insbesondere die „Bild“ aus der Diskussion einen Vorteil in der Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts zu schlagen versucht:
http://www.bildblog.de/2700/di.....auslaender
Einer, der zeigt, wie sich die Politik von den Medien an der Nase herumführen lässt (es geht mir hier nicht um das NRW-Camp, das muss früher geplant gewesen sein und dient schlechten Journalisten hier als scheinbarer Anknüpfungspunkt – es geht um die Äußerung der Kanzlerin):
http://www.tagesschau.de/inlan.....alt18.html
Und einer, der zeigt, wie sich die Medien in Scheindebatten dazu hinreißen lassen, weiterhin Nullnachrichten zu bringen. Hier der (öffentlich-rechtliche) Bayerische Rundfunk:
http://www.br-online.de/bayern...../index.xml
Fazit für heute Abend für mich: Wir leben in einem echt seltsamen Land, das die falschen Dinge reguliert und sich um die wichtigen nicht kümmert. Und die Presse kommt ihrer Aufgabe nicht nach, für Klarheit zu sorgen. Tja.
glücklicherweise gibt es auch noch andere stimmen aus der presse, aber die werden wohl zu wenig gelesen…
http://www.fr-online.de/in_und.....4f0a3f7d51
http://www.berlinonline.de/ber.....13904.html
gefunden bei: http://www.nachdenkseiten.de (sehr empfehlenswert!)
Danke für den Link zu den Nachdenkseiten. Nehme ich in die Blogroll auf.
Nachtrag. Jetzt macht der „Spiegel“ daraus auch noch einen Titel. Ich glaube, jetzt ist es so weit und ich cancel das Abo.
Nochn Nachtrag:
http://www.bildblog.de/2705/al.....t-ueberall